„Knallkörper aus Stille“

Bedrückende Schilderung: Nicholas Müller liest aus seinem Buch über Panikattacken

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Die Hand wandert vor die Brust, die geschilderten Erfahrungen sind persönlich. Nicholas Müller, Ex-Frontmann der Band „Jupiter Jones“, las in Bremen aus seinem Buch „Ich bin mal eben wieder tot – Wie ich lernte, mit Angst zu leben“. 

Bremen - Von Martin Kowalewski. Ein Skelett steht links auf der Bühne. Die leeren Augenhöhlen sind auf ein Lesepult gerichtet. Das wirkt bedrohlich. Schon zu Beginn macht Nicholas Müller klar: „Es wird deftig. Sollte es Euch nicht gut gehen, geht zu dem Mann am Bücherstand und sagt ihm Bescheid.“ Müller weiß offensichtlich, dass seine Lesungen oft von Menschen besucht werden, die unter ähnlichen Problemen wie er selbst leiden. Es spricht von Erfahrungen: „Wir hatten das aber erst zweimal, so mit Hubschrauber und Krankenwagen.“

Bei seiner Lesung aus seinem Buch „Ich bin mal eben wieder tot – Wie ich lernte, mit Angst zu leben“ gab Nicholas Müller, Ex-Frontmann der Band „Jupiter Jones“ und heute bei der Band „Von Brücken“, am Sonntagabend im Bremer Musikclub „Tower“ tiefe Einblicke in sein Seelenleben. Nach dem traumatischen Verlust seiner Oma und seiner Mutter durch Krebs leidet er unter Panik- und Angstattacken.

Müller zeigt sich als ganz normaler Mensch. Er berichtet von einer wunderbaren Kindheit in der Eifel, in der er wohl auch ein kleiner Rabauke war. Auf einem katholischen Gymnasium in der nächsten Stadt schwänzte er eine Woche den Unterricht und probierte, wie er es scherzhaft nennt, das „Leben als Gesetzloser“. Die Folge: Schulverweis. Die Eltern schickten ihn auf die Hauptschule im Dorf, um ihn besser unter Kontrolle zu haben.

Später kam „die Sache“, die eng mit seiner Angststörung zusammenhänge. „Ich erzähle das nicht, um Effekte zu kreieren, sondern weil es so ätzend alltäglich ist, dass es Ängste generieren kann“, sagt Müller. Seine Mutter bekam die Diagnose Brustkrebs. Etwas später ein weiterer Vorfall: Der Oma hing das halbe Gesicht herunter. Ein Schlaganfall? Nein, schuld war ein tischtennisballgroßer Hirntumor an nichtoperabler Stelle. Die Familie pflegte sie bis zuletzt.

Bei der Beerdigung kam die erste Panikattacke

Die Mutter lebte weiter. Doch dann der Rückschlag: Der Krebs war plötzlich gewachsen und trieb Metastasen, schließlich auch in der Leber. Der Krebs war nicht aufzuhalten. „Ein beschissener Scharfrichter war das, ein geduldiger Sadist“, liest Müller. Das Unvermeidliche geschah eines frühen Morgens. Die Mutter starb. Müller liest das ruhig, den Blick gesenkt. Er wirkt versöhnt.

Die „Sache nach der Sache“ begann. Bei der Beerdigung kam die erste Panikattacke. „Ich sack‘ in mich zusammen. Der Blutdruck geht in die Tausender. Es war widerlich. Meine Lieblingstante hat mich aufgefangen und ist mit mir rausgegangen“, sagt Müller. Er versucht dem Publikum zu zeigen, wie sich eine Panikattacke anfühlt. Dafür holt er eine Funkfernbedienung hervor. Ein Knopfdruck, es knallt mächtig. Keine Verletzten. Rotes Konfetti fällt auf die Bühne. Aber der Schock sitzt. Bedrückend ist auch die Schilderung einer Panikattacke im Supermarkt. „Es kribbelt und krabbelt in Dir hoch. Dein Puls schlägt Dich zu Brei. Seit wann kannst Du eigentlich Deinen Puls hören?“ Eine Pause zwischen zwei Schlägen werde in Todesangst zu einem „Knallkörper aus Stille“. Das Herz schrumpfe und krampfe.

„Der Kopf zerplatzt wie ein Ballon“

„Der Kopf zerplatzt wie ein Ballon in der Mittagshitze, der sich ausdehnt und nichts dagegen tun kann. Angina Pektoris, Schlaganfall, das wird die Reihenfolge sein“, liest Müller mit erstaunlich ruhiger, fast abgeklärt wirkender Stimme.

Seine Schilderungen sind nicht nur dunkel. Hoffnung machen seine Erfahrungen in der Klinik. Müller ist aber nach eigenen Angaben bis heute nicht angstfrei.

Das Buch ist im Knaur-Verlag erschienen und kostet 12,99 Euro (E-Book 10,99 Euro). ISBN: 978-3-426-78918-6

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