Kanalbaustelle ermöglicht neue Erkenntnisse zur Geschichte der Balge

Das Ende einer Lebensader

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Freigelegt und eingekreist ist hier der Rest einer hölzernen Uferkonstruktion an der Balge aus der Zeit um 1237.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Wo genau ist er einst durch die Bremer Altstadt geflossen, der Weserarm mit dem Namen Balge? Die Landesarchäologen haben jetzt neue Erkenntnisse zum genauen Verlauf gewonnen.Als der Abwasserentsorger Hansewasser Ende vergangenen Jahres den Kanal unter der Schüttingstraße (vor der Böttcherstraße) erneuerte, nutzte das Team um den Archäologen Dr. Dieter Bischop die Gelegenheit, hier – im Herzen Bremens – mal in den Untergrund zu blicken.

Eben dadurch bot sich die Möglichkeit, die seit fast 200 Jahren aus dem Stadtbild verschwundene Balge – den in früheren Zeiten breiten und südlich des Marktplatzes verlaufenden Weserarm – noch genauer als bisher zu lokalisieren und zu datieren.

Platten und Tafeln im Gehwegpflaster weisen ja schon jetzt an verschiedenen Stellen in der Altstadt darauf hin: Hier floss einst die Balge. Für die Entwicklung der Stadt Bremen war die Balge von sehr großer Bedeutung – sie diente als erster Hafen der Stadt. Im Früh- und Hochmittelalter konnten Handelsschiffe Bremen über die Balge erreichen. Sie fuhren auf ihr mitten in die Stadt hinein – der erste Hafen Bremens lag dort, wo heute der Markt zu finden ist.

Die „Große Balge“ mündete an der Schlachte westlich der Zweiten Schlachtpforte in die Weser, ist im „Großen Bremen-Lexikon“ des Historikers Herbert Schwarzwälder (1919 bis 2011) zu lesen. „Sie umfloss von hier das Martini- und das Tieferviertel, um dann östlich des späteren Altenwalls in die Weser zu münden.“

Im 13. Jahrhundert verlor die „Lebensader des Fernhandels“ an Bedeutung. Das Hafengeschehen verlagerte sich ans Weserufer – an die Schlachte nämlich. Denn größere Schiffe konnten die Balge inzwischen nicht mehr durchgängig befahren. Tiefgehende Handelsschiffe wie die Bremer Kogge mussten ans Weserufer ausweichen. Im Jahr 1247 wurde die heutige Schlachte erstmals besiedelt. Wenig später wurden die Holzpfähle der ersten großen Schlachtekaimauer in den Weserschlick geschlagen.

Die Balge, sie verschlammte mehr und mehr. Anno 1838 „verschwand“ sie dann in einem unterirdischen Kanal.

Die Archäologen haben jetzt den letzten Verlauf der Balge exakt bestimmt, die im Bereich der Hansewasser-Baustelle um das Jahr 1607 herum zu einem kleinen, 4,40 Meter breiten Kanal „verschmälert“ war. Dazu waren seinerzeit mit Sandstein verblendet steinerne Uferwände aus Backstein errichtet worden, heißt es bei der Landesarchäologie. Über die Balge führten einige Brücken – Erinnerungen daran finden sich noch heute in Straßennamen wie Balgebrückstraße und Stintbrücke. Sogar Häuser waren über den schmalen Fluss gebaut worden. Der Verlauf dieser „steinernen Balge“ wurde jetzt in der Schüttingstraße im Pflaster markiert – und durch eine weitere in den Boden eingelassene Bronze-Infoplatte erklärt.

Die hölzerne Uferkonstruktion der mittelalterlichen Balge wurde im Rahmen der Kanalarbeiten von Hansewasser unweit des Eingangs zur Böttcherstraße angeschnitten. Bremens Archäologen schickten die Hölzer zur Datierung ans Deutsche Archäologische Institut nach Berlin.

Dieser Tage kam die Antwort von der Spree: Dieses Balgeufer war demnach zuletzt um (oder bald nach) 1237 befestigt worden, als der umstrittene Erzbischof Gerhard II. – der 1246 die Bremer Stadtrechte empfindlich beschneiden sollte – in Bremen herrschte. Diese Holzkaimauer der Balge reichte aber nicht aus, um die fortschreitende Versandung des Flussarms zu verhindern. Der Rest ist Geschichte.

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