Der „Gröpelinger Jung’“ war ein Brückenbauer

In Kindertagen politisch geprägt

Partnerschaft: Christine und Hans Koschnick händchenhaltend beim Neujahrsempfang im Parlament, Januar 2011. - Foto: Kuzaj

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Auf öffentlichen Terminen – etwa beim Neujahrsempfang – hatte man ihn schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen. Sonst war Hans Koschnick immer gekommen, stets begleitet von seiner Frau Christine, aber zuletzt ging es einfach nicht mehr. Jetzt ist er tot, der legendäre Schnellsprecher und Vernuscheler, der „Freie Hansestadt Bremen“ vielleicht nicht – wie es die Legende will – in einer Silbe, auf jeden Fall aber in einem atemberaubenden Rutsch aussprechen konnte.

Vernuschelte, aber dennoch klare Worte

Ach, die Legenden, die Anekdoten. Da gibt es viele. Wie etwa die mit dem Rasenmäher. Koschnick und Gartenarbeit? Kann man sich kaum vorstellen. „Hans im Glück“, wie er zuweilen genannt wurde, wohl auch nicht. Jedenfalls soll er bei einem Versuch gleich über das Kabel des Mähers gefahren sein. Das war’s dann mit der Gartenarbeit.

Hans Koschnick war, man darf das ganz ohne Pathos so feststellen, eine Persönlichkeit. Er stammte aus einer Politikergeneration, der – auch von Gegnern – mit Respekt begegnet wurde, weil sie nicht bloß für Politik als Karrieremöglichkeit stand, sondern für Anliegen und Argumente. Koschnick, der „Gröpelinger Jung’“, ist im Werft- und Arbeiterstadtteil Gröpelingen aufgewachsen, und das hat ihn geprägt. Wenn er etwas sagte, dann war das glaubwürdig, weil zu spüren war, dass er es selber glaubte. Vorgefertigte Textbausteine aufsagen, das war nicht seine Welt – nicht allein wegen des Nuschelns. Koschnick bevorzugte das klare Wort, er beherrschte auch den feinen Ton der Selbstironie.

Die Schließung der Traditionswerft AG „Weser“ in seinem Heimatstadtteil Gröpelingen im Jahr 1983, seine wohl bitterste Stunde als Bürgermeister, hat ihn persönlich getroffen. Dichtgemacht – obwohl diese zum Krupp-Konzern gehörende Werft, so Koschnick noch Jahre später, „von allen die produktivste und rationalste war“. Dass die Landesregierung die Schließung nicht hatte verhindern können, das machte ihm zu schaffen. Die darüber öffentlich – vor Fernsehkameras – vergossenen Tränen, sie waren echt. Die Bremer, die ihn anschließend wiederwählten, haben das gespürt.

Themen wie die Aussöhnung mit Polen, die Aussöhnung mit Israel lagen Koschnick am Herzen. Warum das so war, lässt sich aus seiner Biographie heraus erklären. Aus der Prägung im Elternhaus. Die Nationalsozialisten hatten Koschnicks Eltern, die politisch und gewerkschaftlich aktiv waren, verfolgt und interniert. Im Krieg verlor Koschnick seinen Vater. Im Mai 1945 kam er als 16-Jähriger in britische Gefangenschaft. Später sagte er: „Ich bin von frühester Kindheit in meiner Erlebniswelt und meinem Bewusstsein dadurch geprägt, dass eine gleichberechtigte, lebenswerte Existenz auf dieser Erde es verbietet, weiter hinzunehmen: eine Ordnung, in der Obrigkeit und Untertan, reich und arm, oben und unten, schrankenlose Freiheit und totale Abhängigkeiten den Alltag des Menschen bestimmen und der einzelne nicht mit aufrechtem Gang für eine gerechte Sache eintreten kann.“

Löcher in den Eisernen Vorhang gebohrt

Untrennbar ist Koschnicks Name mit der deutsch-polnischen und der deutsch-israelischen Verständigung verbunden. Unter seiner Führung wurde (nach dem Kniefall von Warschau im Zuge der Ostpolitik Willy Brandts) 1976 die erste deutsch-polnische Städtepartnerschaft vereinbart, die Partnerschaft zwischen Bremen und Gdansk (Danzig) – eine Pioniertat, die Löcher in den Eisernen Vorhang bohrte. Zeitgleich entstand die Partnerschaft mit Haifa in Israel.

Hans Koschnick, der „Gröpelinger Jung’“, war ein Brückenbauer. Eindrucksvoll bewies er das einmal mehr, als er von 1994 bis 1996 EU-Administrator für den Wiederaufbau der zerstörten und geteilten herzegowinischen Stadt Mostar und Bosnienbeauftragter der Bundesregierung war. Ausgleich suchen, Kompromisse finden, Brücken bauen – diese Grundsätze zogen sich als Leitmotive durch das jahrzehntelange politische Wirken des „Gröpelinger Jung’“.

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