Gerd Martin hat ein Faible „für alles, was sich bewegt“

Bremen: Der Uhrmacher aus dem Viertel

Gerd Martin und viele Uhren.
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„Jede Uhr hat ihre eigene Geschichte“: Gerd Martin ist seit 1993 Inhaber des Geschäfts „Der Uhrmacher“ im Viertel.

Posaunenchöre zählen zum immateriellen Kulturerbe der Unesco. Und jetzt auch das Uhrmacherhandwerk. Gerd Martin aus dem Viertel ist er der wenigen Uhrmacher in Bremen.

Bremen – Gerd Martin hat ein Faible „für alles, was sich dreht und bewegt“. Für alte Autos zum Beispiel. Und für Uhren. „Jede Uhr hat ihre eigene Geschichte“, sagt er. Und jede Uhr tickt anders. Seit 1993 ist Gerd Martin Inhaber des Geschäfts „Der Uhrmacher“ im Steintor.

Der urige Laden ist ein seltenes Exemplar. Noch 13 Uhrmacherbetriebe seien derzeit in Bremen in der Handwerksrolle eingetragen, sagt Oliver Brandt, Pressesprecher der Handwerkskammer. Und jetzt haben die deutsche Unesco-Kommission und die Kultusministerkonferenz das Uhrmacherhandwerk in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Das, was Gerd Martin und seine Uhrmacherkollegen Tag für Tag leisten, ist demnach – kurz gefasst – „kulturell besonders wertvoll“.

Armbanduhren, Wecker, Küchenuhren, Standuhren, Wanduhren, Stoppuhren – mehr als 350 vorwiegend alte Zeitmesser stehen, liegen und hängen in dem Geschäft. Modellautos und Werbeschilder sorgen für das entsprechende Ambiente. Auch amtliche Urkunden sind ausgestellt.

350 antike Zeitmesser

Gerd Martin ist nämlich auch Psychotherapeut und Heilpraktiker. „Ich wollte irgendwann auch mal was anderes machen“, erzählt er. Die Ikonen-Malerei hatte er sich ausgeguckt. Doch seine Heilpraktikerin habe ihm geraten, „lieber was Sinnvolles zu machen“. So hat er dann eine Heilpraktiker-Ausbildung gemacht. „Der Beruf ruht“, sagt er.

Martin ist auch gelernter Fahrlehrer und Kraftfahrzeugmechaniker, studiert hat er Maschinenbau. „Ach, das reicht jetzt.“ Gerd Martin ist jedenfalls kein „geborener Uhrmacher“. Zur Uhrmacherei sei er gekommen „wie die Mutter zum Kinde“. Mit 14  Jahren habe er die Liebe zu Uhren entdeckt und angefangen, Chronometer zu sammeln. „Zur Konfirmation hat mir meine Mutter meine erste Uhr geschenkt.“

Zu Reparaturen ist er mit seinen Uhren dann immer in jenes Geschäft gegangen, dessen Inhaber er heute ist. „Irgendwann hat mich der Inhaber dann gefragt, ob ich den Laden nicht kaufen will.“ Irgendwann war 1993. „Dann habe ich mit dem Meister noch zehn Jahre zusammengearbeitet. Zehn Jahre Lehrzeit eben.“

Lehrzeit im eigenen Geschäft

Das Telefon klingelt. Vom Schlagwerk ist die Rede. Von verdrehten Drähten. Perfekte Ferndiagnose. Martin sieht die Uhr vor sich. Er kann quasi jedem Kunden sofort dessen Uhr zuordnen. „Ich habe ein fotografisches Gedächtnis.“ Sagt er und zeigt auf eine Küchenuhr mit orangefarbenem Gehäuse. „Ein Modell aus den 70er Jahren, von dem wollen sich die Besitzer einfach nicht trennen.“ Der Viertel-Uhrmacher hat viele Stammkunden. Batteriewechsel, neue Uhrarmbänder – das sei das tägliche Brot. „Das bringt die Miete.“ Spannender werde es, wenn Komplettrevisionen und Restaurationen anstehen. Das geht es ins Gehäuse, ans Zifferblatt. „Häufig müssen Teile neu angefertigt werden“, sagt Martin. „Dann fängt es an, Spaß zu machen.“ Die Teile müssen besorgt werden – in den USA, in Korea. „Eine umfangreiche Restauration dauert inklusive Recherche schon mal ein halbes Jahr.“

Martin ist mit seinem Geschäft fest im Viertel verankert. „Kein Internethandel, kein Versand“, sagt er. „Die Kunden sollen in den Laden kommen, wenn sie etwas wollen.“ Hin und wieder fährt der Uhrmacher auch zum Kunden. Wenn die Zeitumstellung ansteht beispielsweise. „Viele sind dann einfach überfordert.“ In diesem Jahr seien die Aufträge allerdings rar gewesen. Wegen Corona. „Dem Virus wird alles untergeordnet.“

Übrigens: Alte Autos fährt Gerd Martin auch – einen MG und einen Mini. Aus seiner Sicht ist das ganz logisch. „Wer alte Autos fährt, hat auch eine Vorliebe für alte Uhren.“

Mehr als 100 Einträge

„Als immaterielles Kulturerbe oder immaterielles kulturelles Erbe werden kulturelle Ausdrucksformen bezeichnet, die unmittelbar von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation weitervermittelt und stetig neu geschaffen und verändert werden“, steht in der Definition der Unesco.

Das deutsche Verzeichnis wächst seit 2013 stetig und enthält weit mehr als 100 Einträge. „In das Verzeichnis werden kulturelle Ausdrucksformen wie beispielsweise Tanz, Theater, Musik, Bräuche, Feste und Handwerkskünste aufgenommen, denen in Deutschland lokal, regional und national besondere Bedeutung zukommt“, heißt es.

So tauchen in der Liste neben dem neu aufgenommenen Uhrmacher- und Buchbinderhandwerk unter anderem die Flößerei, der Orgelbau, Posaunenchöre, die ostfriesische Teekultur, Märchenerzählen, Skatspielen und die Reetdachdeckerei auf.

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