Die Körpersprache der Bäume und was der Mensch daraus lernen kann

Clever bis in die Astspitze

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Unter einer gewaltigen Buche erläutert Baumpfleger Volker Kranz auf dem Baumlehrpfad im Bremer Menke-Park grundlegende Regeln, nach denen Bäume ihre Gestalt konstruieren. Der bundesweit einzigartige Lehrpfad durch das Gehölz entschlüsselt die Körpersprache der Bäume. Sell/epd

Bremen - Von Dieter Sell. Wenn Bäume Urlaub machen könnten, würden sie wohl an die sonnenverwöhnte Cote d‘Azur reisen. „Denn nichts ist für einen Baum wichtiger als Licht für die Photosynthese“, sagt Baumpfleger Volker Kranz, während er durch den Bremer Menke-Park spaziert. Zwischen Ahorn, Eichen, Birken und Buchen schlängelt sich dort ein bundesweit einzigartiger Lehrpfad durch das Gehölz, der die Körpersprache der Bäume entschlüsselt.

Schnell wird klar: Hier herrscht Kampf. Und immer geht es um den schönsten Platz an der Sonne. Um dem Licht nahezukommen, recken die Bäume ihre Zweige möglichst weiter nach oben als der Konkurrent nebenan. „Ein statisches und mechanisches Meisterwerk“, sagt der 49-jährige Kranz, der den Lehrpfad mit gestaltet hat. Schmunzelnd verweist er auf den Ast einer Kiefer: „Der ist nach vielen Jahren in die Chefetage eingezogen.“ Das allerdings gelang nur durch das vorzeitige Ende eines „Vorgesetzten“. Vor vielen Jahren brach dem Baum die Spitze ab, vielleicht durch einen Sturm oder schweren Schnee. Ein Seitenast übernahm die Aufgabe, eine neue Krone zu bilden. Um das zu erreichen, entstand auf der Astunterseite Holz, das die neue Spitze nun nach oben drückt. Jetzt sitzt der junge Sproß erfolgreich ganz oben.

Schief gewachsene Bäume fallen nicht um, waagerechte Äste brechen nicht ab, hohle Stämme können ihre Krone tragen: „Bäume bilden ein geniales Leichtbausystem und schaffen mit möglichst wenig Holz stabile Konstruktionen, die starken Stürmen widerstehen können“, erläutert Kranz. Wie sie das schaffen? „Indem sie nur da Material anbauen, wo sie stark belastet werden“, verdeutlicht er. Zum Beispiel bei der Eiche ein paar Meter weiter. Unter der Borke am Stammfuß wächst ein Pilz und zersetzt das Holz. Das Messsystem des Baumes hat Alarm geschlagen, denn der Pilz nagt an der Standfestigkeit. Genau um die entstandene Fäule herum hat die Eiche deshalb neues Holz gebildet, das als Beule zu erkennen ist und nun von außen leicht deutlich werden lässt, wo der Pilz sitzt.

Wie bei Menschen und Tieren hinterlässt also jede Erkrankung, jede Verletzung auch bei Bäumen ihre Spuren. Beulen, Rippen, Rinnen oder Wülste: Eine Biographie in Holz. „Die Gestalt der Bäume ist ein Protokoll von Schicksalsschlägen und der Überwindung durch Selbstreparatur“, sagt der Biomechaniker Claus Mattheck (67) vom Karlsruher Institut für Technologie.

Der Wissenschaftler erforscht seit Jahrzehnten, wie Bäume wachsen und überträgt seine Erkenntnisse auf die Konstruktion von Leichtbau-Komponenten. Auf dieser Grundlage wurden schon Achsen für Autos und neuartige medizinische Schrauben für die Wirbelsäule entwickelt, die siebenmal mehr Last tragen können.

Hohe Belastungen können beispielsweise durch Stürme, weggespülte Böden oder eben Krankheiten wie Pilzbefall entstehen. Für die spannungsausgleichenden Reparaturen ist dann das Kambium zuständig, eine Gewebeschicht unter der Borke. Sie ist es, die jedes Jahr zum Inneren hin neues Holz anbaut und nach außen neue Rinde. „Das passiert dezentral durch mechanische Reize“, erläutert Baumpfleger Kranz.

Wo viel Material benötigt wird, kommt also auch viel Material hin. „Und nur dort“, sagt Kranz. „Der Baum geht so effektiv mit seinem Baustoff um, dass Ingenieure in der Maschinenentwicklung vor Neid erblassen, wenn sie sehen, wie genial Bäume konstruieren können.“

Wie wichtig Bäume sind, verdeutlicht ein Blick auf den ökologischen Wert der grünen Riesen. Denn ein einziger Baum produziert im Sommer pro Stunde bis zu 1 200 Liter Sauerstoff. Und wer eine Buche mit einem Kronendurchmesser von zwölf Metern ersetzen will, muss rund 2 000 Jungbäume pflanzen.

epd

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