„Der Ton und ich“

„Mein Kunst-Stück“ mit Ruth Degenhardt und ihrer Skulptur „Sunny Boy“

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„Er macht gute Laune und ist fröhlich“ – Ruth Degenhardt mit ihrem „Sunny Boy“.

Bremen - „Sunny Boy“ heißt Ruth Degenhardts Skulptur, die sie in unserer Serie „Mein Kunst-Stück“ vorstellt. Der Kopf mit dem unbekümmerten Gesicht, aus unterschiedlichen Tonsorten geformt.

„Er macht gute Laune und ist fröhlich“, sagt Ruth Degenhardt über ihre Skulptur. „Sunny Boy“ hat den Kopf leicht in den Nacken geworfen und lacht. Die Künstlerin verarbeitete für ihn roten, braunen und weißen Ton, ohne Glasur. Sie modelliert fast ausschließlich menschliche Figuren, die Köpfe und Gesichter zeigen. „Das ist mein Thema. Schon als Kind habe ich mich für Köpfe begeistert. Als Teenager machte ich dazu sogar meine erste Bilderausstellung.“

Für Degenhardt sind Menschen und Emotionen das Spannendste überhaupt. Über bekommt sie dieses Thema nicht. „Es gibt so viele unterschiedliche Charaktere, Gefühle und Situationen.“ In der Regel seien ihre Darstellungen deswegen nicht einfach nur schön, sondern vor allem ausdrucksstark. Sie strahlen, blicken traurig oder tragen die Spuren des Lebens. Waren es früher eher dramatische Gesichtsausdrücke, so sind es heute zunehmend gelassene und freundliche Antlitze.

Für ihre Kunstwerke nutzt die Bremerin mit Vorliebe Ton oder das Tongemisch „Paperclay“. „Der Ton und ich, wir lieben uns“, sagt sie und lacht. Ausgerechnet in einer Lebenskrise entdeckte sie das Material für sich. „Ton kann man hauen, formen und streichen. Wenn man mit ihm arbeitet, hat das einen meditativen Effekt.“ Damit der Ton beim Brennen ohne Risse härtet, werden größere Objekte hohl gearbeitet. Durch den Brand verändert sich die Farbe des Tons. So kann brauner Ton auch ohne Glasur fast schwarz werden.

In Lissabon Kunst studiert

Die Frage, ob sie Kunst machen möchte, hat sich Degenhardt nie gestellt. „Künstler ist man einfach“, sagt sie. Trotzdem entschied sie sich nach der Schule fürs Germanistikstudium. Auch den Traum, in Lissabon Kunst zu studieren, machte sie nicht wahr. 

Nach einer beherzten, aber wenig erfolgreichen Anfrage bei einer Galerie hatte sie all ihren verfügbaren Mut, den sie als Teenager aufbringen konnte, aufgebraucht. Als Degenhardt dann vor rund neun Jahren wieder Kontakt zur Kunst bekam, habe es sofort „Pling“ gemacht, sagt sie. Die Kunst rückte komplett in ihren Fokus. Aus der neuen Aufmerksamkeit in diese Richtung, zog sie viel Energie. Degenhardt knüpfte Kontakte zu Künstlern und suchte nach Galerien.

Aktuell ist sie mit eine der treibenden Kräfte im Künstlerhaus „Ausspann“ im Schnoor. Dort treffen Menschen, Kunst und Gastronomie in einer urgemütlichen verwinkelten Architektur zusammen. „Während des Aufbau war die Zeit für die eigene Kunst knapp“, sagt Degenhardt, „aber das soll sich bald wieder ändern.“ Die große Herausforderung des Künstlerlebens sei es, sich vom materiellen Sicherheitsdenken zu verabschieden, meint die Bildhauerin. „Ich frage mich nicht, wie hoch meine Rente ist.“ Die wenigen Künstler, die von der Kunst allein leben könnten, seien Ausnahmen.

Natürlich brauchen wir Kunst

Ob wir Kunst brauchen? – „Natürlich. Selbst Steinzeitmenschen haben etwas an die Wände gemalt. Ich gehe davon aus, dass es ein tiefes menschliches Bedürfnis ist.“

Zu den für Degenhardt besonders bedeutenden Künstlern zählen Vincent van Gogh (1853 bis 1890) und Pablo Picasso (1881 bis 1973). An van Gogh fasziniert die Bremerin die Wuchtigkeit und der emotionale Ausdruck seiner Bilder. „Das macht was mit einem.“ An Picasso bewundert sie dessen ungeheure Vielseitigkeit. „Er machte auch Plastiken und Keramiken und war handwerklich ein großer Könner.“

Wenn Degenhardt jemandem ein Werk als Botschaft schicken sollte, dann würde sie es an unsere Politiker adressieren. Es sollte mahnen, dass wir Menschen aufeinander aufpassen müssen und Europa gerade im Umgang mit Flüchtlingen seine Seele verliere.

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