Zu Weihnachten haben JVA-Seelsorger viel zu tun

Christbaum im Knast

Bremen - Von Amelie Richter. Weihnachtsfest hinter Gitterstäben: Die Adventszeit ist für Häftlinge im Gefängnis schwer. Seelsorger Richard Goritzka hört den Insassen der JVA in Bremen zu. Vor Weihnachten spürt er bei den Menschen besonders viel Sehnsucht.

Die stille Jahreszeit hinter Gittern verbringen - für rund 500 Insassen der Justizvollzugsanstalt Bremen ist das Weihnachtsfest keine einfache Situation. Ein offenes Ohr für ihre Sorgen finden die Häftlinge bei dem katholischen Gefängnisseelsorger Richard Goritzka.

Gibt es in der Vorweihnachtszeit mehr Anfragen nach Gesprächen?

Wir haben das ganze Jahr über eine gute Nachfrage nach seelsorglichen Diensten und Gesprächen. Es kommen auch viele Leute zu den Gottesdiensten. Wir können uns also über mangelnden Kontakt zu den Menschen oder Anfragen nicht beklagen. Das Entscheidende ist aber unsere Präsenz auf den Stationen. Wenn wir uns in unsere Büros oder Kirchenräume zurückziehen und warten würden, würden wir keinerlei Kontakt herstellen können. Es ist wichtig, dass wir uns in den Aufenthaltsräumen, bei den Arbeitsplätzen und Sporträumen zeigen.Und wenn die Insassen uns sehen, sprechen sie uns auch an.

Worüber möchten die Insassen mit Ihnen zur Adventszeit sprechen? 

Die Probleme, die die Insassen haben sind nicht viel anders als sonst. Es geht um ihre Lebensgeschichten und Beziehungen innerhalb der Anstalt und nach außen zu ihren Familien oder zu ihren Freundeskreisen, soweit diese noch vorhanden sind. Diese Probleme sind das ganze Jahr über gleich. In der Advents- und Weihnachtszeit gewinnt jedoch manches an Schärfe und Dramatik.

Wie wird die Adventszeit im Gefängnis gestaltet? 

In der Anstaltskirche haben wir natürlich einen schönen Adventskranz und im Gottesdienst werden die traditionell bedeutenden Adventslieder gesungen. In den Einzel- und Gruppengesprächen achten wir auf passenden Tischschmuck. Christbaum und Krippe gibt es dann zu Weihnachten in der Kirche. Inhaftierte helfen beim Aufbau und beim Schmücken des Baumes. Als Seelsorger sind wir für die Anstaltskirche zuständig. Wie die Stationen weihnachtlich geschmückt werden, ist Sache der Stationsbediensteten. Dies hängt natürlich auch von den finanziellen Mitteln ab, die sie bei der Anstaltsleitung einwerben können.

Bekommen die Häftlinge Besuch zu Weihnachten? 

Die Insassen bekommen Besuch, in dem Maße wie vom Justizvollzugsgesetz in Bremen vorgesehen ist. Man darf aber nicht vermuten, dass alle Insassen selbstverständlich mit ihren Verwandten in Kontakt sind. Eine lange Haft reduziert in der Regel die Zahl der Besucher. Wer längere Zeit inhaftiert ist, muss froh sein, wenn überhaupt noch ein paar Leute regelmäßig zu Besuch kommen.

Wie empfinden die Häftlinge die Adventszeit?

Für die Insassen ist die Zeit eine ganz schwierige, weil sie deutlich macht, wie viel in ihrem Leben schief gegangen ist und wie viel Sehnsucht sie haben. Im Wort „Sehnsucht“ steckt neben „siechen“, also „krank sein“, auch das Wort „suchen“. Also auch die Erkenntnis, wie wenig sie gefunden haben und wo sie überall gescheitert sind. Das vermittelt die Adventszeit stärker als die anderen Zeiten des Kirchenjahres. Es ist eine bittere Erfahrung für die Menschen, zu wissen, dass die Familie unter dem Tannenbaum sitzt - und ich bin hier allein. Das führt ihnen viele Defizite vor Augen und diese Defizite werden im Advent und in der dunklen Jahreszeit besonders spürbar.

Was sagen sie den Menschen, um das ein bisschen besser zu machen?

Das eine ist sicher der Hinweis, dass es draußen auch bei aller Weihnachtsfreude auch Einsamkeit, Aggressionen und Enttäuschungen gibt. Dass es Alkohol- und Drogenkonsum im Übermaß gibt, um Enttäuschungen auch draußen zu betäuben. Das tröstet aber natürlich wenig. Ich glaube, es kommt darauf an, die Situation innerlich anzunehmen, das heißt, nicht gegen sie, sondern mit ihr leben zu lernen. Und das bedeutet, die Insassen dazu zu ermutigen auf den Stationen gut miteinander im Gespräch zu sein, aufeinander zu achten. Sie sind schließlich ein Stück weit selbst für ihre Situation verantwortlich. Deshalb sind sie auch dafür verantwortlich, wie sie mit dieser intensiven Zeit des Jahres jetzt umgehen. Wir können den Insassen das nicht abnehmen.

Zur Person: Richard Goritzka ist promovierter Theologe und Diakon des katholischen Gemeindeverbands Bremen. Der 56-Jährige arbeitet seit rund fünf Jahren in der JVA Bremen-Oslebshausen. In der Gefängnisseelsorge ist er bereits seit rund 15 Jahren tätig und betreute Insassen verschiedener Anstalten in Niedersachsen.

Rubriklistenbild: © dpa

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