FRAGEN UND ANTWORTEN Ein Schiff reist vom Rathaus in die Kunsthalle

Komplexer Knoten

Der Künstler Hew Locke mit seinem Werk im August 2017. Foto: KUZAJ

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Schiffsmodelle im Rathaus – in einer Hafen- und Handelsstadt wie Bremen eine Selbstverständlichkeit, allein schon aus Gründen der Repräsentation. Berühmt sind etwa die Orlogschiffe in der Oberen Rathaushalle. Unter ihnen ankerte seit geraumer Zeit ein Werk der zeitgenössischen Kunst, ein Segelschiff namens „Cui Bono“. Jetzt bekommt es einen neuen Hafenplatz in der Kunsthalle. Fragen und Antworten zum Thema.

Was ist das für ein Schiff?

„Cui Bono“ („Wem zum Vorteil?“) ist ein Segler, der Geschichten erzählt, allerdings keine voller Fernweh und Windjammerromantik. Der britisch-guyanische Künstler Hew Locke, Jahrgang 1959, hat es gebaut. Er beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit den Themen Kolonialismus und Globalisierung. „Cui Bono“ greift Aspekte bremischer Handels- und Kolonialgeschichte auf.

Warum kam dieses Werk ins Rathaus?

Locke schuf die Installation für die Kunsthallen-Ausstellung „Der blinde Fleck. Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit“. Das Schiff war ab August 2017 gewissermaßen ein Außenposten der Ausstellung in der Oberen Rathaushalle. „Es ist ein Werk, das speziell für diesen Ort gedacht ist“, so Kunsthallen-Direktor Professor Christoph Grunenberg am Dienstag. „Es bezieht sich ganz auf diese historisch aufgeladene Halle, auf die anderen Schiffe.“

Warum wird „Cui Bono“ nun aus diesem Zusammenhang gerissen?

Um es maritim auszudrücken: Liegezeit (hier: Hängezeit) abgelaufen. Ursprünglich sollte Lockes Schiff nur parallel zur „Blinder-Fleck“-Schau gezeigt werden – bis November 2017. Dann schlug Carsten Sieling (SPD), damals Präsident des Senats, vor, es bis zur Schaffermahlzeit (Februar 2018) hängen zu lassen. Die Schaffermahlzeiten 2019 und 2020 kamen hinzu. Wie auch etliche Rathausführungen und Veranstaltungen, bei denen das Kunstwerk für Gesprächsstoff sorgte – zum Beispiel über Kolonialismus und dessen Folgen „bis in die Gegenwart, bis zu den Flüchtlingen im Mittelmeer“ (Grunenberg).

Wie greift das Kunstwerk das Kolonial-Thema auf?

„Geschichte ist ein komplexer Knoten.“ Das, so Grunenberg, hat Hew Locke einmal gesagt. Entsprechend vielschichtig ist Lockes Arbeit. Notgeld mit Abbildungen der ehemaligen deutschen Kolonien, der Bremer Schlüssel, der vom Kolonial- zum Antikolonialdenkmal umgewidmete steinerne Elefant – der Künstler hat viele bremische Elemente eingebaut. So erinnert er auch an die Reichtümer, die der maritime Handel der Bremer Kaufmannschaft einst ermöglichte. Die Baumwollsegel des Schiffs verweisen auf die von Bremen mitgeprägte Tradition des Baumwollhandels. Wem zum Vorteil? Das ist eine der Fragen, die Locke aufwirft.

Was macht die Kunsthalle mit dem Schiff?

„Cui Bono“ wird in die neue Sammlungspräsentation „Remix 2020“ (ab 6. Juni) integriert – im Themenfeld regionale Wirtschaft, Finanzspekulation und Überseehandel. Es wird nicht so hoch unter der Decke hängen wie im Rathaus, sondern eher auf Augenhöhe präsentiert – vor einem Fenster, das zur Straße hin liegt, so Grunenberg. „So dass man es auch nachts sehen kann.“

Wie wird das 250 Kilogramm schwere Vier-Meter-Werk transportiert?

Ganz vorsichtig! Und teilweise zerlegt, damit es durch die Rathaus-Türen passt – zuvor wurde jedes Detail exakt dokumentiert.

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