Migrationsforscher Ralph Ghadban referiert in Bremen

Arabische Clans: „Es muss erst Blut fließen, damit die Menschen aufwachen“

Mit gezielten Razzien versuchen Ermittlungsbehörden, den Clans Einhalt zu gebieten. Im Dezember wurden in der Vahr und in Osterholz unter anderem Nobelfahrzeuge beschlagnahmt. Foto: BUTT
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Mit gezielten Razzien versuchen Ermittlungsbehörden, den Clans Einhalt zu gebieten. Im Dezember wurden in der Vahr und in Osterholz unter anderem Nobelfahrzeuge beschlagnahmt.

Raub, Schutzgelderpressung, Drogen- und Waffenhandel, Prostitution – die Betätigungsfelder krimineller ausländischer Clans in Deutschland sind vielfältig, sagt der Migrationsforscher Ralph Ghadban.

Bremen - Von Steffen Koller. Der 69-Jährige war auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zu Gast in Bremen und referierte zum Thema „Arabische Clans – die unterschätzte Gefahr“. Für ihn ist klar: Bleibt die Justiz weiter auf „Kuschelkurs“ und gibt es keine Aussteigerprogramme für Familienangehörige, dann wird das Problem nur noch größer. Denn auch die Clans lernen dazu. 

Ralph Ghadban befasst sich seit Jahrzehnten mit arabischen Clans. Foto: Koller

Gleich zu Beginn seines Vortrags stellte Ghadban seine Grundthese in den Raum: „Clanmitglieder verstehen sich nicht als Individuum, sondern als Teil einer Gemeinschaft.“ Entsprechend schwer, wenn nicht sogar aussichtslos, sei ihre Integration, denn diese geschehe eben immer ganz individuell. Der 69-jährige Islamforscher stammt aus dem Libanon, wanderte 1972 nach Deutschland aus und befasst sich seit Jahrzehnten mit den Aktivitäten vorwiegend arabischer Großfamilien. Um zu verstehen, wie die Clans „funktionieren“, sei ein Blick in die Historie wichtig, sagt Ghadban. Kamen Anfang der 60er Jahre vorwiegend Gastarbeiter nach Deutschland, die zum Großteil eine Arbeitserlaubnis erhielten und „gut integrierbar waren“, änderte sich das Bild nach Ghadbans Analysen in den 70er Jahren gravierend.

„Eine totale Fehleinschätzung“

Denn nun flohen viele Bürgerkriegsflüchtlinge in die Bundesrepublik. Sie erhielten nur Duldungen und durften weder arbeiten noch bestand für sie eine Schulpflicht. Die deutsche Politik – und hier habe der größte Irrtum vorgelegen – habe geglaubt, dass sich Ausländer durch das demokratische System automatisch anpassen würden. „Das war eine totale Fehleinschätzung“, so Ghadban. Die damals „nicht vorhandene Integrationspolitik“ habe die Clan-Strukturen nur verstärkt, weil „die Familien an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden“.

Aussteigerprogramme für Clanangehörige nötig

In den 90er Jahren sei das Problem noch stärker geworden, weil sich nun eine gesellschaftliche Norm etablierte, die es verbot, Ethnie und Kriminalität in Verbindung zu setzen. „Das hat die Clankriminalität unsichtbar gemacht“ und dazu geführt, dass viele Großfamilien heute in einer Art Parallelgesellschaft lebten – mit eigenem Wertesystem und mit der Auffassung, dass der Staat ein Hindernis sei. Ein Hindernis, ihren eigenen Interessen und Geschäften ungehindert nachzugehen. Um dem seiner Ansicht nach wachsendem Problem Herr zu werden, brauche es dringend Aussteigerprogramme für Clanangehörige. Insbesondere für Frauen seien diese Angebote wichtig, weil sie es seien, die die Endogamie (Heirat innerhalb der Familie) seit Jahrzehnten betrieben. 

„Ihre Stärke ist die Rudelbildung“

Zudem dürfe die deutsche Justiz „keine Schwäche zeigen“. Straftaten, die erst Jahre später verfolgt oder gar nicht verurteilt würden, hätten kein „Einschüchterungspotenzial“.

Ghadban hat während seiner Arbeit zum Thema zwar auch erfahren, dass nicht alle Clanmitglieder kriminell seien. „Doch alle schweigen. Und das ist ihre große Stärke.“ Hinzu komme, dass sich heute kaum noch jemand gegen Mitglieder von Großfamilien wehre. „Hast Du mit einem Stress, kommen am nächsten Tag 30. Ihre Stärke ist die Rudelbildung.“ Und auch sein Ausblick klingt eher pessimistisch: „Es muss erst Blut fließen, damit die Menschen aufwachen.“

Info: 3.500 Clanmitglieder in Bremen 

Nach Angaben der „Informationssammelstelle Ethnische Clans“ (Istec) sind rund 3.500 Mitglieder arabischer Großfamilien (vorwiegend kurdisch-libanesisch) in Bremen gemeldet (Stand: Juli 2016). Etwa 1.800 von ihnen sind laut Bericht bereits straffällig (Straftaten und Ordnungswidrigkeiten) geworden. Die Zahl der Intensivtäter sei demnach „dreistellig“. Anfänglich arbeiteten vier Beamte für die Istec, heute ist es nur noch einer. Laut Ralph Ghadban ist die Stelle dadurch „quasi handlungsunfähig“. Für ganz Deutschland rechnet Ghadban mit „mindestens“ 200.000 kriminellen Clan-Angehörigen – „Tendenz steigend“.

Die bekannteste Großfamilie in Bremen ist wohl der Miri-Clan, zu dem allein rund 3.000 Mitglieder in etwa 30 Familien zugerechnet werden. Als Chef gilt Ibrahim Miri.

ko

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