Opfer berichtet über Folgen der brutalen Attacke

Mordprozess gegen 24-Jährigen: Aus dem Leben geprügelt

Bislang kein Wort des Bedauerns: Der 23-jährige Angeklagte (rechts) will nicht in Tötungsabsicht gehandelt haben. Er gab mehrfach vor Gericht an, mit den Überfällen seinen Drogenkonsum finanziert zu haben. - Foto: Koller

Bremen - Von Steffen Koller. Schläge mit einer Axt, Angriff mit einem Messer, Attacke mit einer Stehlampe: Die Anklageschrift gegen einen 24-Jährigen, der sich seit August vor dem Landgericht Bremen unter anderem wegen Mordes in Bremerhaven verantworten muss, liest sich schier brutal. Am Donnerstag schilderte ein Opfer (46), wie sich sein Leben durch den Überfall verändert hat.

Früher, da war sein Leben in Ordnung. Genauso, wie es war. Heute ist nichts mehr wie früher. Heute braucht der 46-Jährige Zeit, um Worte zu finden. Sein Geburtsdatum weiß er, doch stellt es für den Braker Geschäftsmann eine große Hürde dar, seine Gedanken in einen Satz zu packen. Leise, ganz vorsichtig, nennt er seinen Namen und versucht, der Vorsitzenden Richterin mit Gesten zu verdeutlichen, wann er geboren wurde.

Dass sein Leben sich um 180 Grad gedreht hat, dafür ist, daran hat die Staatsanwaltschaft keinen Zweifel, der 24-jährige Angeklagte verantwortlich. Der junge Mann, dem der Prozess von einem Dolmetscher übersetzt wird, soll den Autohändler am 12. Februar dieses Jahres überfallen, mit vollen Sektflaschen auf seinen Kopf geschlagen und ihn ausgeraubt haben. Danach habe er sein Opfer liegengelassen. Eine Entscheidung, die den Mann fast das Leben kostete.

Es war, so wird vor Gericht deutlich, wohl nur ein glücklicher Zufall, dass der Besitzer eines Autohauses überhaupt gefunden wurde. Mindestens 24 Stunden habe der Mann zusammengekauert in seinem eigenen Blut gelegen, sein Schädel war offen, im Inneren des Hauses fanden sich Spuren eines Kampfes. Wenige Stunden vorher, so berichtet es ein Polizist (32), habe ein Jogger die Geldbörse des Opfers in einem Gully gefunden und bei der Dienststelle abgegeben. Fundsachen seien eigentlich „reine Routine“, doch an diesem Tag entschieden sich die Beamten, das Portemonnaie persönlich abzugeben. „Es war Wochenende. Es war ein kurzer Weg, und wir fuhren los.“ Eine Entscheidung, die dem Mann wohl das Leben rettete.

Was sich genau am 12. Februar an der Langen Straße im Süden Brakes abspielt hat, weiß der gelernte Kfz-Mechaniker nicht – alles, was einen Monat vor der Tat geschah, sei weg. Ausgelöscht durch die kraftvollen Schläge des Angreifers auf den Kopf des Zeugen, der nach dem Überfall einen Monat im künstlichen Koma lag. „Alles“ habe sich geändert, „nichts“ sei so wie früher, sagt der Mann in Jackett und weißem Hemd, der trotz seines Schicksals ein höfliches Lächeln im Gesicht trägt. Fünfmal die Woche gehe er zur Therapie, für täglich eine Stunde schafft er es in seine Firma, in der er früher Rechnungen und Kundenwünsche bearbeitete. Rechnen kann er heute nicht mehr. Ob er überhaupt voll genesen wird, ist ungewiss.

Nach Spurenlage muss der Täter mit unfassbarer Brutalität vorgegangen sein. Der Polizist sagt: „Es war überall Blut – am Boden, an der Decke, zwei große Lachen auf dem Boden. Ich dachte, dort liegt eine Leiche.“ Er ist sich sicher: „Wäre der Mann nicht gefunden worden, wäre er heute tot.“ Beim Angeklagten, der zur Tatzeit ganz in der Nähe in einer Unterkunft für südosteuropäische Arbeiter gewohnt hat, wurde später die gestohlene Uhr des Opfers gefunden. Er soll sie am Arm getragen haben. So viel Glück wie der 46-Jährige – wenn man es so nennen will – hatte ein anderes Opfer nicht. Der Mann starb, vermutlich durch Schläge mit einer Axt, für die auch der 24-Jährige verantwortlich sein soll. Das war nur eine Woche nach dem Überfall in Brake.

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