Kehrt die Ruhe zurück?

Nach Anwohnerkritik: Hansewasser rüstet Windrad nach

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Schleifen in 50 Metern Höhe: Drei Monteure rüsteten beim Windrad von Hansewasser in Seehausen innerhalb einer Woche alle drei Rotorblätter mit den Hinterkammkanten nach, damit sie weniger Geräusche verursachen.

Lange Zeit verbreiteten sie Lärm und sorgten für schlaflose Nächte in Seehausen. Das ist nun vorbei. Nachdem große Teile der Anwohner im Bremer Ortsteil das riesige Windrad auf der nahegelegenen Kläranlage von Hansewasser kritisiert hatten, handelten die Verantwortlichen vor Ort und statteten die Rotorblätter mit sogenannten „Serrations“ aus.

Bremen - Das nennt man wohl Idylle: Fachwerkhäuser, gepflegte Vorgärten und ein Ponyhof bestimmen das Bild im beschaulichen Seehausen. Knapp 1 200 Einwohner zählt der Orsteil im Süden der Hansestadt. Doch die Ruhe war jahrelang in Gefahr. Seit Ende 2010 steht auf dem nur wenige hundert Meter entfernten Gelände der Kläranlage, betrieben von Hansewasser, das zu seiner Zeit größte Windrad Bremens. Mit 98 Metern Nabenhöhe ragt die Energieanlage in den Himmel, die Rotorblätter reichen bis zu 142,5 Meter gen Wolken. Eigentlich eine gute Sache, wäre da nur nicht der Lärm, der je nach Windrichtung „locker die Hälfte“ der Seehauser, so Beiratssprecher Ralf Hagens (CDU), über Jahre den Schlaf raubte. Anwohner gingen auf die Barrikaden und „standen mit wenig begeisterten Schildern vor unserem Tor“, erinnert sich Peter Schmellenkamp, Leiter der Kläranlage.

Wenig Gegenliebe von Bremer Anwohnern

Das Windrad, das im vergangenen Jahr etwa vier Millionen Kilowattstunden Strom erzeugte, hatte Hansewasser bewusst auf dem eigenen Gelände errichten lassen. Aus wirtschaftlichen Gründen, so Schmellenkamp. Hätte das Unternehmen außerhalb seines Areals gebaut, wären Steuern „in Größenordnungen angefallen, die wir uns gerne ersparen wollten“, fügt er hinzu. Aus ökonomischer Sicht sei der Bau „sicher kein Fehler gewesen“. Was Hansewasser freute, stieß jedoch bei einem Großteil der Anwohner auf wenig Gegenliebe. Das nahm auch Leiter Schmellenkamp wahr. Gesetzlich, so erläutert er, sei das Unternehmen nicht verpflichtet gewesen, das Windrad nachzurüsten, da Lärmbelastungsgrenzen nie überschritten worden seien. Der Betrieb hatte den Umbau dennoch seit längerem zugesichert – und „Zusagen einzuhalten, ist für mich Basis eines vernünftigen Zusammenlebens“, sagt der Kläranlagen-Leiter, der hinzufügt: „Es war nie eine Frage des Geldes.“

Lärmbelastung von Windrad verringert

So kam es, dass vor wenigen Tagen drei Monteure die, so der Fachausdruck, „Trailing Edge Serrations“ (Hinterkammkanten) anbauten. Dabei werden zunächst die Rotorblätter an der Windkante angeschliffen, dann werden auf einer Länge von insgesamt zehn Metern gezackte Kunststoffteile verklebt. Ein Meter Material wiegt dabei schätzungsweise 250 Gramm. Während das Zusatzgewicht keinen Einfluss auf die Energieleistung der Anlage haben soll, verringere sich die Lärmbelastung um zwei Dezibel (reiner Messwert). „Die tatsächlich wahrgenommenen Geräusche dürften aber wesentlich leichter spürbar sein“, so Schmellenkamp.

„Das ist gut fürs Nachbarschaftsverhältnis“

Beiratssprecher Hagens und viele Anwohner hatten „immer gehofft, dass Nachbesserungen kommen“. Umso mehr freue es ihn, dass Hansewasser sein Wort gehalten habe. „Das ist keine Kleinigkeit“, betont Hagens die Investition von rund 40 000 Euro, die der Betrieb freiwillig getätigt hat. „Das ist gut fürs Nachbarschaftsverhältnis.“ Bislang gebe es keine direkten Rückmeldungen der Anwohner, so Hagens. Am Freitag äußerten einige Anwohner, dass sie bis jetzt keine unmittelbare Lärmreduzierung wahrnehmen könnten.

Schmellenkampf betont, dass die Veränderungen „sehr wahrscheinlich“ erst im Winter, bei klaren und ruhigen Nächten, wahrnehmbar seien. Zur Zeit sei das Rascheln des Laubs lauter als das Windrad.

Bis mindestens 2028 bleibt das Windrad in Betrieb, dann endet der Leistungsvertrag mit der Stadt. Neun Jahre, in denen die Idylle nach Seehausen zurückkehren kann.

Die Eule als Vorbild 

„Trailing Edge Serrations“ (Hinterkammkanten) stammt, wie so vieles in der modernen Industrie, aus dem Tierreich. Entwickler machten sich dabei die Fähigkeit von Eulen zunutze, denen es möglich ist, nahezu geräuschlos durch die Luft zu fliegen. Der spezielle Aufbau der Eulenflügel wurde so umgesetzt, dass Rotorblätter nun mit kammartigen Kunststoffteilen versehen werden, an denen die meist störenden Strömungswinde (Hinterkantenschall) brechen und dabei reduziert werden.

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