„judel/vrolijk“

Superjachten made in Bremerhaven

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Der geschäftsführende Gesellschaft von „judel/vrolijk“, Torsten Conradi (l.), gemeinsam mit Unternehmensgründer Rolf E. Vrolijk im Büro des Unternehmens.

Bremerhaven - Von Janet Binder. Rolf Vrolijk ist vor kurzem von einer Bootstaufe auf der finnischen Baltic-Werft zurückgekommen. Der 70-jährige Jachtkonstrukteur hat schon viele solcher Zeremonien erlebt, diese war aber besonders. Denn das Wort „Boot“ trifft es in dem Fall nicht wirklich.

Die „Pink Gin VI“ ist mit 55 Metern Länge eine Superjacht und das größte je im Hause „judel/vrolijk“ konstruierte Segelschiff. Sechs Jahre hat es von der ersten Planung bis zur Taufe gedauert. „Unsere Aufgabe ist es, die Träume von Eignern umzusetzen“, sagt Vrolijk. 

Seit 40 Jahren erfolgreich im Regattabereich aktiv

Der Niederländer ist mit Fietje Judel Gründer von „judel/vrolijk“; im nächsten Jahr wird das Bremerhavener Konstruktionsbüro für Segeljachten 40 Jahre alt. Es zählt zu den weltweit erfolgreichsten. 1986 kam Torsten Conradi dazu, Judel ist inzwischen ausgeschieden. In die erste Liga ihrer Branche stiegen die Ingenieure schon früh auf: In den 1980er und 1990er Jahren waren es vor allem ihre Rennjachten, die bei der Regatta „Admiral's Cup“ die Siege holten. 2003 wurde die bekannteste Segeltrophäe der Welt, der „America's Cup“, erstmals von einem europäischen Schiff gewonnen - die erfolgreiche „Alinghi“ stammte aus der Feder von Vrolijk. 2007 holte das Boot die Trophäe erneut. 

Ohne modernste Software lässt sich heute keine Superjacht mehr bauen.

Als das „Alinghi“-Team beim „America's Cup“ nicht mehr antreten wollte, bedeutete das auch das Aus für Rolf Vrolijk bei dem Rennen. „Wir hätten auch weitergemacht“, sagt Conradi. Dafür fehlten aber die Auftraggeber. Stattdessen kamen Nachfragen für die TP-52-Rennen, die als kleine „America's Cups“ gelten. Die Meisterschaften werden nun vor allem von Hochleistungsbooten gefahren, die in Bremerhaven entworfen wurden. „Wir sind eine der wenigen Konstrukteure, die seit 40 Jahren erfolgreich im Regattabereich aktiv sind“, sagt Vrolijk. Am Steuer solcher Boote stehen auch Prominente wie der spanische König Juan Carlos. 

Schweigen, wenn nach prominenten Kunden gefragt wird

Längst werden vom 17-köpfigen Team nicht nur Regatta-, sondern auch Touren- und Motorjachten sowie Serien- und Passagierschiffe entwickelt. Gebaut werden sie auf verschiedenen Werften. „Wir arbeiten wie Architekten beim Hausbau“, erklärt der 61-jährige Conradi, der auch Präsident des Deutschen Boots- und Schiffbauer-Verbandes ist. „Jedes Projekt wird vom ersten Strich bis zum Probesegeln intensiv betreut.“ Das bedeutet für die Geschäftsführer auch, nach Feierabend erreichbar zu sein. Denn für die Auftraggeber von Privatjachten sind die Pläne Freizeitbeschäftigung. 

Im „judel/vrolijk“-Büro ist es unmöglich, den Blick nicht auf ein Schiff fallen zu lassen.

Spricht man Vrolijk und Conradi auf prominente Namen unter ihren Kunden an, werden sie schweigsam. „Die meisten wollen nicht genannt werden“, sagt Vrolijk. Nur so viel: „Die europäischen Könige sind aktiv im Segeln, ein paar von ihnen fahren unsere Boote.“ Auch Bud Spencer hatte eins von ihnen. Bekannt ist, dass die „Pink Gin“ dem Unternehmer Hans Georg Näder gehört. Auch über Neubaupreise wird in der Klasse nicht gerne geredet. Der Anteil der Designkosten am Schiffsgesamtpreis sei aber sehr klein, sagt Conradi: „Er bewegt sich bei drei bis sechs Prozent.“ 

Branche hat sich von der Finanzkrise erholt

Als die Finanzkrise mit voller Wucht 2008 die Wassersportbranche traf, ging das auch an „judel/vrolijk“ nicht spurlos vorüber. „Wir hatten weniger Aufträge, sind da aber einigermaßen glimpflich rausgekommen, weil wir vielseitig aufgestellt sind“, sagt Conradi. Entlassen werden musste niemand. Damit bilden die Bremerhavener eine Ausnahme. Nachdem sich der Absatz der Segel- und Motorboote in Europa halbiert hatte, konnten sich viele Unternehmen nicht mehr halten. 

Inzwischen erholt sich die Branche wieder. „Wir haben im Moment das beste Jahr seit 2008“, sagt Jürgen Tracht, Geschäftsführer des Bundesverbandes Wassersportwirtschaft. 2016 lag der Gesamtumsatz an maritimen Gütern und Dienstleistungen bei zwei Milliarden Euro - ohne den Bereich der Megajachten. „Damit sind wir in der gleichen Größenordnung wie vor der Finanzkrise.“ Es würden zwar weniger Boote gebaut als noch vor zehn Jahren. „Der Trend geht aber zu größeren Jachten“, so Tracht. 

Den Wunsch nach Wachstum kennen auch Vrolijk und Conradi. „Manchen Eignern macht es so einen Spaß, ein Boot zu planen, dass sie schon das nächste in Angriff nehmen wollen, wenn das eine noch nicht mal ausgeliefert ist“, erzählt Conradi. „Dann heißt es: Zeig mir mal, wie es aussieht, wenn das Boot zehn Meter länger ist.“ Auch die „Pink Gin“ hat kleinere Vorgängerinnen: Die letzte ist 46 Meter lang.

dpa

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