Landesarchäologin: Holzfunde führen auf die Spur einer Naturkatastrophe

Die Mühle und der Vulkan

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Nach der Grabung haben die Archäologen die gefundenen und noch feuchten Hölzer zum Bockstuhl zusammengesteckt. Derzeit trocknen die Hölzer im Kühlraum der Landesarchäologie.

Bremen - Von Jörg Esser. „Der Boden steckt immer wieder voller Überraschungen“, sagt die Bremer Landesarchäologin Prof. Dr. Uta Halle. So war es auch in Lankenau, wo im April 2008 unter einer Weide Teile einer kleinen Mühlenanlage, einer Entwässerungsmühle, gefunden wurden. Deren Bau steht womöglich im Zusammenhang mit dem Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien. Und der jährt sich zum 200. Mal.

Anfang März 2008 rief eine Meldung des Kampfmittelräumdienstes über Holzfunde auf einer Weide in Lankenau, unweit des Güterverkehrszentrums (GVZ), die Archäologen und dann auch die Medien auf den Plan.

Eine Grube mit 4,20 Metern Durchmesser wurde freigelegt. Im oberen Teil stießen die Grabungsteams auf modernen Bauschutt, darunter auf eine lehmige Verfüllung. Am Boden schließlich wurde ein rund vier Meter langes Balkenkreuz entdeckt. Die Archäologen stießen auf weitere Holzteile mit Zimmermannszeichen darauf. Das wiederum erleichterte die Arbeit. Die Holzteile wurden zusammengesteckt – und ergaben den Bockstuhl einer kleinen Mühlenanlage. Weitere Analysen der topograhischen Situation in der feuchten Marsch in Niedervieland legten nah, dass es sich um eine Entwässerungsmühle handeln muss.

Das nächste Rätsel folgte. „In der Grube gab es keine Scherben“, sagt Halle. „Ganz und gar nichts, mit dem sich der Zeitraum eingrenzen lässt.“ Das Balkenkreuz bestand aus Schwarzerlen-Holz, gut geeignet für wassernahe Bauten, doch schlecht geeignet für eine Altersbestimmung. Doch die anderen Hölzer waren aus Eichenholz. Und das ist gutes Futter für einen Dendrochronologen. Der zählte die Jahresringe. Und ermittelte Fälldaten von 1610 („Abbruchholz aus Thüringen“), 1786 und aus dem Winter 1814/15.

„Die naturwissenschaftliche Datierung der Bauhölzer erlaubt eine Verbindung zum Ausbruch des Tamboras 1815“, fährt Halle fort. Der Vulkan auf der indonesischen Insel Sumbawa brach nach einem vorhergehenden Erdbeben im April 1815 aus. Der Tambora schrumpfte von geschätzten 4300 auf 2850 Meter. Der Vulkankrater hat einen Durchmesser von rund sieben Kilometern. Halle verweist auf Berechnungen von Vulkanologen, nach denen bei der Eruption mehr als 100 Kubikkilometer Magma und Staub freigesetzt und 400 Millionen Tonnen Schwefelgase und Asche bis zu 44 Kilometer hoch in die Atmosphäre geschleudert wurden. Der Vulkanausbruch der Kategorie „Explosivität sieben“ verursachte über mehrere Jahre Klimaveränderungen auf der Nordhalbkugel. Die Durchschnittstemperaturen sanken um bis zu drei Grad. 1815 ging in Mitteleuropa als das „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Ernten verfaulten, auf Äckern und Wiesen floss das Wasser nicht ab. Vieh musste notgeschlachtet werden. Hungersnöte entstanden. Die Folgen lösten in Deutschland eine Auswanderungswelle aus.

Und in Bremen? Es fehlen Quellen. Überliefert sind Notizen des Zinsschreibers Johann Christoph Reuss, der das „Theuerungs- und Notjahr von der Ernte 1816 bis zur Ernte 1817“ als das „Kriegsjahr der Natur“ bezeichnete. Und es gibt laut Landesarchäologin Halle einige markante Bemerkungen in einem Briefwechsel zwischen vom Bremer Astronomen Wilhelm Olbers und dem Leipziger Mathematiker und Astronomen Carl Friedrich Gauss. Olbers schrieb im Februar 1816: „Der Himmel war hier den ganzen Winter für astronomische Beobachtungen sehr ungünstig.“ Gauss entgegnete im Juni: „Seit meiner Rückkunft ist noch kein heiterer Abend gewesen.“

Ein Zusammenhang zwischen Entwässerungsmühle und Vulkanausbruch ist also naheliegend. „Wir können das aber nicht mit letzter Gewissheit behaupten“, schränkt Uta Halle ein.

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