Historiker schreibt über seine Großeltern

Opa im Krieg

Moritz Pfeiffer, Historiker.
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Moritz Pfeiffer, Historiker.

Bremen - Von Thomas Kuzaj · Geschichte: Was hat Opa im Krieg gemacht? Eine an sich einfache Frage, die gleichwohl in etlichen Familien nicht gestellt, in anderen nicht beantwortet wurde. Oder nicht vollständig beantwortet wurde. Oder falsch beantwortet wurde.

Eine Frage, die über Generationen hinweg Konfliktstoff bergen kann – nur, dass jetzt nicht mehr die Generation der Töchter und Söhne die Fragen stellt, sondern die Generation der Enkel. Was hat Opa im Krieg gemacht?

Eben diese Frage stellte sich auch der junge Historiker Moritz Pfeiffer, Jahrgang 1982. Die Antwort liegt nun vor – in Buchform. „Mein Großvater im Krieg – Erinnerung und Fakten im Vergleich.“ Das ist der nüchterne Titel des Bands, der jetzt im Bremer Donat-Verlag erschienen ist (214 Seiten, Preis: 14,80 Euro). Es handelt sich um den 18. Band der Reihe „Geschichte und Frieden“, die von Dieter Riesenberger und Wolfram Wette herausgegeben wird. Der Historiker Wette schrieb das Vorwort zu Pfeiffers Buch.

„Der Nationalsozialismus war keine abstrakte Erscheinung, kein Phänomen weitab der eigenen Lebenswirklichkeit, sondern Alltag und Realität für Millionen Deutsche und somit für Millionen von Großeltern und Eltern“, stellt der Autor fest.

Die Meinungsforscher des Instituts Emnid fanden heraus, dass fast die Hälfte der Deutschen davon ausgeht, die Eltern oder Großeltern hätten dem Nationalsozialismus „sehr negativ“ oder „eher negativ“ gegenübergestanden. Sollte das stimmen, wäre Nazideutschland voller Gegner und Widerstandskämpfer gewesen. . .

Die Fragen

des Enkels

Da kann also etwas nicht stimmen mit der Einschätzung und Selbsteinschätzung. Nun, Pfeiffer wollte es genau wissen. Er bat seine Großeltern zu langen und ausführlichen Interviews. Er fragte sie nach ihrer Haltung zum NS-Regime und zum Zweiten Weltkrieg. Was wussten sie von der Verfolgung von Juden? Was erlebten sie im Krieg? Wie gingen sie nach dem Krieg mit ihren Irrtümern um? Pfeiffer machte aus den Antworten zunächst eine Art Erinnerungsbuch. Die 80 Seiten waren, wie er sich erinnert, „ein Erfolg im Familienkreis, als ich sie zu Weihnachten als Geschenk präsentierte“.

Dann folgte sozusagen der wissenschaftliche Faktenabgleich. Pfeiffer verglich die Erinnerungen mit verfügbaren zeitgenössischen Quellen, Forschungsergebnissen und Archivmaterialien. Mehr und mehr Widersprüche ergaben sich, die zu weiteren Recherchen führten. Das ist spannend zu lesen, weil Pfeiffer sich mit Argumentationen (und Lebenslügen) auseinandersetzt, wie es sie vielfach gegeben hat.

Der Vergleich

mit den Fakten

Gleichwohl keine einfache Aufgabe für einen Enkel, der seine Großeltern liebt, und am Ende schreiben muss, dass sie vieles verharmlosten und die eigene Beteiligung kleiner darstellen, als sie gewesen ist.

„Meine Großeltern waren zeit- und teilweise Augenzeugen, ja, sogar mitausführendes Organ eines Vernichtungskrieges und Genozids unvorstellbaren Ausmaßes“, schreibt Pfeiffer. „Sie waren vom Nationalsozialismus überzeugt und – was vielleicht in seinen Auswirkungen schwerer wiegt – sie glaubten an ihn.“

Eine Frage aber, so der junge Historiker, sei unbeantwortet geblieben. Ausgerechnet jene, die ihn „als Enkel emotional am meisten“ beschäftigt habe: „Warum hat die Menschlichkeit meiner Großeltern nicht gegen die Massenmorde rebelliert?“

http://www.donat-verlag.de

http://einestages.spiegel.de/static/profile/19273/moritz_pfeiffer.html

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