Kurs in Osterholz-Tenever

Migranten als Nachwuchshoffnung für die Lieferbranche

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Arbeitslose Migranten sollen für Transport-Berufe weitergebildet werden.

Bremen - Von Irena Güttel. Tagelang unterwegs, volle Autobahnen und ein rauer Umgangston - Lkw-Fahrer müssen hart im Nehmen sein. Viele junge Leute schreckt das ab. Es fehlt der Nachwuchs. Können Migranten die Lücke schließen?

Zögernd umfasst Aissata Camara das Lenkrad. Sie startet den Wagen, gibt vorsichtig etwas Gas, lässt die Kupplung kommen - und würgt den Motor ab, wieder und wieder. Dann endlich rollt der Wagen langsam ein paar Meter nach vorne. „Ich fahre“, ruft Camara begeistert. Allerdings nur in einem Simulator. Bis zu ihrer ersten richtigen Fahrstunde ist es noch ein langer Weg. Am Ende könnte ein neuer Job als Transporter- oder vielleicht sogar Lkw-Fahrerin stehen.

Freie Stellen gäbe es auf jeden Fall genug. Vielen Unternehmen in der Transportlogistik fehlt der Nachwuchs. Genaue Zahlen liegen dem Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) nur für die Lkw-Fahrer vor. Diese veranschaulichen wie kritisch die Lage ist: In den nächsten zehn Jahren werden etwa 40 Prozent der Berufskraftfahrer in Rente gehen. Schon jetzt liegt der Bedarf bei jährlich 20 bis 30 000 Nachwuchskräften. Doch nur etwa 3000 junge Leute entscheiden sich für eine Ausbildung.

Umso wichtiger sind Quereinsteiger für die Branche: zum Beispiel Jugendliche ohne Berufsabschluss, Zuwanderer oder Bäcker mit Mehlallergie. „Wir sind froh um jeden, der ein Lenkrad hält und motiviert ist“, sagt BGL-Hauptgeschäftsführer Karlheinz Schmidt. So jemand könnte Camara sein. Zurzeit besucht sie eine Weiterbildung für Migranten in Bremen, die einen Pkw- und Gabelstaplerführerschein sowie einen Gefahrgutschein umfasst. Damit könnte sie beispielsweise als Kurierfahrerin arbeiten, Behinderte transportieren oder Essen ausliefern - und zwei Jahre später noch einen Lkw-Führerschein dranhängen.

Die größte Hürde für sie und die anderen sieben Kursteilnehmer ist jedoch die Sprache. Wildschweinrotte, toter Winkel, vorausschauend, innerorts - alles Worte, die Camara noch nie gehört hat und von denen die theoretische Führerscheinprüfung nur so wimmelt. Deshalb füllen sie und die anderen im Unterricht immer wieder die Testbögen aus. „Ich übe auch viel zu Hause. Ich denke, dann kann ich die Prüfung schaffen“, sagt Camara, die aus Guinea stammt. Daneben büffelt sie Mathe und Physik, um Bremsweg oder Lademengen zu berechnen, lernt den Umgang mit Computern und die wichtigsten Fachbegriffe.

Doch auch das Autofahren an sich bereitet vielen Migranten große Schwierigkeiten. Sie sind vor allem damit überfordert, gleichzeitig die Spiegel im Auge zu behalten, Gas zu geben und den Blinker zu setzen. „Die Koordination von Hand, Fuß und Auge dauert länger“, sagt Ausbilder Kim Hartwig von der Straßenverkehrs-Genossenschaft (SVG). Der Grund: Viele Zuwanderer hätten als Kind nicht Schwimmen oder Radfahren gelernt und damit bestimmte motorische Fähigkeiten nicht erworben.

Seit Dezember 2013 bieten die SVG und das Bildungszentrum im sozialschwachen Bremer Stadtteil Osterholz-Tenever den Kurs an. Bezahlt wird er vom Jobcenter, das auch die Teilnehmer auswählt. Die meisten sind zwischen 35 und 45 Jahre alt, alles Langzeitarbeitslose. „Sie sind alle äußerst motiviert“, sagt Fritz de Millas vom Bildungszentrum. Und trotzdem hat sich mit der Zeit gezeigt, dass die Teilnehmer viel länger bis zum Führerschein brauchen als gedacht. „Man muss sehr viel Geduld mit ihnen haben. Das ist ein sehr langsames Lernen“, sagt de Millas. Immerhin haben fast 60 Prozent den Test am Ende bestanden.

Wie viele inzwischen einen Job gefunden haben, kann de Millas zurzeit nicht sagen. Die Auswertung läuft noch. Fest steht aber schon, dass es im Herbst eine Neuauflage des Pilotprojekts geben soll, dann mit einem mindestens achtwöchigen Praktikum. Für die bisher 35 Kursteilnehmer könnte die Weiterbildung einen Weg aus der Arbeitslosigkeit bedeuten. Rund 30 000 offene Stellen waren im Januar nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit für Fahrzeug- und Transportgeräteführer - wozu die Lkw-Fahrer gehören - gemeldet.

Migranten werden diese Lücke nach Ansicht des BGL auf die Schnelle wohl nicht schließen können. Regional habe es schon verschiedene Weiterbildungen für Migranten in der Transportlogistik gegeben - mit mäßigem Erfolg, sagt Hauptgeschäftsführer Schmidt. „Die Sprache ist ein großes Hindernis.“ Die vielen Flüchtlinge, die in den vergangenen Monaten nach Deutschland gekommen sind, sieht er deshalb nur bedingt als potenziellen Nachwuchs.

dpa

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