24-Jährige steht wegen Beihilfe vor Gericht

Auftakt im Prozess um Bremer Acht-Millionen-Coup

Die Angeklagte versteckt ihr Gesicht hinter einem Aktenordner. Im Hintergrund stehen ihre Verteidiger.
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Die mutmaßliche Komplizin: Die Angeklagte (vorne rechts) schwieg zu Prozessauftakt um den Millionen-Diebstahl. Im Hintergrund: ihre Verteidiger Temba Hoch (l.) und Lea Voigt.

8,2 Millionen Euro. So viel Geld soll die Mitarbeiterin einer Geldtransportfirma gestohlen haben. Die Frau ist verschwunden. Eine mutmaßliche Komplizin steht vor Gericht.

Bremen – „Und dann war sie weg.“ Seit Mai rätseln Ermittler, wo Yasemin Gündogan ist. Mehr als acht Millionen Euro soll die 28 Jahre alte Frau der Bremer Geldtransportfirma Loomis gestohlen haben. Doch bislang fehlt von ihr jede Spur. Mehr Licht ins Dunkel soll eine mutmaßliche Komplizin bringen, gegen die seit Dienstag vor dem Landgericht Bremen verhandelt wird. Doch die 24-Jährige schwieg zu Prozessauftakt. Dafür sagten drei Angestellte des betroffenen Unternehmens aus und versuchten, den Coup zu rekonstruieren.

Eigentlich war alles wie immer. Yasemin Gündogan, zu diesem Zeitpunkt seit knapp zwei Jahren bei der Geldtransportfirma beschäftigt, tritt am 21. Mai dieses Jahres ihre Schicht an. Sieben Stunden, von 14 bis 21 Uhr, soll ihr Dienst dauern. Sie begibt sich an ihren Computer, der zum Scannen von Geldsendungen vorgesehen ist – und bemerkt, so die Berichte mehrerer Zeugen, wie dieser nicht funktioniert. Sie wechselt den Platz, geht ihrer Arbeit an anderer Stelle im sogenannten Cash Center der Firma nach.

So weit, so gewöhnlich. Doch die Sache hat einen Haken: Der vermeintlich defekte PC ist gar nicht defekt, das ergeben später Recherchen mehrerer Mitarbeiter. Yasemin Gündogan, das zeigen zudem Videoaufnahmen, hat nicht einmal versucht, das Gerät einzuschalten.

Angeklagte schweigt bei Prozessauftakt

Es ist einer der wahrscheinlich ersten Schritte hin zum Millionen-Coup, der bis ins kleinste Detail durchgeplant war. Das jedenfalls legen die bisherigen Erkenntnisse nah. Bis zu ihrem Schichtende, auch das zeigen Aufnahmen der insgesamt etwa 100 Überwachungskameras, die in und rund um die Firma installiert sind, befüllt die 28-Jährige zwei Aluminiumcontainer, die eigentlich zum Transport des Geldes vorgesehen sind, mit Altpapier.

Parallel, und wohl unbemerkt von den Kollegen, bestückt sie einen weiteren Container zunächst mit Geldbündeln und schichtet darüber – vermutlich als Tarnung – eine weitere Lage Kartons und Verpackungsmaterial. Später wird sie vorgeben, das Altpapier entsorgen zu wollen und flüchtet mit exakt 8 196 125 Euro in einem zuvor angemieteten Mercedes.

Tarnung mit Altpapier

Damit die in ihrer unmittelbaren Nähe arbeitenden Angestellten nichts bemerken, schickt sie zwei Kollegen in einen Tresor. So berichtete es ein Mitarbeiter am Dienstag bei Gericht. Um die Container ohne viel Aufsehens in die Kofferschleuse zu befördern, soll sie zunächst den mit Geld bestückten, dann den bis über die Füllkante mit Altpapier vollgestopften Container in die Schleuse hineingeschoben haben. Somit versperrt dieser die Sicht. Alles wirkt unauffällig.

Wenig später ist Yasemin Gündogan verschwunden – und das bis heute. Mit einem Mercedes Transporter, der einige Tage zuvor in Berlin-Spandau angemietet wurde sowie gestohlenen Kennzeichen flüchtet die 28-jährige Deutsch-Türkin – und soll währenddessen mit ihrer nun angeklagten mutmaßlichen Helferin telefoniert haben. Dieser wird unter anderem „Beihilfe zum Diebstahl in einem besonders schweren Fall“ vorgeworfen (AZ: 6 KLs 360 Js 52946/21).

15 Verhandlungstage bis Mitte März 2022

Konkret soll die 24 Jahre alte Frau bei der „Planung, Durchführung und Sicherung“ des Coups sowie bei der Verteilung der Beute haben geholfen. „Die Angeklagte hat Yasemin Gündogan zudem in ihrem Willen zur Tatausführung bestärkt“, heißt es. Außerdem wirft ihr die Staatsanwaltschaft vor, die Flucht von Gündogan in die Türkei geplant zu haben, wo das Geld mittlerweile an Familienangehörige aufgeteilt worden sein soll. Bei der Durchsuchung ihrer Wohnung stellen Fahnder insgesamt 26115 Euro sicher. Geld, das sie für ihre Mithilfe erhalten habe, so die Anklage. Ob das Geld tatsächlich aus dem Diebstahl stammt, ist laut Verteidigung alles andere als sicher. Denn: Beim aufgefundenen Geld soll es sich auch um Fünf-, Zehn- und 20-Euro-Scheine gehandelt haben. Stückelungen, die nach Aussage eines Loomis-Prokuristen jedoch gar nicht angeliefert wurden. Auch 500-Euro-Scheine, wie in der Wohnung gefunden, würden von der Bundesbank nicht mehr in Umlauf gebracht. Aufschluss sollen mindestens 15 weitere Verhandlungstage bis zunächst Mitte März 2022 liefern.

Ob diese auch zur Ergreifung von Yasemin Gündogan führen, bleibt abzuwarten. Die europaweite Fahndung nach der Frau habe noch kein Ergebnis gebracht. Die Ermittlungen liefen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

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