Jugendliche werden am Bunker „Valentin“ zum „Junior Guide“ ausgebildet

Nasskalter Koloss

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Ein Mann und eine Frau lesen am Bunker „Valentin“ eine Informationstafel zur geplanten Gedenkstätte. Der Bunker steht für den Größenwahnsinn der Nazis und das Leid von Tausenden von Zwangsarbeitern.

Bremen - Von Michelle Gross. Der schwarzgefleckte und mit Ranken bewachsene Betonklotz ragt weit über die Köpfe der Jugendlichen. Durch das geöffnete Tor blickt die kleine Gruppe angehender „Junior Guides“ in das Innere des Bunkers. Nasskalte Luft dringt heraus, während der zwölfjährige Maximilian Lübbersmeyer die Fakten aufzählt: Der Bunker Valentin ist mehr als 30 Meter hoch und an der Westseite fast 100 Meter breit.

Seine Betonwände sind bis zu 4,50 Meter mächtig, die Decke sogar bis zu 7,50 Meter. Damit ist der Koloss der zweitgrößte oberirdische Bunker Europas. Der größte, ebenfalls von der deutschen Kriegsmarine errichtete Bunker, steht im französischen Atlantikhafen Brest.

Dunkel, kalt, riesig, einfach unangenehm – aber trotzdem seien sie neugierig, was sie erwarte: So beschreiben die Jugendlichen ihren ersten Besuch im Bunker. Sie lassen sich am Denkort des U-Boot-Bunkers zu „Junior Guides“ ausbilden, zu jugendlichen Führern durch ein Betonmonstrum, an dem zwischen Sommer 1943 und Frühjahr 1945 unter unmenschlichen Bedingungen bis zu 10 000 Zwangsarbeiter schuften mussten.

Nach ihrer Ausbildung können die jungen Leute eigenständig Gruppen über das Bunkergelände führen und über dessen Geschichte erzählen. Der 18-jährige Felix Lübbersmeyer und seine drei jüngeren Brüder gehören mit zur Gruppe angehender Guides. Sie wohnen seit einem Jahr ganz in der Nähe im Bremer Stadtteil Farge und sind hier schon mehrfach vorbeigefahren. „Wir haben vor unserer Haustür ein Stück Geschichte, und darüber wollen wir mehr erfahren“, sagt Felix.

Auch Karolina Bruns wohnt in der Nähe des Bunkers. Sie wusste schon vor Beginn der Ausbildung, was hinter dem Bauwerk steckt, will ihr Wissen aber gerne an andere weitergeben. Die 16-Jährige hat aber auch Neues dazugelernt. „Besonders bestürzend finde ich die Verhältnisse, unter denen die Zwangsarbeiter hier schuften mussten. Viele Menschen haben darunter gelitten und sind gestorben.“

Bis zu 2 000 Arbeiter kamen beim Bau durch Unterernährung, Krankheiten oder willkürliche Tötungen ums Leben. Der monströse Bunker gilt als eines der größten Rüstungsprojekte der NS-Zeit. Hier sollten im Fließbandverfahren U-Boote eines neuen Typs entstehen, mit denen Hitler die Nachschubwege der Alliierten über den Atlantik unterbrechen wollte.

Seminarleiterin Adrienne Körner bildet die Zwölf- bis 18-Jährigen ehrenamtlich zu „Junior Guides“ aus, die diese Fakten anschaulich vermitteln sollen. Nicht nur bei Schulklassen komme die Wissensvermittlung durch Gleichaltrige gut an, hat sie erfahren. Ihr sei es auch wichtig, diese historische Stätte mit Jugendlichen zu entdecken, um bei ihnen Verständnis für die damalige Zeit zu entwickeln.

Dafür nutzt die Pädagogin unter anderem Zeitzeugenberichte und Geschichtsbücher. Am wichtigsten sei es jedoch rauszugehen. „Die Teilnehmer nehmen viel mehr auf, wenn sie alles mit eigenen Augen sehen“, meint Adrienne Körner. „Zum Beispiel fahren wir mit Fahrrädern den damaligen Arbeitsweg der Zwangsarbeiter ab.“

Das Seminar soll den Jugendlichen auch helfen, frei und ohne Scheu vor einem Publikum zu sprechen. Denn das Schwierigste sei es, einen lockeren Erzählstil zu entwickeln, meint Körner.

Das spürt Maximilian Lübbersmeyer, als er seinen Vortrag probt und vom Bau des Bunkers erzählt. Immer wieder blickt er auf seine Notizkarten und gerät ins Stocken. Das Lampenfieber ist groß. Doch von Satz zu Satz wird er sicherer. Sein Bruder hilft ihm und reicht passende Fotos in der Gruppe herum. Am Ende lächelt Maximilian stolz – und bekommt Applaus.

Im November wird der Bunker „Valentin“ als nationaler Denkort offiziell eröffnet. Bis dahin sollen ein Besucherzentrum und ein Ausstellungsraum mit Blick in den nicht begehbaren Teil der Ruine entstehen. Ein elektronischer Führer ist in Arbeit, der über Kopfhörer das Gelände erklärt. In den kommenden Wochen wird außerdem ein neu gestalteter Infoweg dazu kommen. Ist alles fertig, rechnet die Gedenkstätte mit einem steigenden Interesse an Führungen. Dann sind vermehrt auch die „Junior Guides“ gefragt.

Hintergrund: Mitte 1943 begann die deutsche Kriegsmarine mit dem Bau des U-Boot-Bunkers „Valentin“ im Bremer Ortsteil Farge-Rekum. In einem 100 Meter mal 400 Meter großen und teils über 30 Meter hohen Betonkoloss sollte ein neuer U-Boot-Typ montiert werden, mit dem im Atlantik Nachschubschiffe der Alliierten torpediert werden sollten. Nach einer ähnlichen Anlage im westfranzösischen Brest ist „Valentin“ der größte oberirdische Bunker Europas. Ende März 1945 zerstörte ein Angriff der britischen Royal Air Force den noch nicht fertiggestellten Teil des Bunkers. Kurz darauf wurden die Arbeiten an „Valentin“ gestoppt. In den Jahren zuvor wurden mehr als 10 000 Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen zum Bau des Beton-Kolosses mit teils bis zu 7,50 Meter dicken Wänden eingesetzt. Viele von ihnen überlebten die körperlich äußerst anstrengende Arbeit nicht. Wie viele es genau waren, ist nicht klar. Anhand belegter Daten gehen die Historiker von mindestens 1 200 Toten aus. Fertig geworden ist der Bunker nie. Kein U-Boot verließ die Anlage. Nach Kriegsende wurde „Valentin“ drei Jahre lang von den Alliierten zu Übungszwecken bombardiert. Zunächst warben die Bremer noch auf Postkarten mit dem Bunker. Das Monstrum galt als technisches Glanzstück und als „Achtes Weltwunder“. Zeitweise nutzte die Bundesmarine einen Teil des Komplexes. Mittlerweile bauen Bund und Land die Anlage zum nationalen Gedenkort aus, der im November offiziell eröffnet werden soll.

Buchhinweis: Dokumentation „Denkort Bunker Valentin Bremen“, Verlag Schnell & Steiner Regensburg 2015, 32 Seiten, drei Euro.

epd

www.denkort-bunker-valentin.de.

epd

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