„Dirnenlied“ blickt in die tiefen Abgründe des Berlins der 20er Jahre

Kurzweiliges Krimi-Solo

Eine schrullige Adlige im Kerzenlicht: Anne Clausen brilliert im Bremer Kriminaltheater im Solostück „Dirnenlied“. Foto: UWE MOOSBURGER

Bremen - Von Martin Kowalewski. Karla von Stelzenbül will, dass der Pianist (Dominik Kroll) Ruhe gibt. Doch der spielt weiter. Von Stelzenbül muss um die Aufmerksamkeit kämpfen. Sie wittert ein Verbrechen. Anne Clausen (41) zeigt als Soloschauspielerin in dem von ihr geschriebenen Stück „Dirnenlied“, dass auch das Krimigenre für Ein-Personen-Stücke passt. Die Krimi-Komödie mit musikalischer Begleitung läuft derzeit im Bremer Kriminaltheater in Walle.

Von Stelzenbül macht schließlich singend auf sich aufmerksam: „Guck doch nicht immer nach dem Tangospieler hin.“ Sie nutzt die Gelegenheit, um auf ihr schönes und schön in Szene gesetztes Äußeres aufmerksam zu machen: „Du siehst ja gar nicht mehr, dass ich noch bei Dir bin. Ich hab’ doch auch ganz schöne Linien.“

Von Stelzenbül lebt im Berlin der 20er Jahre und hält viel von sich. An den Adelstitel ist sie per Adoption gekommen. Im Laufe des Stückes erfahren die Zuschauer, dass sie sich auch nie so wirklich der gehobenen Gesellschaft zugehörig fühlte. Aber ihre üppigen Perlenketten, die langen weißen Samthandschuhe und eleganten Kleider sehen nach Geld aus, vorgefahren sei sie mit einem Mercedes. Allerdings trinkt sie, ist vorlaut und kann sehr direkt werden.

Das ist passiert: Käthe, eine Freundin von Stelzenbüls, ist verschwunden. Davor ereignet sich Ungeheuerliches, wie die Adlige berichtet und, vor allem, zeigt. Erst bittet Käthe, Tänzerin im stocksteifen und zumindest oberflächlich moraltreuen „Verein zum Erhalt des preußischen Kulturguts“, von Stelzenbül um Geld. Die kann ihr nichts geben, die Brieftasche ist bei ihrem Mann Günther. Dann geht es für Käthe zum Auftritt. Das Thema: Lasterhöhle. Sie singt einen passenden Song. Das Thema: Kokain. Nebenthemen: die schiefe Bahn und Prostitution. Sie erzählt, wie Käthe sich entblößt, nackt tanzt, sich mit Fett einschmiert und Mehl in die Luft wirft, das sich dann an dem Fett bindet. Das kommt beim Publikum nicht an. Danach hat sie Käthe nicht mehr gesehen.

Auch während ihrer nun angelaufenen Nachforschungen lenkt sich die Adlige immer wieder ab, erzählt von sich und ihrem Leben, ihrer Beziehung zum wohlhabenden Unternehmer Günther und dem Berlin der 20er. Besonders wichtig sind dabei viele Songs, die Clausen gekonnt und gefühlvoll vorträgt und an die Grenzen dessen geht, was die Rolle einer geadelten Schönheit der 20er zulässt, ohne diese zu überschreiten. Die Themen sind zum Teil heikel, ein Beispiel: Schönheitsoperationen. Von Stelzenbül singt klar und resolut: „Ick lass mir nich die Neese verpatzen, wegen Günther seine unanständ’ge Lust. Ick lass mir nich das Fett aus de Oberschenkel kratzen, wegen Günther seine unanständ’ge Lust.“ Sehr sinnlich singt sie dafür: „Nach meene Beene is ja janz Berlin verrückt.“

Clausen beherrscht alle Gemütszustände der vergnügungssüchtigen Adligen. Sie ist eine Stimmungsrakete, wenn sie „Solang nicht die Hose am Kronleuchter hängt“ singt. Als Ermittlerin wirkt sie gekonnt komisch. Man nimmt ihr auch ab, wenn sie nervös wird. Sie überzeugt, wenn sie in Nebenrollen schlüpft. Sie hat eine herrliche Berliner Schnauze und kann mitunter sehr frech werden.

Empört ist sie, als sie merkt, dass der Tänzer Thomas ihre Hinteransicht begafft. Dann wendet sie sich an die vorderen Plätze im Publikum. „Sie haben auch gegafft.“ Kurz danach sorgt sie für Gerechtigkeit, läuft an die Tribüne und präsentiert Zuschauern einen Blick auf ihre Hinteransicht, die dieses Vergnügen bisher nicht hatten. Clausen hat den Schalk im Nacken. Mit ihr und dem Pianisten vergehen zwei Stunden wie im Fluge.

Im Laufe des Abends kommt es zu düsteren Einblicken in die vermeintlich so vornehme Welt der gehobenen Gesellschaft. „Dirnenlied“ ist eine gelungene Mischung aus Schwank und Krimi. Ein echter Hit.

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