„Jeder kann mitmachen, ohne Geld zu bezahlen“

Mit Sport gegen Gewalt: Initiative Hood Training in Bremen

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Trainer Daniel Magel (l) übt beim Boxtraining mit einem Flüchtling. Die Bremer Initiative Hood Training setzt auf Sport zur Gewaltprävention und Förderung der sozialen Integration von Jugendlichen.

Bremen - Gewalt, Drogen, Plattenbautristesse: Der Bremer Stadtteil Osterholz-Tenever galt lange als sozialer Brennpunkt. Inzwischen hat sich das Bild zum Besseren gewandelt. Auch wenn Tenever immer noch zu den ärmeren Teilen der Hansestadt gehört, leben hier Menschen aus 90 Nationen friedlich zusammen.

Einer, der den Wandel selbst miterlebt hat, ist Daniel Magel. Der 32-Jährige kam Mitte der 1990er aus Kasachstan nach Bremen. Damals fühlte er sich fremd und alleingelassen in der neuen Umgebung. Durch Drogen und Alkohol geriet er auf die schiefe Bahn. Sport half ihm, sich aus der Abwärtsspirale zu befreien. „Wir waren eine Abiturientenclique mit viel Freizeit“, erinnert er sich heute, „wir wollten uns organisieren, weil wir uns Angebote von Jugendeinrichtungen wünschten, aber nicht fanden.“

Gemeinsam mit Freunden zog Magel 2001 das Projekt „Hood Training“ (vom Englischen „neighborhood“ für Nachbarschaft) auf. 2010 wurde daraus eine ernsthafte Initiative für Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen. Durch Sport sollen sie vor allem eines lernen: Respekt - vor Regeln, vor anderen und vor sich selbst. Fünfmal in der Woche bietet Hood Training ein Sportangebot mit Fitnesstraining, Boxen, Parkour und Hip-Hop-Tanzen an. Inzwischen gibt es Kooperationen mit einigen Bremer Sportvereinen.

Das niedrigschwellige Angebot kommt denen zugute, die sich Sport im Verein nicht leisten können. „Jeder kann mitmachen, ohne Geld zu bezahlen“, sagt Daniel Magel. Die Betreuung übernehmen ehrenamtliche Trainer und Pädagogen. Das Projekt finanziert sich allein durch Spenden, bei der Bürokratie hilft der Verein S.C. Panthera.

Für Magel ist die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen keine bloße Freizeitbeschäftigung. Der studierte Sonderpädagoge arbeitet hauptberuflich in der Betreuung von Flüchtlingen bei der Akademie Lothar Kannenberg in Bremen.

Zahlreiche Flüchtlinge machen auch beim Hood Training mit. So wie Nassim. Der 16-Jährige ist vor einem knappen halben Jahr aus Afghanistan ohne seine Eltern nach Deutschland gekommen. Beim Hood Training ist er unter Freunden, die Verständigung klappt notfalls auch ohne Worte. Das Miteinander ist ohnehin das Wichtigste. Die Jugendlichen sollen lernen, ihre Aggressionen beim Sport abzubauen und Konflikte mit Worten, nicht mit Gewalt zu lösen. Muhamed (16) ist schon von Anfang an dabei und boxt am liebsten. „Er ist seit dem viel erwachsener geworden und hat sich besser im Griff“, findet sein Cousin Nadir (19). Trainer Artur Walter bestätigt, dass das Konzept funktioniert: „Es geht sehr harmonisch bei uns zu.“

Auch den Betreuern hilft das Hood Training, sich selbst besser kennenzulernen. Timur Topcuoglu wollte früher Mechaniker werden. Seit der 18-Jährige das Fitnesstraining in Tenever betreut, hat er aber erkannt, dass er lieber mit Kindern und Jugendlichen arbeiten will. Sein neuer Berufswunsch: Erzieher. Praktika im Kindergarten hat er bereits absolviert. Die Hood Trainer sind inzwischen für viele Kinder und Jugendliche die Vorbilder, die vielen von ihnen in ihrer Jugend selbst nicht hatten.

Sportinitiative Hood Training in Bremen

Lob bekommt das Hood-Training-Team auch vom Landessport Bund Bremen (LSB): „Menschen, die sich mit so einer Leidenschaft engagieren wie Daniel Magel, gibt es selten“, sagt Cindi Tuncel. Er hat die Entwicklung des Projekts von Anfang an mitverfolgt. Nun wünscht Tuncel sich für die Zukunft, dass ein Konzept mit stabilen Strukturen entsteht, um Magel zu entlasten und das Fortbestehen von Hood Training langfristig zu sichern.

Das entspricht auch den Wünschen von Initiator Magel. Er hofft auf eine bessere Finanzierung, um unter anderem zwei Vollzeitstellen für die Projektleitung schaffen zu können. Ein anderer Wunsch geht gerade in Erfüllung: In Tenever entsteht Bremens erster Street-Workout-Park. Einen Großteil der Kosten von 63 000 Euro übernimmt das Bremer Immobilienunternehmen Gewoba. Street Workout oder Calisthenics ist eine Mischung aus Freiluft-Geräteturnen und Fitnesstraining an Stangen. Inzwischen hat das Projekt auch die Aufmerksamkeit von Berliner Trendsportlern erregt. Das Netzwerk „Baristi“ will die Deutsche Meisterschaft 2015 im Street Workout in Tenever organisieren. dpa

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