Fotoausstellung im Haus der Bürgerschaft

Ikonen der Bremer Zeitgeschichte

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Henning Scherf und Michael Jackson winken vom Rathausbalkon – eine der etwa 750.000 Aufnahmen, die der Fotograf Jochen Stoss in seinem Berufsleben gemacht hat.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. „Wir essen zeitig.“ Das war immer einer seiner Schnacks, wenn‘s schnell gehen sollte. Und oft musste es schnell gehen. Bis 2011 hat Jochen Stoss in Bremen als Pressefotograf gearbeitet. Das erste Bild veröffentlichte er schon 1958 – als 16-Jähriger. Aufgenommen mit der Kamera, die er zur Konfirmation bekommen hatte.

750.000 Einzelbilder waren es am Ende des Berufslebens, aufgenommen mit etlichen weiteren Kameras. Was macht man mit so einem Gesamtwerk? Nun, Stoss hat es ins Bremer Staatsarchiv gebracht. Politische Ereignisse, Sportereignisse, Medienereignisse – viele Bilder sind darunter, die „Geschichten transportieren“, sagt Professor Konrad Elmshäuser, der Direktor des Staatsarchivs. „Stoss hat viele Ikonen der Zeitgeschichte auf bremischem Terrain fotografiert.“

Eine Auswahl davon ist jetzt in einer Ausstellung des Staatsarchivs zu sehen – nicht in dessen Räumen am Fedelhören allerdings, dort wäre ja viel zu wenig Platz. Die 80 Aufnahmen hängen bis zum 10. August im Haus der Bürgerschaft. Zudem hat das Staatsarchiv einen – man ahnt‘s – mit 190 Fotografien reich bebilderten Begleitband herausgebracht (Preis: 19,50 Euro).

Michael Jackson auf dem Rathausbalkon, Ewald Lienen verletzt im Weserstadion, Bürgermeisterin Annemarie Mevissen (SPD) mit einem Zirkuslöwen im Rathaus (!) – große Namen, große Geschichten. Das liegt bei einem Pressefotografen nahe. Die Experten vom Staatsarchiv aber freuen sich noch über etwas anderes. Über die Alltagsszenen, über die Bilder am Rande eines Großereignisses, die manchmal gar nicht veröffentlicht wurden.

Beim Bremen-Besuch von Königin Elizabeth II. 1978 etwa nahm Stoss auch Reporter auf, die wie begeisterte kleine Jungen den Rolls Royce der Queen fotografierten. „Gerade so etwas macht so einen Bestand so wertvoll“, sagen Boris Löffler-Holte und Joachim Koetzle vom Staatsarchiv.

Seit 2015 beschäftigen sie sich mit der Sichtung des Stoss-Konvoluts. Eine gute halbe Million Bilder auf Negativstreifen. Eingeordnet in Leitz-Ordner, sorgfältig abgeheftet in Pergaminhüllen, leider nicht durchweg detailliert beschriftet, der journalistische Alltag lässt dafür nicht immer die Zeit. Gut 200.000 Fotos in digitaler Form, denn Stoss war 1998 auf Digitalfotografie umgestiegen. Die exakte Zuordnung, sie sei durchaus „eine Sisyphusarbeit“, sagt Löffler-Holte. „Die Tücke steckt im Detail.“ Und in einer wissenschaftlichen Einrichtung, da muss jedes Detail stimmen.

Bei der Pressefotografie, da muss vor allem das Gespür stimmen. Gespür für Menschen, für Augenblicke. „Man muss Situationen sofort erkennen und reagieren“, sagt Jochen Stoss. Und stellt zugleich klar: „Man stellt fotografische Werke her, man knipst nicht.“ Auch dann nicht, wenn‘s ganz schnell gehen muss.

Die Ausstellung im Haus der Bürgerschaft ist montags bis freitags in der Zeit von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt: frei.

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