Bremer Uni lässt Stasi-Einfluss untersuchen

„Historische Aufklärung“

+
War die Forschungsstelle Osteruopa der Bremer Uni im Visier der Stasi? Eine Studie soll Aufschluss darüber geben, welche Aktivitäten das Ministerium für Staatssicherheit der DDR in den 70er und 80er Jahren an westdeutschen Unis entwickelte. ·

Bremen - Bremens Uni-Rektor Professor Wilfried Müller strebt eine „historische Aufklärung“ an. „Mir geht es darum aufzuarbeiten, welchen Einfluss die Staatssicherheit der DDR an Hochschulen in der Bundesrepublik hatte“, skizziert Müller das Ziel einer Studie, mit der er und seine Kollegen aus Kiel und Münster den Historiker Professor Thomas Großbölting beauftragt haben.

Welche Aktivitäten entfaltete das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR in den 70er und 80er Jahren an Universitäten in der Bundesrepublik? Welche Kontakte, Verbindungswege und Kooperation gab es? Welche Ergebnisse hatte die „Bearbeitung“ der westdeutschen Unis? Das sind Fragen, auf die es bislang wenig Antworten gibt.

Auf Initiative des Bremer Uni-Rektors untersucht der Münsteraner Historiker Großbölting die Aktivitäten der Stasi an westdeutschen Hochschulen – und zwar am Beispiel der Universitäten in Bremen, Münster und Kiel. Die drei Alma mater sind laut Müller die ersten Hochschulen in den alten Bundesländern, die sich aktiv dieses Themas annehmen. „Weitere Universitäten haben signalisiert, sich an der Untersuchung zu beteiligen“, heißt es. Professor Großbölting hat seinerseits bereits einen Forschungsantrag nach Paragraph 32 des Stasiunterlagen-Gesetzes beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen gestellt. In der ersten Recherchephase will er klären, ob das vorhandene Datenmaterial als Grundlage für das Gesamtprojekt ausreicht.

Der Fokus des Vorhabens liege auf der Analyse des Stasi-Einflusses, sagt Großbölting. „Es geht nicht um Namen, sondern um das Geschehen.“ Bremens Rektor ergänzt: „Wir wollen keine Hexenjagd.“ Über den Nachweis möglicher Kontakte hinweg solle vor allem deren Wirkung beschrieben werden. Bisherige Forschungen deuten darauf hin, dass die Hauptverwaltung Aufklärung HVA (der Nachrichtendienst der DDR) als Teil des MfS auch über Interna des bundesdeutschen Politikbetriebs informiert war. Welche Rolle dabei den bundesrepublikanischen Universitäten bei der DDR-„Auslandsaufklärung“ zukam, ist bisher eher unklar.

Für den Präsidenten der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Professor Gerhard Fouquet, ist das Forschungsvorhaben „ein überfälliger Schritt bei der Aufarbeitung der Auswirkungen der zweiten deutschen Diktatur auf westdeutsche Hochschulen.“ Fouquet: „Unser Dank gilt der Uni Bremen, die die Initiative für das Forschungsprojekt ergriffen hat.“

Großbölting geht davon aus, dass mögliche Schwerpunkte von Stasi-Aktivitäten in industrienahen Fachbereichen und in der Osteuropaforschung lagen. Eventuelle Stasiverbindungen müssen sich aber keinesfalls auf die genannten Bereiche beschränken, im Gegenteil: Für die Hauptverwaltung Aufklärung seien die Universitäten vor allem als Rekrutierungsbasis für so genannte Perspektiv-IMs interessant gewesen, sagt der Historiker.

„Das Kalkül war, dass die nach Abschluss des Studiums startenden Berufskarrieren die Absolventen in für die Spionagearbeit interessante Positionen führten.“ Und dazu versuchte die Stasi vor allem Personen anzuwerben, von denen sie über eine gewisse ideologische Nähe zu „linken Positionen“ wusste, die aber noch nicht politisch hervorgetreten waren. · je

Das könnte Sie auch interessieren

Jugend-Challenge in Verden

Jugend-Challenge in Verden

Fast 80 Tote nach Buschfeuern in Kalifornien

Fast 80 Tote nach Buschfeuern in Kalifornien

May warnt vor Putsch im Brexit-Streit

May warnt vor Putsch im Brexit-Streit

SCT-Ball in Twistringen

SCT-Ball in Twistringen

Meistgelesene Artikel

Staatsanwalt fordert im „Mordfall ohne Leiche“ Freispruch für den Angeklagten

Staatsanwalt fordert im „Mordfall ohne Leiche“ Freispruch für den Angeklagten

„Bremen zeigt Gesicht“: 5.000 Menschen demonstrieren für offene Gesellschaft

„Bremen zeigt Gesicht“: 5.000 Menschen demonstrieren für offene Gesellschaft

Supermarkt-Räuber bedroht Mitarbeiter mit Messer

Supermarkt-Räuber bedroht Mitarbeiter mit Messer

„Verschwunden“: Die Ursprünge der Bremer Werft AG „Weser“

„Verschwunden“: Die Ursprünge der Bremer Werft AG „Weser“

Kommentare