Wie der Hocker ins Haus kam

Aufarbeitung der Kolonialzeit: Am Übersee-Museum beginnt die Provenienzforschung

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Sie leisten Pionierarbeit in der Provenienzforschung des kolonialen Sammelns– von links gesehen: Sara Capdeville, Ndzodo Awono und Christian Jarling, Doktoranden der Uni Hamburg.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Wo kommt sie her, die Halskette der Herero aus Namibia? Wie ist die männliche Holzfigur aus Tansania ins Museum gekommen? Und auf welchen Wegen der üppig verzierte Hocker aus Kamerun? Fragen wie diese rücken jetzt im Übersee-Museum in den Fokus. Dort hat jetzt ein auf vier Jahre angelegtes Projekt zur Provenienzforschung begonnen.

Die Erforschung der Herkunftsgeschichte von Kunstwerken und Kulturgütern ist spätestens seit den 90er Jahren mit Blick auf Kunstwerke, die in der Zeit des Nationalsozialismus geraubt und beschlagnahmt worden sind, ein großes Thema – in Museen wie im Kunsthandel. In der „Washingtoner Erklärung“ von 1998 haben 44 Staaten erklärt, NS-Raubkunst zu identifizieren, die Vorkriegseigentümer (oder deren Erben) zu finden und möglichst gerechte Lösungen zu finden, was die Eigentumsverhältnisse angeht.

Drei Doktoranden arbeiten an dem Bestand

Heute, zwei Jahrzehnte später, wird noch weiter geblickt. Und dadurch rückt zum Beispiel die Kolonialzeit ins Zentrum der Aufmerksamkeit – womit wir wieder beim Übersee-Museum wären. „Ein Viertel der etwa 20.000 Objekte umfassenden Afrika-Sammlung wurde zwischen 1884 und 1918 in den damaligen deutschen Kolonien gesammelt, gelangte zum Teil in den 30er-Jahren durch Kauf von Ethnografica-Händlern in das Museum“, sagt eine Sprecherin. „Informationen zum Sammlungserwerb und die wissenschaftliche Einordnung der Objekte sind größtenteils unzureichend dokumentiert.“

Hier setzt nun das Forschungsprojekt an, das eine Kooperation der Universität Hamburg und des Übersee-Museums ist. Umfangreiche Recherchearbeit, langer Titel: „Koloniale Spuren im Übersee-Museum Bremen – Afrika-Sammlungen als Gegenstand der Provenienzforschung“.

Drei Doktoranden von Prof. Dr. Jürgen Zimmerer, Historisches Seminar der Uni Hamburg, haben jetzt damit begonnen, die Herkunft und Geschichte der Sammlungen aus Kamerun, dem ehemaligen Deutsch-Ostafrika und ehemaligen Deutsch-Südwestafrika zu recherchieren.

Der Ansatz ist dabei mehrgleisig: „Mit der Kombination aus musealer Objekt-, historischer Provenienz- sowie Feldforschung in den Ursprungsländern betritt das internationale Team Neuland in der Erforschung kolonialer Sammlungsgeschichte“, sagt die Sprecherin. „So soll gleichermaßen Klarheit über die Objektgeschichte und den Sammlungserwerb erlangt werden.“

Im Rahmen der Initiative „Forschung in Museen“ fördert die Volkswagen-Stiftung das Projekt mit 450.000 Euro. Wissenschaftliche Leiter sind Zimmerer und Prof. Dr. Wiebke Ahrndt, die Direktorin des Übersee-Museums.

„Die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte nimmt in Deutschland allmählich Fahrt auf. Eine schmerzliche Leerstelle bildet dabei das koloniale Sammeln. Diese zu schließen, hat grundsätzliche Auswirkungen auf unser Verständnis darüber, was Kolonialismus bedeutet“, so Zimmerer. „Warum bestimmte afrikanische Kulturschätze in europäischen Museen bewahrt werden, ist aus der Sicht der Herkunftsgesellschaften ein wichtiger Teil des kulturellen Gedächtnisses. Gleichzeitig ist das in der Hochphase der deutschen Kolonialzeit gegründete Übersee-Museum an der Beantwortung der offenen Fragen interessiert“, sagt Ahrndt.

Im Bereich des Möglichen liege am Ende auch eine Rückgabe von einzelnen Objekten, heißt es im Museum. Über Zwischenergebnisse des Forschungsprojekts soll regelmäßig informiert werden.

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