Bremer Uni-Studie zu hohen Benzinpreisen / „Selbstorganisierte Kartellbildung“

Benzinpreis: Kein Hinweis auf Absprache

Steigende Benzinpreise ärgern die Autofahrer, die sich abgezockt fühlen. Eine Studie der Bremer Uni zeigt jedoch, dass auch flächendeckende Preissteigerungen kein Hinweis auf Preisabsprachen sind. ·

Bremen - Schnelle Preisanstiege und permanente Schwankungen bei den Benzinpreisen verärgern die Autofahrer. Von Preisabsprachen ist die Rede, von einem Kartell der Mineralölkonzerne, die durch künstlich hochgehaltene Preise ihren Profit steigern wollen. Eine Studie der Bremer Uni jedoch belegt: „Flächendeckend höhere Benzinpreise sind noch kein Hinweis auf Preisabsprachen.“

Die Studie von Wissenschaftlern des Instituts für Theoretische Physik (ITP) der Universität Bremen zeigt, dass eine an ein Kartell erinnernde Preisdynamik bei bestimmten Gütern – wie zum Beispiel Benzin – auch spontan entstehen kann, und das ohne jede Absprache zwischen den Verkäufern. „Das Ergebnis der Studie bedeutet nicht, dass Firmen nicht doch abgesprochene Kartelle bilden“, sagt der Physiker Professor Stefan Bornholdt. Aber wenn über eine Regulierung des Kraftstoffmarktes nachgedacht werde, muss nach Ansicht der Bremer Forscher berücksichtigt werden, dass es zu dieser „selbstorganisierten Kartellbildung“ kommen kann.

„No Need for Conspiracy: Self-Organized Cartel Formation in a Modified Trust Game,” heißt die Studie, die Bornholdt und sein Kollege Dr. Tiago Peixoto in einer Ausgabe des Fachmagazins „Physical Review Letters“ veröffentlicht haben. „Unsere Arbeit zeigt, dass unter sehr einfachen und plausiblen Annahmen für die Dynamik eines Marktes ein kartellähnliches Verhalten der Verkäufer entstehen kann, ohne dass diese sich explizit absprechen“ sagt Bornholdt.

Die Forscher wollten herausfinden, ob die permanente Fluktuation der Benzinpreise ein Anzeichen für eine kollektive Dynamik sei, „die auf ungewöhnlichen Wechselwirkungen zwischen den Tankstellen beruhten“. Sie entwickelten daraufhin ein Modell auf der Basis realer Marktszenarien. Darin handeln eine Million Akteure miteinander. Sie treten als Käufer oder Verkäufer eines notwendigen Versorgungsgutes auf. Als Käufer muss ein Akteur das notwendige Produkt kaufen; er darf jedoch wählen, bei welchem Verkäufer er kauft. Als Verkäufer kann ein Händler den Preis setzen – wohlwissend, dass ein zu niedriger Preis dem Profit schadet und ein zu hoher Preis die Kunden zu anderen Verkäufern treibt. Bornholdt folgert: „Wenn die Käufer schneller handeln können als die Verkäufer, dann zeigt unser Modell, dass die Verkäufer davon profitieren. Weil der Verkäufer mit dem niedrigsten Preis am meisten profitiert, kopieren die anderen Verkäufer nach und nach diese niedrigen Preise. Und zwar so lange, bis alle Verkäufer den gleichen niedrigen Preis haben.“

Die Forscher planen, ihr Modell weiter zu verbessern. „Es kann noch realistischer gemacht werden, vor allem durch Berücksichtigung räumlicher Randbedingungen. Eine günstigere Tankstelle 100 Kilometer entfernt, ist keine Alternative“, sagt Bornholdt. „Räumliche Randbedingungen können die Dynamik signifikant verändern.“ · je

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