Schlägerei in Disco: Gericht spricht Angeklagte der gefährlichen Körperverletzung schuldig

Kopftritte nicht nachweisbar

Bremen - Von Ralf Sussek. Mit einem Jugendarrest und einer Bewährungsstrafe ist am Mittwoch der Prozess gegen zwei junge Männer geendet. Sie waren an einer Schlägerei im Club „Avenue“ an der Hillmannstraße beteiligt, bei der ein Mann schwer verletzt wurde.

Den Ausgang nahm dieser Prozess mit einer mittlerweile üblichen Schlägerei: Im November vergangenen Jahres kamen die Angeklagten mit anderen Discobesuchern über den Zugang zu einer VIP-Lounge in Streit. Fäuste und Gläser flogen, es entwickelte sich eine Schlägerei mit mehreren Verletzten, die zu verschiedenen Zeitpunkten ins Geschehen eingriffen. Den letzten von ihnen traf es besonders: Auf dem Boden liegend, trafen ihn – mittlerweile üblich – Tritte am Körper und am Kopf. 

Mit schweren Verletzungen (unter anderem einer Jochbeinfraktur, mehreren Hämatomen am Kopf und einer Kopfplatzwunde) kam der damals 19-Jährige ins Klinikum Bremen-Mitte. Sein Mandant habe bei Anstrengungen Schwindelgefühle und leide bis heute unter der Tat, hatte dessen Anwalt während des Prozesses vorgetragen.

Tritte versetzt haben soll ihm Rehber T. (20), der jüngere der beiden angeklagten Brüder. Doch auch wenn er Blut an seinen Schuhen hatte – „Tritte ins Gesicht können wir Ihnen nicht zuordnen“, sagt die Vorsitzende Richterin Andrea Schneider. Ebensowenig wie seinem Bruder Azad (24). „Wer die Tritte ausführte, konnte nicht festgestellt werden“, so die Vorsitzende. Von der Anklage auf versuchten Totschlag, von dem zuletzt auch die Staatsanwaltschaft abgerückt war, bleibt letztlich der Vorwurf der Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft hatte für Rehber ein Jahr und für Adzad zwei Jahre Haft auf Bewährung gefordert.

Rehber wird wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt

Davon, dass Rehber einen Mann geschlagen und einen weiteren getreten hat, zeigte sich das Gericht aber überzeugt. Er wurde wegen zweifacher gefährlicher Körperverletzung als Heranwachsender zu vier Wochen Jugendarrest verurteilt, der mit der abgesessenen U-Haft als verbüßt gilt.

Sein Bruder erhielt wegen seiner Beteiligung eine Bewährungsstrafe von acht Monaten Haft wegen gefährlicher Körperverletzung. Ihm wurde für die nächsten drei Jahre ein Bewährungshelfer an die Seite gestellt.

Das Gericht sprach dem schwerverletzten 19-jährigen Opfer im Rahmen eines sogenannten Adhäsionsverfahrens (siehe unten) 5000 Euro Schmerzensgeld zu; die muss Rehber allein zahlen. Außerdem müsse er dem Nebenkläger die zukünftigen Schäden ersetzen. Die Tritte hätten nicht bewiesen werden können, aber er habe durch sein Verhalten die Auseinandersetzung in Gang gebracht, die zu den Schäden des Opfers führten, so die Richter.

Adhäsionsverfahren

Das Adhäsionsverfahren (aus dem Lateinischen „Anhaftung“) ist in § 403 der Strafprozessordnung geregelt. Es ist ein zivilrechtliches Verfahren, das dem Strafverfahren „anhaftet“, und dient der Prozessökonomie. Wer durch eine Straftat geschädigt wurde, kann Schadensersatz und Schmerzensgeld im Strafprozess geltend machen. Vorteile: Es muss kein zeitaufwendiges zivilrechtliches Verfahren geführt, Zeugen müssen nicht in zwei verschiedenen Prozessen vernommen werden. 

Und: Zivilgerichte sind grundsätzlich nicht an Strafurteile gebunden; ein separater Zivilprozess könnte also trotz Verurteilung des Angeklagten verloren gehen – nicht so im Adhäsionsverfahren.. Das Adhäsionsverfahren wird in der juristischen Praxis selten angewandt (Anteil 2015 bundesweit in Strafprozessen vor Amts- und Landgericht laut Statistischem Bundesamt bei 0,7 Prozent).

Rubriklistenbild: © dpa

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