Letzter Wunsch eines Sterbenskranken

Einmal ein Anderer sein

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Chefmaskenbildner Rabi Akil (r.) passt Rolf Struckmann die Perücke detailgetreu an den Kopf an.

Bremen / Etelsen - Von Pascal Faltermann. Seine Diagnose: Bronchialkarzinom. Seine Lebenserwartung: Ein paar Monate. Sein letzter Wunsch: Einmal ein anderer Mensch sein. Rolf Struckmann weiß, dass er nicht mehr lange leben wird. Der 57 Jahre alte Mann aus Etelsen hat eine schmerzhafte Geschichte.

Rolf Struckmann vor seiner Verwandlung.

Durch den langgezogenen Wandspiegel wirkt der schmale Raum größer als er ist. Zwei weinrote Barbierstühle stehen vor einer Ablage, die mit Puderschwämmchen, Pinseln und Lippenstiften voll gestopft ist. Flink bewegt sich Chefmaskenbildner Rabi Akil zwischen Perückenköpfen, Kisten und zahlreichen Masken hindurch. In der Enge wuselt er um Rolf Struckmann herum, der entspannt auf einem der beiden großen Lederstühle sitzt und tief ein- und ausatmet. Eigentlich ein normales Bild in der Maske am Theater Bremen. Allerdings ist Struckmann kein Schauspieler. Mit Kajalstiften, Eyeliner oder Wimpernbürstchen hat er sonst nichts am Hut. Zigaretten, Krebs und Chemotherapie bestimmen sein Leben.

Nach einer ersten Chemotherapie benötigt er kein Haarspray oder Gel mehr. Auch für Make-up hat er keine Verwendung, da ihm die schwere Krebserkrankung kaum anzusehen ist. Luft ist ihm wichtig. Luft, die er zum Atmen braucht. „Ich habe keine Angst vor den Schmerzen“, sagt Struckmann. Die sei er gewöhnt, da er seit 38 Jahren an starken Rückenschmerzen leide. Zwischen dem fünften und sechsten Lendenwirbel sitze eine Entzündung, die bisher kein Arzt in den Griff bekam. Das Rückenleiden belastet ihn sogar mehr als der Lungenkrebs. Und Angst? Die habe er davor, dass ihm die Luft wegbleibe, dass er an einem Blutsturz sterbe, erzählt Struckmann und steckt sich wieder eine Zigarette an. Er zieht eine rote West aus der Schachtel, bricht den Filter ab und raucht sie zur Hälfte. Früher habe er immer und viel Schwarzer Krauser oder Rancho Schwarz geraucht. Ohne Filter.

Auch der Oberlippenbart wird eingefärbt.

Am 21. Juli 2014 wurde ein Tumor bei ihm festgestellt. Etwa ein Jahr später gab es am 22. Juli das erste Gespräch mit dem Hospizkreis Verden. Die Psychologin Cornelia Faltermann aus Schleeßel begleitet ihn nun. Sie führt Gespräche, hilft, hört zu. „Ohne den Hospizverein hätte ich mich aufgegeben“, sagt Struckmann. Die Ehrenamtlichen wollen den sterbenden und trauernden Menschen Geborgenheit geben und das Wissen vermitteln, bis zuletzt wertvoll zu sein. Auf die Frage, was er unbedingt noch einmal machen wolle, habe „Strucki“, wie ihn seine Freunde nennen, geantwortet: „Einmal ein anderer Mensch sein.“ Er wollte unerkannt in das Umfeld, in dem er sich früher in seinen wilden Zeiten bewegte.

„Ich hatte schöne Zeiten in meinem Leben“, sagt Struckmann. Aber der Alkohol habe alles kaputt gemacht. Er war viel in Kneipen unterwegs, spielte häufig Preis-Doppelkopf oder Skat in der Verbandsliga. In seiner Achimer Stammkneipe erhielt er 1999 unter einem neuen Wirt Lokalverbot. Wegen Missverständnissen, wie er erklärt. Dort hatte er an der Theke seinen Stammplatz. Am 29. September 2003 änderte er sein Leben. Seitdem hat er keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken. Der gelernte Maurer veränderte sich auch beruflich: Durch die Rückenschmerzen begann er mit Marmor zu arbeiten. Er lebte in Kiel und in Norwegen, kehrte 2009 aber wieder in seine Heimat nach Achim-Baden zurück. Jetzt wohnt er in Etelsen.

„Es war eine irre Erfahrung“

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Finanzielle Sorgen beim Hospizkreis Verden

Seinen Wunsch wollte ihm die Hospizkreis-Begleiterin Cornelia Faltermann erfüllen. Sie recherchierte im Internet und stieß auf verschiedene Stiftungen. Die Infinitas–Kay–Stiftung meldete sich in Form von Mark Castens zurück. Er gehört zu den Initiatoren des Projekts „Ein letzter Wunsch“, die sich für letzte Anliegen Schwerstkranker engagieren. Schnell entstand der Kontakt zum Theater Bremen. Chefmaskenbildner Rabi Akil erklärte sich sofort bereit, ehrenamtlich Herrn Struckmann zu maskieren.

Zwei Wochen später sitzt Struckmann in dem Raum am Theater am Goetheplatz in Bremen. Akil kämmt ihm mit einem kleinen Kamm den Oberlippenbart, färbt ihn ein. Als Vorlage dient ein Bild von Götz George. Nachdem die Echthaar-Perücke angepasst und die Falten am Auge stärker betont werden, nimmt die Verwandlung Gestalt an.

Akil arbeitet seit 31 Jahren am Theater Bremen. Knapp 3500 verschiedene Perücken hat er in der Sammlung, die ein Team von zwölf Personen angefertigt haben und immer wieder neu einsetzen für die Inszenierungen. Im Profil sieht Struckmann aus, wie Schauspieler George als Kommissar Schimanski. Der Haaransatz, die Schminke, die Veränderungen – sie sind nicht zu enttarnen.

Für jede Falte einen anderen Pinsel.

Am Abend will Struckmann zunächst in seine Stammkneipe in Achim, doch die hat eine geschlossene Gesellschaft. Er entscheidet sich zum Start für ein Doppelkopf-Turnier in Etelsen. An manchen Tage hat er nicht einmal die Kraft aus dem Bett aufzustehen oder beispielsweise die Zähne zu putzen. Jetzt ist die Euphorie und der damit einhergehende Adrenalinspiegel so hoch, dass der 57-Jährige Kraft hat. Genug Energie, um den ganzen Abend unterwegs zu sein. Und so kommt es auch: Nachdem er unerkannt den dritten Platz beim Doppelkopf belegt hat, fährt er nach Bremen. Er geht ins Sinatras, dort war er früher häufiger. Viele Gesichter erkennt er wieder. Umgekehrt ist das nicht der Fall. „Mich erkannte keiner, ich hatte ja schließlich geile Haare“, freut sich Struckmann. Er beobachte gerne die unterschiedlichsten Menschen, erklärt er. Und das macht er auch an diesem Abend. Irgendwann gibt er sich dann doch zu erkennen, weil ihn jemand anspricht, der meint die Stimme zu kennen. „Es war eine irre Erfahrung“, sagt Struckmann am Tag danach.

„Es war Klasse und hat richtig Spaß gemacht. Ich hätte es nicht anders haben wollen.“ Ihm ist klar, dass es auch in die Hose hätte gehen können, wenn er einen schlechten Tag erwischt hätte. Als er am frühen Morgen ins Bett fällt, schläft er sofort ein. Er hatte ausreichend Luft für den ganzen Abend. Und das ist eigentlich sein größter Wunsch: „Ich will noch anständig, mit etwas Qualität leben. Ich will genügend Luft haben.“

Hospizkreis Verden

Der Hospizkreis Verden e.V. setzt sich aus Menschen mit unterschiedlichen Berufen, Altersgruppen und Konfessionen zusammen. Sie handeln aus humanitärer Verantwortung. Durch Seminare, Fort- und Weiterbildung und Supervisionen sind die Ehrenamtlichen auf die Begleitung schwerkranker, sterbender Menschen und ihrer Angehörigen vorbereitet. Die Hospizhelfer bieten den Betroffenen zu Hause, in Krankenhäusern und Pflegeheimen Zeit für Gespräche an. Die Begleitung ist für die Betroffenen kostenfrei. Der Verein trägt sich durch Spenden. Mehr als 40 Ehrenamtliche sind für den Verein tätig.

www.hospizkreis-verden.de

Spendenkonto: Kreissparkasse Verden

IBAN: DE59 2915 2670 0016 3636 32,

BIC: BRLADE21VER.

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