Wie der Bremer Alt-Bürgermeister Henning Scherf und seine Frau Luise durch die Corona-Krise kommen

Knuffen statt umarmen

Genießen den Garten in ihrer Senioren-Gemeinschaft mitten in der Bremer City: Alt-Bürgermeister Henning Scherf und seine Frau Luise. Für viele alte Menschen bedeute Corona Isolation und Einsamkeit – das müsse nicht sein, sagen die Scherfs.
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Genießen den Garten in ihrer Senioren-Gemeinschaft mitten in der Bremer City: Alt-Bürgermeister Henning Scherf und seine Frau Luise. Für viele alte Menschen bedeute Corona Isolation und Einsamkeit – das müsse nicht sein, sagen die Scherfs.

Bremen – Henning Scherf umarmt nicht mehr – unter Corona ist Abstand das Gebot der Stunde. „Das ist eine bittere Erfahrung“, sagt der frühere Bürgermeister von Bremen. Der baumlange (2,04 Meter) frühere SPD-Regierungschef war bekannt dafür, dass er auch wildfremde Menschen freundlich in den Arm nahm. „Ich umarme gerne Menschen“, sagt er. „Aber das geht nun nicht, und ich halte es strikt ein.“ Ein kleiner Knuff mit dem Ellenbogen muss als Gruß genügen.

Das Leben in Bremens bekanntester Alten-WG hat sich durch Corona verändert. Vor mehr als drei Jahrzehnten kauften Henning und Luise Scherf mit Freunden ein Haus in der Innenstadt, um gemeinsam zu leben und alt zu werden. Sie haben immer für dieses Modell geworben. Nun sind die Scherfs 82 Jahre alt, die sieben Mitbewohnerinnen und Mitbewohner sind ebenfalls um die 80 – also eine Hochrisiko-Gruppe.

Bremen: Knuffen statt umarmen - den neuen Tag erreichen

An der Haustür hängt seit Jahren eine Metalltafel, erzählt Henning Scherf am Telefon. Morgens schiebt jeder seinen Magneten ein Stück weiter und signalisiert den anderen: Ich habe den neuen Tag erreicht. „Das ist eine Erfindung meiner Frau. Eine Mischung aus Spielchen, freundlichem Anschubsen und aufeinander achten.“

Jedes Paar hat seine eigene Wohnung. Untereinander ist der Kontakt trotz Pandemie nicht eingeschränkt. Die neun Leute bilden, wie man jetzt bei den Schulen sagen würde, eine Kohorte. Aber: Alle haben ihre Kontakte nach außen beschränkt – und zu einer jungen Familie mit Baby, die mit im Haus wohnt.

„Wir wollten immer mit mehreren Generationen zusammensein“, sagt Scherf. „Mit dem Kleinen ist es richtig schön.“ Aber nun lauert das Corona-Virus. Der junge Vater trifft als Unternehmer viele Menschen. Da habe man die nachbarschaftliche Nähe „ein wenig auf Sparflamme gesetzt“, berichtet Luise Scherf. Das solle aber nicht von Dauer sein.

Bremen: Knuffen statt umarmen - zum Einkaufen mit Maske

Noch hat sich von ihrer „Greisentruppe“, wie sie es nennt, niemand infiziert. Während der ersten Welle der Pandemie im Frühjahr kaufte ein Student für alle ein; nun erledigt jeder seine eigenen Einkäufe – mit Maske. Angst habe sie keine, sagt Luise Scherf, höchstens „Sorge, dass es einen dann doch erwischt“. In der WG gebe es „unterschiedliche Grade von Ängstlichkeit oder von Draufgängertum“.

Die Freunde treffen sich weniger mit ihren Familien. Allein bei den Scherfs gibt es drei Kinder mit Partnern, neun eigene Enkel und mehrere Pflegeenkel. „Das gemeinsame Singen geht nicht mehr. Es geht nicht mehr das gemeinsame Kochen und Backen und Feiern“, sagt er. Und, ganz bitter, die lange geplante Familienfeier zur Diamantenen Hochzeit nach 60 Jahren Ehe am Jahresende fällt aus.

„Die Waagschale geht etwas runter beim Kontakt mit Kindern und Enkeln“, sagt sie. „Aber sie geht auch gleich wieder hoch, weil die Zuwendung dieser lieben Personen doch sehr deutlich ist.“ Telefon, Mails und Gespräche per Video ersetzen die Begegnungen. Was Luise Scherf schmerzt, ist das Fehlen von Musik und Theater.

Vor Corona war der Ex-Politiker Scherf viel unterwegs, hielt Vorträge über das Altwerden, die Rolle der Alten in der Gesellschaft. „Das ist von einem Tag auf den anderen auf Null geschrumpft. Ich reise nicht mehr“, sagt er. Aber er bleibt aktiv. Seine vielen Ehrenämter nimmt er vom heimatlichen Büro aus wahr.

Bremen: Knuffen statt umarmen - Henning Scherf liest im Seniorenstift

Das wöchentliche Vorlesen in einer Schule geht derzeit nicht. Aber Henning Scherf geht in ein Seniorenstift in der Nähe. „Hier lese ich regelmäßig in einem Lesekreis Texte und Gedichte vor und rede darüber. Da sind wir sehr vorsichtig, alle mit Maske und auf Abstand, und es nehmen auch nur die teil, die zum Heim gehören.“

Werden alte Menschen in der zweiten Corona-Welle gut geschützt? Jedenfalls besser als in der ersten, sagen die Scherfs. Die Alten seien derzeit nicht die Hauptbetroffenen von Infektionen, sagt er. „Daraus schließe ich, dass alle, die mit Alten zu tun haben, sich darauf eingestellt haben und sorgfältig damit umgehen.“ Seiner Beobachtung nach haben die alten Menschen die Risiken der Seuche verstanden. „Alle sind sehr aufmerksam. Selbst die, die dement sind, wissen genau, was sie dürfen und was sie nicht dürfen.“ Und er habe noch nie erlebt, dass ein alter Mensch sich verzweifelt die Maske heruntergerissen habe, so Henning Scherf.

Bremen: Knuffen statt umarmen - etwas tun, was Spaß macht

Die Schließung von Altenheimen für Besucher habe zu Vereinsamung und Isoliertheit geführt, sagt Luise Scherf, die aus dem Landkreis Diepholz stammt. „Das war offenbar zu viel.“ Über ihre Senioren-Gemeinschaft sagt sie: „Wir können über ganz vieles reden, und wir sind nicht isoliert.“ Ihr Rat für alte Leute, die einsamer sind: „In sich hineinschauen: Was macht mir Spaß? Woran habe ich Freude, das nicht mit Begegnungen mit Menschen zu tun hat? Wer sich schon vor dem Altsein selber gut kannte und sich selber gut leiden kann, der hat es nicht so schwer.“  dpa

Von Friedemann Kohler

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