Jugendliche nähen aus alten Kleidungsstücken Textilien mit Kultstatus

Neues Leben einhauchen

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Renate Drögemoeller (68) leitet einen „Upcycling“-Workshop in der Bremer Jugendkirche. Aus alten Kleidungsstücken wie Hemden, Hosen oder Gardinen nähen Mädchen neue Textilien, die es nur als kultige Unikate gibt.

Bremen - Von Dieter Sell. Sie haben Lust auf schicke Unikate und wollen gleichzeitig der Wegwerfgesellschaft ein Schnippchen schlagen – Jugendliche in Bremen, die in den Ferien beim „Upcyceln“ alte Klamotten in schicke Textilien verwandeln.

Die schicke Handytasche war eben noch eine verschlissene Jeans. Aus dem alten Frotteehandtuch entsteht eine absolut textilgiftfreie Schnuffel-, Nuckel- und Schnullerpuppe. Der alte Vorhang wird zum „Schmeiß-rein-Büdel“ für den Kleinkram im Bad. Der Stoff langt nicht? Dann werden einfach Patchwork-Stücke dazwischengenäht. „Kultig, absolut einmalig das Teil“, schwärmt Renate Drögemöller, die in der Bremer Jugendkirche in Kooperation mit dem Hafenmuseum einen „Upcycling“-Workshop leitet. Sieben Mädchen nähen um die Wette und bescheren alten Textilien ein neues Leben. Upcycling – das ist ein Trend, der sich quer zur Wegwerfgesellschaft stellt und bundesweit mittlerweile in vielen Bereichen Fuß gefasst hat. Im Gegensatz zum Recycling ist ein geringerer Energieaufwand nötig, um neue Dinge zu schaffen. Und außerdem wird die Qualität des vermeintlichen Abfalls nicht gemindert wie etwa beim Papierrecycling, sondern gesteigert.

So entstehen aus Müll nützliche Sachen: Transparentes Verpackungsmaterial liefert den ausgefallenen Rohstoff für eine Lampe, Kaffeepads polieren die Handtasche auf, alte Plastikflaschen schützen Dokumente. Genauso funktioniert es mit den Textilien, die jetzt haufenweise im Gruppenraum der Bremer Jugendkirche auf eine neue Verwendung warten und nun verarbeitet werden. Kleine Unfälle an den surrenden Nähmaschinen inbegriffen. „Renate, mir ist die Nadel rausgefallen“, ruft Sara (14) verzweifelt und bittet die Expertin mit leicht frustriertem Unterton um Hilfe. Dann sind wieder die Nähte schief oder der Reißverschluss ist zu lang. Drögemöller sieht‘s locker. „Wir sind Weltmeister im Wiederauftrennen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern und lobt wenig später die Tasche von Sara. „Grauer Stoff mit rosa Schleifchen – absolut cool“, meint sie anerkennend.

Ihr mache es Spaß, alten Sachen neues Leben einzuhauchen, erklärt Paula (15) und zeigt begeistert ihre Handytasche vor. Aber Drögemöller und dem Hafenmuseum geht es um mehr als nur Spaß an kultigen Textilien. „Es geht auch um den Respekt gegenüber denen, die mal die Baumwolle angebaut und weiter verarbeitet haben, um einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen“, bekräftigt die 68-jährige Aktivistin, die sich unter anderem im Bremer Informationszentrum für Menschenrechte und Entwicklung engagiert. Um das Thema zu vertiefen, haben sich die Jugendlichen zuvor in einer Sonderausstellung des Museums umgesehen, die Erstaunliches zutage fördert.

So erfährt die Gruppe, dass Jeans und ihre Einzelteile um die ganze Welt reisen, bis sie zum fertigen Produkt zusammengesetzt auf dem deutschen Markt verkauft werden. Und dort, in Deutschland, wird lediglich das Firmen-Label eingenäht – und die Hose erhält den Aufdruck „Made in Germany“. Wer weniger kaufe, helfe Rohstoffe zu schonen, betont Renate Drögemöller. Ihr sei es wichtig, den jungen Leuten zu vermitteln, dass sie mit Upcycling auch in dieser Hinsicht etwas bewirken könnten.

Wer außerdem frage, unter welchen Bedingungen Kleidungsstücke hergestellt und ob sie fair gehandelt würden, zeige, dass ihm die Situation der Näherinnen in Bangladesch nicht egal sei. Drögemöller ist fest überzeugt: „Jeder ist aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen – für sich und andere.“

epd

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