Jacobs-Psychologin erforscht Phänomen der Hochsensibilität

Zu laut und zu grell

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Zu laut und zu grell: Geräusche, Töne und Licht beispielsweise während eines Konzertes nehmen Hochsensible in der Regel intensiver wahr als andere Menschen.

Bremen - Von Viviane Reineking. Geräusche empfinden sie häufig als lauter, Farben und Gerüche als intensiver. Hochsensible Menschen nehmen Sinneneindrücke schneller und intensiver wahr als andere Menschen. Psychologin Prof. Dr. Margrit Schreier, selbst Betroffene, erforscht das Phänomen an der Jacobs-Universität.

Sensible Menschen gelten als besonders feinfühlig, aber auch als empfindlich. Doch wer etwa Töne und Stimmen schnell als zu laut und Licht als zu grell empfindet, sich vom Multitasking leicht überfordert fühlt, ist unter Umständen sogar „hochsensibel“, ein Begriff, der Schreier zufolge bereits seit etwa 20 Jahren existiert.

In der Wissenschaft allerdings spielt er bislang noch keine große Rolle. Das will die Psychologie-Professorin ändern: „Um dem Thema mehr Anerkennung und den Betroffenen mehr Verständnis und Hilfe zu verschaffen, müssen wir das Phänomen zunächst klar definieren“, so Schreier. Denn die Feinfühligkeit könne als Last oder als Gabe empfunden werden, manchmal als beides gleichermaßen. Die Wissenschaftlerin arbeitet an einem Fragebogen zur Erfassung von Hochsensibilität.

Einerseits könne es bei Hochsensiblen leicht zu einer Überreizung und Überforderung kommen. Betroffenen werde schnell alles zu viel, sie seien schnell erschöpft und ziehen sich zurück. Aber es gebe eben auch positive Aspekte: „Bei anderen Hochsensiblen steht mehr im Vordergrund, was sich ihnen an Wahrnehmungsmöglichkeiten eröffnet“, so Schreier. „Manche Betroffene können zum Beispiel die Natur intensiv erleben und in Kunstwerken versinken. Und: Hochsensible können sich hervorragend in andere Menschen hineinfühlen“, so die Psychologin.

Wie ein Betroffener damit umgehe und zurechtkomme, hänge vor allem davon ab, wie die Umwelt reagiere und inwieweit Hochsensibilität bei Kindern gefördert oder – nach dem Motto „Stell dich nicht so an“ oder „Sei nicht so empfindlich“ – unterdrückt werde. Oft helfe es Betroffenen schon, wenn man dem Kind einen Namen geben könne und sie nicht mehr als „Prinzessin auf der Erbse“ wahrgenommen würden. „Ich selbst empfinde meine Hochsensibilität als Bürde und Geschenk gleichermaßen“, so Schreier.

„Ein Fünftel aller Menschen ist vermutlich hochsensibel“, so die Forscherin – und zwar seit ihrer Geburt. Das betreffe auch andere Lebewesen, Fische genauso wie Schimpansen und Hunde. Sinnesreize werden in einer anderen Art und Weise empfunden als bei anderen Menschen: tiefer, stärker und detaillierter. Hochsensible nehmen ihre Umgebung in allen Aspekten intensiver wahr und denken mehr über alles nach, fällen Entscheidungen bedächtiger. Doch das Phänomen äußere sich nicht bei jedem gleich.

Laut Schreier gibt es bestimmte körperliche Erkrankungen, die mit der Hochsensibilität einhergehen können, wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Migräne, chronische Erschöpfung und Allergien. In speziellen Achtsamkeitstrainings könnten Betroffene aber lernen, mit Außenreizen besser umzugehen und die Hochsensibilität besser für sich zu nutzen.

Ein Aspekt des Phänomens interessiert Margrit Schreier ganz besonders: der Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Umwelterkrankungen. Dazu gehörten beispielsweise Unverträglichkeiten gegenüber Zigarettenrauch, Parfum oder Kosmetika. „Die Wahrscheinlichkeit, an einer Umwelterkrankung zu leiden, ist bei hochsensiblen deutlich höher als bei anderen Menschen“, so Schreier. Es habe sich auch gezeigt, dass hochsensible Menschen auch stark auf Stimulanzien wie Kaffee oder Alkohol reagierten. Und natürlich mache es Sinn sich zu überlegen: „Wenn jemand gegenüber Umweltreizen durchlässiger ist, ist er es vielleicht auch gegenüber Schadstoffen und Toxinen.“

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