„Extrem selbstbezogen“

Prozess gegen Pflegehelfer: Gutachterin hält Angeklagten für voll schuldfähig

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„Voll schuldfähig“ zur mutmaßlichen Tatzeit – zu diesem Ergebnis kam das psychiatrische Gutachten über den Angeklagten (rechts).

Viel war über einen 39-jährigen Pflegehelfer, dem die Anklage gefährliche Körperverletzung an zwei Altenheimbewohnerinnen vorwirft, bislang nicht bekannt. Am Donnerstag sagte die psychiatrische Sachverständige Dr. Imke Mundorff-Vetter vor dem Landgericht Bremen aus und stellte ihr Gutachten über den Mann vor. Es lieferte erschütternde Einblicke in das Leben des Angeklagten.

Bremen - In sich gesunken, den Blick Richtung Boden, sitzt der 39-Jährige auf der Anklagebank. Seine Beine wippen unaufhörlich auf und ab. Blass und abgekämpft wirkt der Mann, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, zwei 75- und 89-jährigen Seniorinnen Insulin verabreicht zu haben, ohne dass dafür eine medizinische Indikation vorlag. Durch die anschließend durchgeführten Reanimationsversuche erhoffte sich der Mann, so sieht es die Anklage, Aufmerksamkeit. Einmal allen zeigen, was er kann, dahinter stecke sein Motiv.

Blickt man auf das Leben des Angeklagten, wird schnell deutlich: Die Ursprünge für die mutmaßlichen Verbrechen könnten in seiner Biographie liegen. 1980 in Bremen geboren, hatte der heute 39-Jährige schon in Kindheitstagen mit Lernproblemen zu kämpfen. Er besuchte eine Sonderschule, wuchs mit insgesamt vier Geschwistern auf.

Früh erkrankten, so führt es die Fachärztin für forensische Psychiatrie aus, seine Eltern an Herzproblemen, zudem litten beide an Diabetes und waren alkoholabhängig. Zwei Flaschen Schnaps, so sagte er der Gutachterin, tranken diese täglich. „Das war die übliche Menge.“ Früh fühlte sich der Angeklagte ausgegrenzt und isoliert von seinen Klassenkameraden. Freunde hat er bis heute keine. Seit Kindheitstagen habe er seine Familie als „asozial“ wahrgenommen, die Möbel in der gemeinsamen Wohnung seien vom Sperrmüll gewesen. Statt für Essen gaben seine Eltern Geld für Alkohol aus, was ihn schon früh dazu gebracht habe, seinen Mitschülern regelmäßig die Pausenbrote zu stehlen. Es folgten mehrere Heimaufenthalte, zwischenzeitlich begab sich der Mann in eine psychiatrische Einrichtung, nachdem seine Mutter 1994 gestorben war und er vier Jahre später einen Suizidversuch unternommen hatte.

Zwischen seinem siebten und zehnten Lebensjahr, das gab der Angeklagte gegenüber der Gutachterin an, habe sich sein Vater regelmäßig an ihm und seiner jüngeren Schwester sexuell vergangen. Der Vater, in dessen Wohnung er später zog und den er als einziger aus der Familie pflegte, war zudem so schwer zuckerkrank, dass der 39-Jährige diesem regelmäßig Insulin verabreichte.

Die Alkoholabhängigkeit der Eltern sowie die sexuellen Übergriffe des Vaters sieht Imke Mundorff-Vetter als Schlüsselerlebnisse in der Entwicklung des Angeklagten. Aus persönlichen Gesprächen mit ihm und weiteren Untersuchungsakten ergebe sich das Bild eines Mannes, der „extrem selbstbezogen“ ist, der zurückgezogen lebt und häufig „energielos“ seinen Alltag bestreitet.

Wahrgenommen habe sie bei ihm „kindlich anmutende“ Verhaltensweisen und die Angst vor Misserfolg. Zwar sehe sie beim Angeklagten „eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit Anzeichen von einer Borderline-Erkrankung“, sie sagt aber auch: „Zur Tatzeit war er in Lage, die Situation zu erfassen.“

Nach Einschätzung der Gutachterin war beim Angeklagten Ende März 2019, der mutmaßlichen Tatzeit, weder seine Steuerungs- noch seine Schuldfähigkeit aufgehoben. Auf Grundlage dessen kam sie zur Einschätzung, dass eine Einweisung in eine psychiatrische Einrichtung „nicht empfehlenswert“ sei. Dennoch brauche der 39-Jährige Hilfe. Sollte der Mann zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden, müsste er „unbedingt“ eine Einzeltherapie von etwa zwei Jahren machen. „Das alles aufzuarbeiten, braucht Zeit.“

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