Opposition kritisiert Wirtschaftspolitik

Kellogg-Schließung: Kalt erwischt

Cornflakes aus Bremen wird es bald nicht mehr geben, Kellogg will das letzte deutsche Werk schließen. - Foto: dpa

Bremen - Von Elisabeth Gnuschke. Die geplante Schließung des Cornflakes-Werks in der Bremer Überseestadt hat offenbar nicht nur Belegschaft und Betriebsrat kalt erwischt. Auch die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) und die Politik in der Hansestadt zeigten sich geschockt. Wie berichtet, plant der US-Konzern Kellogg, den letzten deutschen Produktionsstandort für Cornflakes und gefüllte Cerealien ab Juli 2017 bis Februar 2018 zu schließen. Betroffen sind mehr als 200 Mitarbeiter.

Die Geschäftsleitung hatte die Belegschaft am Montagnachmittag informiert. Die Produktion stand anschließend still, die Mitarbeiter durften nach Hause gehen und brauchten erst am Dienstagnachmittag wieder anzufangen. Völlig überrascht von der Entscheidung, das Werk dichtzumachen, zeigte sich am Dienstag die Gewerkschaft NGG. „Das passt in keiner Form zusammen“, sagte Sprecher Dieter Nickel gegenüber dpa. Erst zum Jahresbeginn sei die Produktion auf einen 24-Stunden-Schichtbetrieb ausgebaut worden. „Wir hatten gehofft, dass der Standort damit sicherer wird.“ Von Überkapazitäten in Europa habe das Unternehmen schon seit längerem gesprochen.

Der Betriebsrat wurde ebenso kalt erwischt, denn die in Bremen hergestellten Produkte liefen ganz gut. Die Entscheidung sei „weder geografisch noch vom Portfolio her nachvollziehbar“, sagte der Betriebsrat.

Begründung: Sinkende Nachfrage

Kellogg hatte die Schließung damit begründet, dass Cerealien weniger nachgefragt würden. „Das wird für Kellogg’s teuer“, sagte Nickel zur angekündigten Schließung. Es gebe einen Sozialtarifvertrag, er rechne mit einem zweistelligen Millionenbetrag. „Ich gehe davon aus, dass die Entscheidung mit Leuten in den USA genau abgestimmt wurde.“

Von der Schließung sind den Angaben zufolge nicht alle jetzt etwa 250 Beschäftigten im 1963 entstandenen Werk betroffen. Rund 50 Mitarbeiter machten von Programmen zum freiwilligen Ausscheiden aus dem Werk Gebrauch, die das Lebensmittelunternehmen seit Jahren auflegt. Pläne für spontane Arbeitsniederlegungen der Belegschaft gebe es nicht, sagte Nickel. Die Gewerkschaft werde sich mit dem Betriebsrat und den Mitarbeitern „in aller Ruhe“ abstimmen, um dann mit dem Management zu verhandeln. „Wir haben Zeit.“

Auch die Politik reagierte geschockt, zumal die Lebensmittelbranche in den vergangenen Jahren mit Beck’s, Coca-Cola, Mondelez und Hachez reichlich Federn lassen musste. Bürgermeister Carsten Sieling und Wirtschaftssenator Martin Günthner (beide SPD) hatten die Nachricht am Montag als „herben Verlust“ für die Nahrungsmittelbranche in Bremen bezeichnet. Sieling sagte, es habe im Vorfeld „keinerlei Hinweise“ gegeben, die es ermöglicht hätten, mit dem Unternehmen nach Alternativen zu suchen. Dem widersprachen am Dienstag die oppositionelle CDU-Fraktion und die Linken. Die Entscheidung des Unternehmens sei keineswegs „vom Himmel gefallen“, sagte Jörg Kastendiek, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion und CDU-Landeschef. 

Kellogg habe bereits vor zwei Jahren seine Vertriebszentrale aus Bremen nach Hamburg verlagert. „Das war ein eindeutiges Alarmsignal“, so Kastendiek. Es sei eine unglaubwürdige Ausflucht, nun zu behaupten, man habe als Regierungsmitglied von all dem nichts geahnt. Der damalige Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) und Wirtschaftssenator Günthner hätten damals Gespräche mit Kellogg angekündigt, um den Standort zu erhalten. „Angesichts der Situation heute muss man die Frage stellen, ob es überhaupt Gespräche gegeben hat und welche Substanz diese hatten. Der Erfolg ist zumindest ausgeblieben. Das ist auch für die Zukunft der bremischen Industriepolitik bitter“, kritisierte der CDU-Abgeordnete. Ähnlich äußerten sich die Linken.

Negativ-Trend in der Nahrungsmittelindustrie

Die Kellogg-Entscheidung sei nach der Werksschließung von Coca-Cola und der anstehenden Aufgabe von Kaffee Hag innerhalb weniger Monate ein „weiterer Tiefpunkt eines bedenklichen Negativ-Trends in der Bremer Nahrungsmittelindustrie“, so Kastendiek. Der Wirtschaftssenator müsse die strategischen Säulen seiner Industriepolitik auf den Prüfstand stellen und ein Konzept zur Sicherung wichtiger Industriezweige vorlegen.

Die Grünen, Koalitionspartner der SPD, sagten, die angestrebte Schließung sei „ein Schlag ins Gesicht“ der Mitarbeiter. Björn Fecker, stellvertretender Fraktionschef: „Wir appellieren an den Konzern, die Schließung noch einmal zu überdenken. Unternehmen tragen nach unserem Grundgesetz auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Eigentum verpflichtet.“

„Dass der Senat vom Abzug von Kelloggs überrascht ist, zeigt, wie oberflächlich seine Standort- und Industriepolitik ist. Bremen bleibt mit der Wirtschaftspolitik von Rot-Grün weit unter seinen Möglichkeiten“, sagte die FDP-Fraktionschefin Lencke Steiner. Sie forderte „Entfaltungsmöglichkeiten“ für die Wirtschaft wie fließenden Verkehr, schnellere Genehmigung von Bauflächen und eine „investitionsfreundlichen Politik“. 

Wie abstrus die Standortpolitik des Senats sei, zeige die jüngste Forderung von Rot-Grün, den Steuervorteil für Diesel-Fahrzeuge abzuschaffen – obwohl sich das größte deutsche Mercedes-Werk in Bremen befinde.

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