Landgericht spricht Urteil

Bremer muss in die Psychiatrie – unbefristet

Der Angeklagte berät sich mit seinem Verteidiger im Gerichtssaal.
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„Ich wurde vergessen“: Der Angeklagte beklagte vor Gericht jahrelanges Mobbing durch Kollegen. Neben ihm: Sein Verteidiger Philip Martel.

Ein 64-Jähriger, der seinen ehemaligen Vorgesetzten an der Uni attackiert hat, soll lebenslang in die Psychiatrie. Das forderten Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Und so hat Bremer das Landgericht am Dienstag nun auch entschieden.

Bremen – Die Richter haben den 64 Jahre alten Mann wegen Schuldunfähigkeit vom Vorwurf des Mordversuchs freigesprochen. Der Angeklagte hatte im Juli vergangenen Jahres seinem Ex-Chef in einem Technikraum der Universität Bremen mit einer Eisenstange auf den Hinterkopf geschlagen. Das Gericht hat die unbefristete Unterbringung des Angeklagten in einer forensischen Klinik angeordnet. Da der Mann während der Tat nicht schuldfähig handelte, könne er nicht bestraft werden, sagte der Vorsitzende Richter Björn Kemper. Ohne psychiatrische Behandlung stelle der Angeklagte eine Gefahr für die Allgemeinheit dar.

Die Kammer sah es als erwiesen an, dass der 64-Jährige einen technischen Defekt auslöste und seinen Chef mit einer Eisenstange attackierte. Sein Plan sei es gewesen, den 51 Jahre alten Mann „zur Rede zu stellen“ und ihm im Anschluss mit einem Beil „den Schäden zu spalten“. Zwar hatte der Angeklagte während des Prozesses geäußert, er habe keine Tötungsabsicht gehabt, das Gericht folgte dieser Version jedoch nicht. Da der Mann seit vielen Jahren an einer Persönlichkeitsstörung leide und zum Tatzeitpunkt eine schwere depressive Phase durchlebt habe, handelte er laut Gutachten mit zumindest erheblich verminderter Schuldfähigkeit. Fest steht laut Gericht, dass der seit Jahrzehnten schwer depressive 64-Jährige „nicht die Hilfe bekam, die er benötigte“, so Richter Kemper, der die juristische Aufarbeitung „ein tragisches Verfahren für beide Seiten“ nannte.

Originalmeldung vom 28. Juni:

Im Verfahren gegen einen 64-Jährigen wegen versuchten Mordes an seinem einstigen Vorgesetzten (51) an der Bremer Uni haben am Montag die Verfahrensbeteiligten ihre Plädoyers gehalten. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Nebenklage und Verteidigung beantragten allesamt Freispruch für den ehemaligen Haustechniker. Der Mann soll in einer forensischen Klinik untergebracht werden.

Weil der Mann schuldunfähig gehandelt habe, sei er nicht zu bestrafen. Das kurz darauf geplante Urteil wurde aus „organisatorischen Gründen“ vertagt, so der Vorsitzende Richter Björn Kemper. Es soll heute, Dienstag, um 11 Uhr gesprochen werden.

Grundsätzlich habe sich der im Februar dieses Jahres zur Anklage gebrachte Sachverhalt bestätigt, sagte Oberstaatsanwältin Nadine Hartmann. So soll der damals 64 Jahre alte Mann und ehemalige Haustechniker der Universität Bremen am Morgen des 31. Juli bewusst einen technischen Defekt in einem Lüftungsraum ausgelöst und sich dort versteckt haben. Als kurze Zeit später sein damaliger Vorgesetzter den Raum betrat, attackierte der Angeklagte den Mann mit einer Eisenstange und schlug diesem mehrfach auf Kopf, Arme und Rücken.

Mordmotiv erfüllt?

Als das Opfer in einen angrenzenden Sozialraum floh, verfolgte der 64-Jährige den Mann und schlug mit einer mitgeführten Axt so heftig gegen die Tür, dass er bald darauf diese von außen öffnen konnte. Da der 51-Jährige abermals fliehen konnte und in Person eines Sicherheitsmitarbeiters Hilfe bekam, ließ der Angeklagte von seinem Vorhaben ab.

31. Juli 2020: Die Attacke eines 64-Jährigen auf seinen ehemaligen Vorgesetzten löst einen Großeinsatz an der Uni aus.

Während der Angeklagte in einer Einlassung einräumte, seinen ehemaligen Chef attackiert und ihn auch verletzt zu haben, stritt er mehrfach vehement ab, in Tötungsabsicht gehandelt zu haben. Die Einlassung überzeugte Anklägerin Hartmann indes nicht.

Das Mordmotiv der Heimtücke sei erfüllt – und doch sei der Mann nicht wegen versuchten Mordes zu verurteilen, sagte sie. Da laut psychiatrischem Gutachten seit Kindertagen eine Persönlichkeitsstörung mit depressiven Episoden vorläge, handelte der 64-Jährige nicht schuldfähig und sei entsprechend nicht zu bestrafen. Stattdessen ordnete Hartmann die Unterbringung in einer forensischen Klinik an – auf unbestimmte Zeit. Der Mann sei unbehandelt „weiterhin gefährlich“. Ihn in die Freiheit zu entlassen, sei „unverantwortlich“. „Grundsätzlich kann jeder in den Fokus des Angeklagten geraten“, so Hartmann.

Ex-Chef als „Hauptfeind“

In seinem ehemaligen Chef habe er seinen „Hauptfeind“ gesehen. Über Jahre sei er von diesem gemobbt, denunziert und ausgegrenzt worden, so der Angeklagte. Die Arbeit an der Uni, die ihm Halt gab und Sinn stiftete, brach nach und nach weg. Finanzielle Probleme kamen hinzu, der Verlust seiner Wohnung drohte. So habe sich der 64-Jährige entschieden, seinem Leben ein Ende zu bereiten und seinen Vorgesetzten „mitzunehmen“. Als dieses Vorhaben scheiterte, begab sich der Mann auf das Dach eines Unigebäudes, sprayte „Mobbing“ an eine Wand, nahm mehr als 20 Tabletten – und wurde letztlich von einem Spezialeinsatzkommando festgenommen.

Der Verteidiger, Rechtsanwalt Philip Martel, will im Vorgehen seines Mandanten keine Tötungsabsicht erkennen. Es sei jahrelange Verzweiflung gewesen, die ihn zur Tat getrieben habe. „Mein Mandant hat alles versucht, er hat alles getan. Letztlich ist er am System gescheitert.“ Für den 64-Jährige komme im besten Fall eine stationäre Unterbringung infrage, er sei therapiebereit. Sein Angriff habe in erster Linie der Uni gegolten, nicht seinem einstigen Chef.

Allein den vom Angeklagten verursachten Schaden an einer Lüftungsanlagen von rund 107 000 Euro zeige, dass er es in erster Linie auf die Institution Uni abgesehen hatte und nicht töten wollte.

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