Drogenhandel im großen Stil: Prozess vor Bremer Landgericht

„Ist das Gras schon da?“

Er soll der Kopf der Bande sein: Ali S. (mit schwarzer Mappe). Fuat B. (2.v.l.) akquirierte laut Anklage zusammen mit S. vermutlich Lieferanten und Abnehmer für Drogen. Christian D. (vorne im Bild) sitzt als einziger der fünf Angeklagten nicht in Haft, er soll Kurierfahrten übernommen haben. Rechts im Bild: Bernhard Docke, Anwalt von Fuat B..
+
Er soll der Kopf der Bande sein: Ali S. (mit schwarzer Mappe). Fuat B. (2.v.l.) akquirierte laut Anklage zusammen mit S. vermutlich Lieferanten und Abnehmer für Drogen. Christian D. (vorne im Bild) sitzt als einziger der fünf Angeklagten nicht in Haft, er soll Kurierfahrten übernommen haben. Rechts im Bild: Bernhard Docke, Anwalt von Fuat B..

Vor dem Bremer Landgericht hat am Dienstag ein Prozess gegen fünf Männer begonnen. Ihnen wird Drogenhandel im großen Stil vorgeworfen. Dabei soll es um Geschäfte in Millionenhöhe gegangen sein.

Bremen – Sie führten wohl ein Doppelleben. Nach außen hin Familienväter, verheiratet, als Selbstständige tätig, als Elektriker und Industriemechaniker angestellt. Doch hinter ihrer Fassade waren die fünf Angeklagten mutmaßliche Drogendealer – und das im großen Stil. Gewerbs- und bandenmäßiger Handel mit Betäubungsmitteln, so lautet zumindest der Vorwurf gegen die Angeklagten, die sich seit Dienstag vor dem Landgericht Bremen verantworten müssen.

Verlesung der Anklage dauert mehr als eineinhalb Stunden

Fall um Fall, Tat um Tat verlesen die beiden Staatsanwältinnen die Anklagepunkt. Sie werden dafür mehr als eineinhalb Stunden brauchen, erst dann sind alle Vorwürfe aufgelistet, die den Männern zur Last gelegt werden. Alles fing demnach mit einem Kilo Kokain an. Es war März 2020, als Ali S. (38) die Lieferung bekam und sie später gewinnbringend weiterverkaufte, so die Anklage. Es wurden vier Kilo, die nächste Lieferung umfasste schon neun Kilo Kokain, hinzukamen Dutzende von Kilo Marihuana, heißt es. Die Mengen steigerten sich, die Preise auch – und die Gewinne ebenfalls. Letztlich karrten ganze Laster 150 Kilo Cannabis auf Europaletten in ein extra angemietetes Lagerhaus im Bremer Umland, so die Anklage. Das Geschäft florierte, die Umsätze stiegen – und die Männer wurden offenbar unvorsichtig.

Kommunikation über Krypto-Handys

Ein Großteil der Kommunikation zwischen den fünf Männern, die arbeitsteilig und nach strikter Aufgabenteilung vorgegangen sein sollen, passierte ausschließlich über sogenannte Krypto-Handys, normale Smartphones, jedoch mit spezieller – und vor allem (lange Zeit) abhörsicherer – Software versehen. Ganz offen schickten sich die Angeklagten Fotos der Ware zu, führten Gespräche, die eindeutiger nicht hätten sein können. So habe es im Schriftverkehr zwischen den Männern unter anderem geheißen: „Ist das Gras schon da?“ oder „Liegt bei Dir noch Kokain?“. Unbekümmert verhandelten sie über Preise, über mangelhafte Qualität der Drogen und über Lieferungen, versehen mit Datum und Uhrzeit. Bis im September 2020 alles aufflog, Razzien durchgeführt wurden und die Handschellen klickten.

Laut Staatsanwaltschaft soll der Deutsch-Türke Ali S. „federführend“ im Geschäft des Quintetts gewesen sein. Er gilt als Kopf der Bande, zusammen mit Fuat B. (43, Türke) sei er für die Akquise von Lieferanten und Abnehmern zuständig gewesen. Johannes M. (29) und Christian D. (39) waren demnach für die Logistik verantwortlich und lieferten laut Anklage als Kurierfahrer die Drogen zu den jeweiligen Käufern. Ulas G. (42, Deutscher) hingegen hatte wohl exzellente Kontakte nach Spanien und organsierte in regelmäßigen Abständen Lieferungen bis zu 150 Kilo Cannabis. Insgesamt zählt die Anklage Lieferungen von mehr als einer halben Tonne Marihuana auf.

Prozess um Drogenhandel: Schöffe befangen?

Die Rauschmittel gingen von Bremen aus unter anderem nach Hamburg, Bremerhaven und andernorts. Oftmals wurden die Lieferungen, so die Rekonstruktion der Chatverläufe, an Tankstellen, auf Parkplätzen und einem Autohaus in der Neustadt übergeben. Gezahlt wurde ausschließlich in bar – und das offenbar sehr gut: Ali S. soll mit den Geschäften knapp 2,5 Millionen Euro erwirtschaftet haben, Fuat B. etwa 335 000 Euro, Christian D. immerhin noch rund 150 000 Euro. Getoppt wird der Gewinn nur noch durch Ulas G., der laut Anklage durch die Großlieferungen mehr als 3,5 Millionen Euro eingenommen haben soll.

Die Kammer steht vor einem wahren Mammutprozess. Wenn das Verfahren, für das zunächst 22 Verhandlungstage angesetzt sind, denn überhaupt fortgesetzt wird. Wie bekannt wurde, kennt ein Schöffe vier der Angeklagten aus einem Fitnessstudio, in dem er selbst angestellt ist. Die Beziehung zu den Männern sei zwar nur „oberflächlich“, dennoch fühle er sich in „gewisser Weise“ mit den Angeklagten „verbunden“, da sie dem Studio Mitglieder verschafft hätten.

Das Gericht muss nun über einen Befangenheitsantrag der Staatsanwaltschaft entscheiden, die sich dafür aussprach, den Schöffen auszuschließen – und das Verfahren von vorn zu beginnen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Was bei einem Kaiserschnitt auf Frauen zukommt

Was bei einem Kaiserschnitt auf Frauen zukommt

Meistgelesene Artikel

Bremen: 35-Jähriger stirbt in Polizeigewahrsam

Bremen: 35-Jähriger stirbt in Polizeigewahrsam

Bremen: 35-Jähriger stirbt in Polizeigewahrsam
Bremen: Lkw katapultiert Smart in Kia – Mann lebensgefährlich verletzt

Bremen: Lkw katapultiert Smart in Kia – Mann lebensgefährlich verletzt

Bremen: Lkw katapultiert Smart in Kia – Mann lebensgefährlich verletzt
Bremer Experte: Inzidenzwerte sind keine Tempolimits

Bremer Experte: Inzidenzwerte sind keine Tempolimits

Bremer Experte: Inzidenzwerte sind keine Tempolimits
Delta-Variante: So gut schützt die Kreuzimpfung vor der Coronavirus-Mutante

Delta-Variante: So gut schützt die Kreuzimpfung vor der Coronavirus-Mutante

Delta-Variante: So gut schützt die Kreuzimpfung vor der Coronavirus-Mutante

Kommentare