Bremer Wiederentdeckung: „Ottjen Alldag“ erstmals auf Platt- und Hochdeutsch

Jungenstreiche im Ostertor

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Der Ostertorsteinweg um 1900. ·

Bremen - Von Thomas Kuzaj„Bie Alldags weer up‘n Sonndag wat Lüttjes kamen. Bie Alldags! Up‘n Sonndag!“ So heißt es im ersten Kapitel eines der bekanntesten Werke der plattdeutsch-bremischen Literatur, „Ottjen Alldag“ von Georg Droste (1866 bis 1935). Bekannt? Ja. Aber wirklich gelesen? Hm. Doch genau das könnte sich nun ändern.

Erstmals nämlich gibt es die Geschichten in hochdeutscher Übersetzung – und zwar gemeinsam mit dem plattdeutschen Original in einem Band. Auf der linken Seite steht der niederdeutsche Text, auf der rechten Seite ist die entsprechende Übertragung ins Hochdeutsche zu lesen. Erschienen ist „Ottjen Alldag un sien Kaperstreiche – Ottjen Alldag erobert seine Welt“ im Bremer Kellner-Verlag (359 Seiten, Preis: 14,90 Euro).

Der Band, so die Hoffnung, weckt das Interesse neuer Lesergenerationen an einem Plattdeutsch-Klassiker ebenso wie das Interesse an der niederdeutschen Sprache selbst. Das Hochdeutsche übernimmt hier sozusagen eine Brückenfunktion, schafft Zugang. Der Kultur-Staatsminister hat die Buchausgabe gefördert. Das Institut für niederdeutsche Sprache (INS, Schnoor) begleitete das Projekt. Für die Übersetzung ins Hochdeutsche sorgte Rita Schloendorff.

„Ottjen Alldag“, die Hauptfigur von Drostes Hauptwerk, ist autobiographisch geprägt. Der hier neu aufgelegte erste Band der Romantrilogie erschien 1913, vor nunmehr 100 Jahren also. Die Weser, das Leben in den Katen am Punkendeich vor der Umgestaltung des Osterdeichs, die kleinen Straßen im Ostertor – in dem jetzt übertragenen Band schildert Droste „Ottjens“ Kindheit bis ins Konfirmandenalter. Zugleich zeichnet er ein Bild Bremens der Jahre um und nach 1870 – ein Bild Bremens im eben gegründeten Kaiserreich.

Dr. Reinhard Goltz, Geschäftsführer des Instituts für niederdeutsche Sprache, nennt den Roman in seinem Vorwort ein „Zeit- und Sittengemälde“. Die Grundfrage des Buchs, so schreibt Goltz, sei bis heute aktuell: „Wie schafft es ein junger Mensch, seinen Kurs zu finden?“

Autor Droste, am 16. Dezember 1866 in Bremen geboren, wuchs als Sohn eines Schneidermeisters in ärmlichen Verhältnissen am Osterdeich auf. Nach seiner Schulzeit arbeitete er bei einem Buchhändler als Laufbursche, dann folgte eine Lehre bei einer Wollfirma. 1886 erblindete Droste aufgrund einer Sehnervenentzündung. Er arbeitete als Straßenhändler, lernte die Korbflechterei, entdeckte sein Erzähltalent. „Eine Blindenschreibmaschine erleichterte ihm die Arbeit“, heißt es im „Großen Bremen-Lexikon“ des Historikers Herbert Schwarzwälder (1919 bis 2011).

„Ottjen“ – der Name ist eine plattdeutsche Verniedlichungsform von „Otto“ – gilt als echtes „Bremer Original“ und hält seine Familie tüchtig auf Trab. Er, so die Verlagswerbung, „holt sich die Kringel mit einer Feuerzange vom Weihnachtsbaum und klaut dem Fräulein Emilie den Zapfhahn aus der Regentonne“. Und so weiter, und so fort.

Der Charme liegt in der humorvollen Schilderung der Abenteuer, im „echt Bremischen“ und darin, dass Droste – wie Goltz betont  – „seine Figuren ernst nimmt“. Dem Roman angefügt ist ein plattdeutsches „Vokabelverzeichnis“, das von „Äbär“ (Storch) bis „zuxen“ (laufen, rennen) reicht. Auch das Plattdeutsche wird in diesem Projekt ernstgenommen und nicht einfach zur putzigen Folklore verklärt.

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