„Juristisch richtig schwierig“

Verfahren um Schuss auf Polizisten: Landgericht wird Fall neu aufrollen müssen

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Stefan B. (l.) mit seinem Verteidiger Christian Knüpling, der die Einstellung des Verfahrens anstrebt. Die Staatsanwaltschaft pocht auf das ursprünglich geforderte Strafmaß von einem Jahr und vier Monaten, ausgesetzt zur Bewährung.

Bremen - Von Steffen Koller. Verkettung unglücklicher Umstände? Fahrlässigkeit? Notwehr? Mit diesen Fragen muss sich seit Dienstag das Bremer Landgericht beschäftigen. Es ist nicht das erste Mal, dass der Fall des 34-Jährigen juristisch aufgearbeitet wird.

Bereits 2017 erging ein Urteil gegen Stefan B., dem zur Last gelegt wird, mit einer Schreckschusspistole durch einen Türspalt auf einen Polizisten geschossen zu haben. Der Beamte erwiderte damals das Feuer und verletzte ein Mädchen (17) dadurch lebensgefährlich.

Es ist knapp ein Jahr her, da urteilte das Bremer Amtsgericht, dass sich Stefan B. der gefährlichen Körperverletzung in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung schuldig gemacht habe. Ein Jahr und zwei Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung, so lautete das Urteil Anfang November (wir berichteten). Angeklagter und Staatsanwaltschaft gingen in Berufung. Es war ein aufsehenerregender Fall. B. und weitere Personen hatten im März 2016 in einer Wohnung an der Ecke Tiefer/Balgebrückstraße gefeiert, als mehrere Männer die Party stürmen wollten. Die ungebetenen Gäste sollen mit Knüppeln und Gürteln auf Anwesende eingeprügelt haben.

Stefan B. und anderen Gästen gelang es, die Randalierer aus der Wohnung zu drängen. Sie alarmierten die Polizei. Und die war wenig später auch da. Kurz darauf kam es zum tragischen Vorfall. Zwei Beamte fuhren zur Wohnung, sie hatten über Funk den Einsatzbefehl „Familienstreit Kategorie 1“ („Gefahr für Leib und Leben“) erhalten. Vor der Wohnung angekommen – und ab hier gehen die Schilderungen auseinander –, soll einer der Beamten wiederholt (36) gerufen haben: „Aufmachen! Polizei!“

Mehrfach, das betonte der Mann auch am Dienstag vor Gericht, habe er versucht, die Tür einzutreten. Ohne Erfolg. Dann fiel der Schuss. Mit einer Schreckschusspistole feuerte der 34-Jährige aus einem Türspalt auf den Polizisten. Er will irrtümlich angenommen haben, die Angreifer seien zurück. Der Beamte erwiderte das Feuer, schoss fünf Mal auf die geschlossene Tür und traf dabei die hinter der Tür stehende 17-Jährige. Durch eine Notoperation retteten Ärzte ihr Leben.

Im Urteil vom November heißt es, für den Angeklagten habe keine „gefühlte Lebensgefahr“ bestanden, Notwehr sah das Gericht nicht. B. hätte nicht das mildeste Mittel gewählt, um sich und andere zu verteidigen, sondern durch den Schuss „eine ganz andere Eskalationsstufe“ heraufbeschworen, so Richter Kai Bockmann im ersten Urteil.

Jetzt sieht die Sache womöglich anders aus, so zumindest kann man die Äußerungen der jetzt zuständigen Richterin werten. Sie sagte, der Fall sei „juristisch richtig schwierig“, ein „Klausurfall“. „Umso mehr man drüber nachdenkt, desto mehr fällt einem dazu ein.“ Geht es nach der Verteidigung, wird die Sache am besten eingestellt. Die Staatsanwaltschaft fordert ein Jahr und vier Monate Haft, ausgesetzt zur Bewährung. So lautete auch die Forderung der Anklage im ersten Verfahren. Es geht also um zwei Monate.

Sowohl Anklage als auch Verteidigung machten am Dienstag klar, dass sie nicht bereit sind, ihre Berufung zurückzuziehen. So muss der Fall wohl ein weiteres Mal aufgerollt werden – inklusive Befragung von etwa 15 Zeugen. Der mehrfach wegen Urkundenfälschung und Diebstahls vorbestrafte Angeklagte äußerte sich bislang nicht zu den Vorwürfen, er wolle sich „schweigend verteidigen“. Das Verfahren gegen den Polizisten wurde längst eingestellt. Gegen ihn wurde kurzzeitig wegen versuchten Totschlags ermittelt. Der Prozess wird am Donnerstag, 27. September, fortgesetzt.

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