Archäologen entdecken mittelalterliche Uferbefestigungen im Stephaniviertel

Hölzerne Bastion

Grabungstechniker Jan Geidner auf den Resten einer Mauer eines alten Packhauses aus dem 17. Jahrhundert. Im Vordergrund eine Ziegelsteinkloake. - Foto: Reineking

Bremen - Von Viviane Reineking. Die alte Stephani-Schule im Faulenquartier ist abgerissen, jetzt laufen die Erdarbeiten des Deichverbandes für eine neue, moderne Hochwasserschutzmauer. Doch bevor riesige Bohrgeräte neue Pfähle in den Boden rammen, sind einmal mehr auf diesem Areal die Archäologen am Zug. Derzeit legen sie Uferbefestigungen aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit frei.

Die alte Deichschutzwand aus den 60er Jahren (im Bildhintergrund) weicht einer modernen Hochwasserschutzmauer. Sie wird dort errichtet, wo sich bislang noch Uferbefestigungen aus dem Mittelalter befinden. - Foto: Reineking

Das Gelände, auf dem ein neues Wohnquartier mit fünf Gebäuden in der Form moderner Packhäuser entstehen soll (wir berichteten), erweist sich als echte Fundgrube für die Bremer Landesarchäologie. Weil die alte Deichschutzwand an der Weser direkt neben der Stephanibrücke den heutigen Anforderungen nicht mehr genügt, soll direkt dahinter landseitig eine modernere Hochwasserschutzmauer errichtet werden. Genau in diesem Bereich – weit unterhalb der späteren Bausohle – sind jetzt Uferbefestigungen aus dem 15. bis 17. Jahrhundert zum Vorschein gekommen, die ein Team der Bremer Landesarchäologie um Dr. Dieter Bischop und Grabungstechniker Jan Geidner derzeit freilegt, dokumentiert und später digitalisiert.

Dunkel zeichnen sich die mittelalterlichen Fundamente aus Holz vom hellen Sand ab. Es sind große Holzpfosten und Schwellbohlen, Überreste der Wichelnburg. Wicheln bedeutet Weiden: Aus Weidenholz wurde 1524 ein hölzernes Bollwerk gegen Angriffe von der Weserseite als Teil der Bremer Stadtmauer errichtet. In diesem Teil des Viertels wohnten vor allem Handwerker, Fischer und Schiffer. Später wurde ein Teil durch Stein ersetzt.

Diese nun noch sichtbaren, mit großen Sandsteinquadern verblendeten Backsteinmauern der alten Stadtmauer dienten den im 17. Jahrhundert erbauten wasserseitigen Packhäusern als äußere Fundamentmauern. „Zugleich waren sie damit Teil des Hochwasserschutzes“, sagt Dieter Bischop, bei der Bremer Landesarchäologie zuständig für die Stadt. In diesen stattlichen Packhäusern wurden zum Beispiel Getreide, Fisch, Holz und Tabak gelagert. Sie prägten bis zum Zweiten Weltkrieg das Bild von der Weser her, wurden aber von einer Bombe, die eigentlich die damalige Adolf-Hitler-Brücke hätte treffen sollen, zerstört.

Freigelegt haben die Archäologen auch zwei direkt hinter den Mauern liegende Ziegelsteinkloaken, von wo aus Fäkalien in die Weser geleitet wurden. In eine wollen die Experten auch hineinschauen „um zu gucken, was damals sonst noch so hineingefallen ist“, so Bischop. Wie tief die runden Bauwerke tatsächlich noch in den Boden reichen – Bischop und sein Team wissen es nicht. „Es wäre zu gefährlich, noch weiter in die Tiefe zu graben.“

Dr. Dieter Bischop, bei der Bremer Landesarchäologie zuständig für die Stadt, neben Überresten von Holzpfosten, die Teil der mittelalterlichen Uferbefestigung waren. - Foto: Reineking

Beim Blick in die Baugrube fallen außerdem Stufen einer an die Weser führenden Treppe ins Auge, die ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert stammt und durch den Bombeneinschlag zerstört wurde. „Man sieht sogar noch Spuren von ihrer jahrhundertelangen Nutzung“, so der Archäologe. Zwei solcher Treppen habe es in diesem Bereich gegeben, das zeigt auch eine der frühesten Fotografien von der Wichelnburg mit ihren Packhäusern aus dem Jahr 1866. Dass es vor allem auch das Quartier der Fischer war, davon zeugen auch viele tönerne Netzsenker, mit denen vor mehr als 500 Jahren die Fischer des Viertels ihre Netze beschwerten. Von einer viel früheren Besiedlung des Stephani-Berges zeugen übrigens Keramikscherben, die unter dem hinteren Teil der Packhäuser entdeckt wurden. Sie stammen etwa aus der Zeit von 400 vor Christus, schätzt Bischop, „unsere älteste Entdeckung hier“. 

Zurück zu den alten Uferbefestigungen: Die mittelalterlichen Holzpfähle müssen in der kommenden Woche neuen für den modernen Hochwasserschutz weichen. „Ich hätte sie eher unter der alten Deichschutzwand aus den 60er Jahren vermutet“, so Bischop bei einem Blick auf den unerwarteten Fund. Das aber macht die Arbeit der Archäologen aus. Grabungstechniker Geidner: „Man weiß nie, was kommt. Es hat eben immer auch ein bisschen etwas von Schatzsuche.“

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