Neuer Trinkwasserbrunnen an der Liebfrauenkirche / Nicht nur für Obdachlose

Kein Nass im Überfluss

Kirchenpräsidentin Edda Bosse (v.l.), Harald Barzen, der schon seit mehreren Jahren auf der Straße lebt, und Streetworker Harald Schröder nehmen einen ersten Schluck aus dem neuen Trinkwasserbrunnen an der Liebfrauenkirche. - Fotos: Reineking

Bremen - Von Viviane Reineking. Wasser ist ein Menschenrecht. Damit auch Obdachlose Zugang zu Trinkwasser bekommen, hat die Bremische Evangelische Kirche gestern an der Liebfrauenkirche, direkt am Eingang zur Sakristei, einen öffentlichen Trinkwasserbrunnen eingeweiht.

„Für viele Menschen fließt Wasser im Überfluss – aber nicht für alle“, sagt der Streetworker Harald Schröder. Das sei ein großes Problem, vor allem in den heißen Sommermonaten. Für Menschen etwa, die auf der Straße lebten, habe es in der Bremer City bislang eine frei zugängliche Wasserstelle gegeben: die an der katholischen Kirche St. Johann im Schnoor.

Auf Initiative von Diakon Schröder wurde nun eine weitere Trinkwasserstelle in zentraler Innenstadtlage in Betrieb genommen – und die Gelegenheit, einen erfrischenden Schluck zu nehmen, wurde bereits gestern reichlich genutzt. Nicht nur von Menschen, die auf der Straße leben, auch Marktbesucher und Touristen wollten kosten, wie das Wasser aus dem vom Bremer Künstler Joachim Manz gestalteten Brunnen aus Basalt und Messing wohl mundet. „Schmeckt gut“, lautete denn auch die einhellige Meinung.

Die Bremer Innenstadt sei für Menschen, die auf der Straße leben, eine einzige Durststrecke, so Schröder. Zwar fließen im Sommer 15 Wasserbrunnen, doch ziere sie der Hinweis „Kein Trinkwasser“.

Künstler Joachim Manz hat den Trinkwasserbrunnen aus Basalt und Messing kreiert.

Oder sie seien durch Vogelkot verdreckt. Es gebe große Trinkstätten für Hunde, Pferde und Vögel – allein die Menschen, so Schröder, hätten das Nachsehen. „Mitten uns ist Trinkwassernot, weil es Wohnungsnot gibt“, verwies der evangelische Streetworker auf ein Grundproblem. Deshalb müsse der Zugang zu Trinkwasser und Sanitärversorgung die vorrangigste Aufgabe der Politik sein. „Letztlich werden wohnungslose Menschen auf diese Weise aus der Innenstadt vertrieben“, so Schröder, und fordert die freie Teilhabe von allen Menschen an den Wasserressourcen der Stadt und damit weitere Trinkwasserstellen.

Weiterer Kritikpunkt Schröders: Obdachlose mit Plastiktüten im Gepäck oder wie „Berber aussehend“ würde der Zugang zu „netten Toiletten“ von Händlern und Gastronomen verwehrt werden. Weil Bremen den Großteil der öffentlichen Toiletten abgebaut habe, sei auch das Menschenrecht auf Sanitärversorgung nicht gesichert. „Ein Skandal“, sagt der Streetworker.

Etwa 500 Obdachlose gibt es in Bremen. Einer, der sich über die neue Trinkwasserquelle freut, ist Harald Barzen. Seit mehreren Jahren lebt er auf der Straße, gibt täglich bis zu drei Euro für Wasser aus. „Der Brunnen erleichtert das Leben mehr, als sie alle ahnen“, freut sich der 64-Jährige.

„Klein, bescheiden, hanseatisch“ – so beschreibt Michael Frenz, Präsident der Bremer Architektenkammer, die an der Fassade der Sakristei angebrachte und durch Spenden finanzierte Trinkwasserstelle. Ganz bewusst hatte sich Künstler Joachim Manz für eine eine einfache und klare Formensprache entschieden, eine Objektform, die nicht aufdringlich ist und sich gut einfügt in die Umgebung, wie er sagt.

Für alle Beteiligten wie Kirchenpräsidentin Edda Bosse ist die Trinkwasserstelle ein längst überfälliges Angebot: „London, Rom, New York und viele andere Groß- und Kleinstädte sind uns da weit voraus.“

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