„Licht ist der Taktgeber des Körpers“

Direktor der Augenklinik warnt vor dauerhafter Sommerzeit

Bremen – In der Diskussion um die Abschaffung der Zeitumstellung warnt der Bremer Chefarzt Erik Chankiewitz davor, die Sommerzeit als dauerhafte Lösung zu wählen. „Die dauerhafte Abschaffung der Winterzeit kann zu erheblichen Gesundheitsstörungen führen“, sagte der Direktor der Augenklinik am Klinikum Bremen-Mitte. Eine künstliche Verlängerung der Helligkeit abends, wie es bei einer ständigen Sommerzeit der Fall wäre, könne beim Menschen den Tag-Nacht-Rhythmus verschieben.

Frühes Wachwerden, vermehrte Tagesmüdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und Stimmungstiefs könnten Folgen sein. Es drohten aber auch organische Probleme wie Stoffwechselstörungen wegen eines erhöhten Insulin-Bedarfs, Herz-Kreislaufstörungen, Hormon-Veränderungen und ein geschwächtes Immunsystem. 

Erik Chankiewitz

„Licht ist der wichtigste Zeitgeber unseres Körpers“, sagt Chankiewitz. Das zeige sich beispielsweise beim Blick auf das Smartphone oder das Tablet, die das Gefühl der Müdigkeit hinauszögern könnten. „Das Schlafhormon Melatonin wird von der Zirbeldrüse ausgeschüttet und hilft dabei, dass sich der Schlafrhythmus einpendelt.“ Bei mehr Licht werde Melatonin weniger stark ausgeschüttet. „Die Folge: Der Körper merkt nicht, dass die Ruhephase begonnen hat.“

„Die Wahrnehmung des Lichtes ist eng an die Funktion des Auges gekoppelt“, sagt Chankiewitz. „Bei Erblindung etwa läuft die innere Uhr frei, so dass Patienten zeitweise völlig desynchronisiert sind und nachts wach und tagsüber müde sind.“

Die Abgeordneten des EU-Parlamentes hatten am Dienstag mehrheitlich für eine Abschaffung der Zeitumstellung ab dem Jahr 2021 gestimmt. Der Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit ist seit Jahren umstritten. Seit 1996 werden in der Europäischen Union am letzten Sonntag im März sowie am letzten Sonntag im Oktober die Uhren jeweils eine Stunde umgestellt. Die nächste Umstellung auf die Sommerzeit steht am Sonntag an. Dann werden die Uhren um 2 Uhr nachts eine Stunde vorgestellt auf 3 Uhr.

Heiner Wenk

Jede Zeitumstellung hat Auswirkungen auf den Körper. „Gesunde Menschen fühlen sich vielleicht etwas müde und antriebslos, die Zeitumstellung ist für sie aber nicht gefährlich – eher etwas unkomfortabel“, sagt der Gefäßmediziner Prof. Dr. Heiner Wenk, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Gefäß- und Viszeralchirurgie am Klinikum Bremen-Nord. 

Etwas risikoreicher könne die Zeitumstellung für Menschen mit Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems sein. Das hänge damit zusammen, dass in den frühen Morgenstunden die Gefahr etwa für einen Herzinfarkt generell höher sei als zu anderen Tageszeiten. Denn: Der Stresshormon-Spiegel steige besonders in der Aufwachphase. Die Nebenniere fahre etwa gegen vier Uhr die Produktion des Stresshormons Cortisol hoch. „Wenn man zu dieser Uhrzeit wach wird, kann das Wiedereinschlafen besonders schwer werden.“

Anfällig für Schlafprobleme sind laut dem Arzt zudem ältere Menschen. Gerade bei ihnen könne sich die Gewöhnung an den neuen Zeitrhythmus einige Tage oder sogar Wochen hinziehen, da bei ihnen das Schlafhormon Melatonin weniger stark produziert werde. Wer trotz Zeitumstellung eine möglichst ruhige Nacht haben und anschließend möglichst stressfrei aufstehen möchte, der sollte laut Wenk eine Stunde früher ins Bett gehen.  

epd/je

Rubriklistenbild: © Martin Schutt/dpa

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