Bremen bremst Aggressivität im Verkehr aus

Kampagne: „Licht an, Du Arsch!“

Schimpfworte und alltägliche Konflikte auf leuchtend blauem Grund – die Plakate der Gemeinschaftskampagne von ADAC, ADFC und Verkehrsressort sind jetzt auf Bremens Straßen zu sehen. Sie werben für größere Gelassenheit im Straßenverkehr. Foto: KUZAJ
+
Schimpfworte und alltägliche Konflikte auf leuchtend blauem Grund – die Plakate der Gemeinschaftskampagne von ADAC, ADFC und Verkehrsressort sind jetzt auf Bremens Straßen zu sehen. Sie werben für größere Gelassenheit im Straßenverkehr.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Der Paketbote parkt mal eben auf dem Radweg. Radfahrer brausen durch die Fußgängerzone. Der Rechtsabbieger übersieht den Radler. Der Autofahrer ärgert sich über Radfahrer, die ihm entgegenkommen. Und so weiter, und so fort – im Straßenverkehr gibt es tagtäglich mehr Konflikte als bei den „Bergrettern“, bei „Germany‘s Next Topmodel“ und in der „Sachsenklinik“ zusammen. Besonders Auto- und Radfahrer kommen sich häufig in die Quere.

Gelassenheit ist gefragt

Manchmal kracht‘s, häufiger noch gibt‘s Krach. Hier setzt eine Kampagne an, die der Autofahrer-Club ADAC Weser-Ems (Sitz: Bremen), der Radfahrer-Verein ADFC und das Bremer Verkehrsressort gemeinsam auf die Beine gestellt haben: „Auch, wenn Du recht hast – #fahrrunter“. Ziel ist es, aufbrausende Verkehrsteilnehmer zu größerer Gelassenheit zu bewegen. Damit es nicht so oft Krach gibt auf Bremens Straßen. Die Gemeinschafts-Kampagne stößt bereits weit über Bremens Grenzen hinaus auf Interesse, sagten die Initiatoren am Freitag bei der Präsentation der Plakatmotive, Postkarten und Mini-Broschüren. Auch Anzeigen gehören zur Kampagne. Auf Twitter, Facebook und Instagram sollen Diskussionen zum Thema in Gang kommen.

Autofahrer missachtet Vorfahrt, Radler saust ohne Licht durch die Nacht, Autotür öffnet sich und zwingt Radfahrer zu rasantem Ausweichmanöver – alltägliche Situationen, zu denen es nicht durchweg mit Absicht kommt, wie die Kampagnen-Macher betonen. Jeder macht ja mal einen Fehler. Zuweilen kommt es auch situationsbedingt dazu. Doch statt Nachsicht zu üben und Verständnis füreinander zu zeigen (eben: Wut und Aggression runterzufahren), wird auf den Straßen geschimpft und gedroht – davon können auch Polizei und Staatsanwaltschaft ein Lied singen. Oft fallen harte Worte. Aus diesem Grund arbeite die Kampagne (Entwürfe: Agentur „id werk“) mit recht deftiger Sprache, heißt es.

Deftige Wortwahl

„Verpiss Dich!“ – „Licht an, Du Arsch!“ – „Rechts vor links, Du Hackfresse!“ Auf knallblauem Grund kommen stilisierte Rad- und Autofahrer einander auf zehn Motiven ruppig in die Quere. „Die Kampagne funktioniert so, dass man den Menschen einen Spiegel vorhält“, sagt Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne). „Wir haben bewusst Schimpfworte gewählt, die so und noch viel krasser auch im täglichen Miteinander im Straßenverkehr fallen. Das erzeugt eine Grundaggressivität, die der Verkehrssicherheit komplett entgegensteht.“

„Die Sprüche sind so deftig, weil die Kampagne sich an jene richtet, die sich so verhalten“, sagt Thomas Burkhardt, Vorsitzender des ADAC Weser-Ems. „Manche glauben, die Rallye Monte-Carlo oder die Tour de France finde im Straßenverkehr statt.“

Dabei sei es doch so: „Nur die wenigsten Menschen bewegen sich ausschließlich mit dem Auto oder dem Fahrrad. Die allermeisten von uns nutzen beide Verkehrsmittel und sind außerdem zu Fuß unterwegs. So gesehen bedeutet Verständnis für andere immer auch Verständnis für die Rolle, in der wir uns selbst immer wieder einmal bewegen.“

ADAC und ADFC gemeinsam

Radfahrer? Autofahrer? „Wir sind fast alle beides“, so sieht es auch Bonnie Fenton, Vorstandsvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Bremen. „Wenn wir alle ein gutes Stück ,runterfahren‘ und nicht gleich ausrasten, gewinnen alle.“

Autofahrer, Radfahrer und Verwaltung gemeinsam – die Bremer Kampagne, zu der neben 80 000 Postkarten unter anderem auch Großflächenplakate, 100 City-Light-Poster und 100 Plakate an Elektrokästen gehören, weckt auch andernorts Aufmerksamkeit. Der ADAC beispielsweise meldet Interesse aus Oldenburg und Köln. „Einige Landesverbände sind ein wenig neidisch auf die gute Zusammenarbeit“, sagt Bonnie Fenton vom ADFC. Schaefers Sprecher Jens Tittmann berichtet von einem „positiven Echo vom Deutschen Städtetag“. Die Verkehrskonflikte ähneln sich eben überall. Bremen will nun wenigstens die Aggressivität auf den Straßen ausbremsen.

Kommentar zum Thema

Mit Regeln fährt man besser

Von Thomas Kuzaj

Eigentlich ist es ja ganz einfach mit dem Straßenverkehr: Ich habe recht und die anderen nicht. Wer so denkt, kommt gut voran auf unseren Straßen – egal, mit welchem Fahrzeug. Mehr Rücksichtnahme im Straßenverkehr? Schon in den 70ern wurde mit Appellen, Spots und Plakaten versucht, die Verkehrssicherheit zu verbessern. Zum Beispiel mit der „Hallo-Partner“-Kampagne des Verkehrssicherheitsrats ab 1971.

Das ist bald 50 Jahre her. Andere Versuche folgten. Und nun gibt es in Bremen einen weiteren. Das ist aller Ehren wert. Die Erfahrung aber zeigt, dass das nicht reichen wird. Adrenalinschübe, Egoismus und Rechthaberei lassen sich mit Appellen nicht ausbremsen. Auch die demonstrative Zusammenarbeit von ADAC und ADFC wird Pedal-Ultras und Auto-Apostel kaum erreichen.

Besser fährt man mit klaren Regeln – und der Kontrolle der Einhaltung dieser Regeln. Auf vielen Bremer Straßen wird zuviel Kuddelmuddel toleriert. Auch deshalb kracht es oft im Verkehr, mal verbal, mal schlimmer.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

„Ist das noch Relegation oder schon Kreisliga?“ - Netzreaktionen zu Werder gegen Heidenheim

„Ist das noch Relegation oder schon Kreisliga?“ - Netzreaktionen zu Werder gegen Heidenheim

"Cyberpunk 2077", "Doom Eternal" und "Half-Life": Diese Spielekracher erscheinen 2020

"Cyberpunk 2077", "Doom Eternal" und "Half-Life": Diese Spielekracher erscheinen 2020

So fährt sich ein E-Klapprad

So fährt sich ein E-Klapprad

Fotostrecke: Werders Wasserschlacht gegen Heidenheim

Fotostrecke: Werders Wasserschlacht gegen Heidenheim

Meistgelesene Artikel

Reitwege werden Radwege

Reitwege werden Radwege

Thekenaufsatz statt Stadiondach

Thekenaufsatz statt Stadiondach

Bremen: 700 filigrane Flugkünstler

Bremen: 700 filigrane Flugkünstler

Palmen und Livekonzerte in Bremen: Mit Aktionstagen durch den Sommer in der City

Palmen und Livekonzerte in Bremen: Mit Aktionstagen durch den Sommer in der City

Kommentare