Mord an Carmen Kampa nach 40 Jahren geklärt / Fall geht in Justizgeschichte ein

Nach 40 Jahren: Mordfall Carmen Kampa aufgeklärt

Lösung nach 40 Jahren: Staatsanwalt Uwe Picard, Akte. ·

Bremen - Von Thomas Kuzaj„Wir haben dem Mörder von Carmen Kampa ein Gesicht gegeben“, sagt Staatsanwalt Uwe Picard. Polizei und Staatsanwaltschaft ist es gelungen, einen der spektakulärsten Bremer Kriminalfälle seit dem Krieg aufzuklären – 40 Jahre nach der Tat. Es ist das spannende Schlusskapitel eines Falls, der in die Rechtsgeschichte der Bundesrepublik eingegangen ist.

Und in die Erinnerung vieler Bremer: Carmen Kampa, Tod am Bahndamm. Die 17-jährige Schuhverkäuferin hatte am 1. Mai 1971 die Discothek „Miramichi“ an der Oslebshauser Heerstraße besucht. Kurz nach 23 Uhr machte sie sich auf den Weg zum Oslebshauser Bahnhof , um den Zug nach Vegesack zu bekommen. Die 17-Jährige wohnte bei ihren Eltern in Aumund.

Der Zug kommt um 23.26 Uhr. Ein Fahrgast, 17, hört plötzlich Schreie. Er sieht eine Frau und einen Mann miteinander ringen – unten, am Bahndamm. Auch Anwohner hören die Hilfeschreie. Um 23.31 Uhr trifft ein Streifenwagen ein. Der Bahndamm ist leer.

Drei Tage später wird Carmen Kampas Leiche gefunden – 100 Meter entfernt, auf einem Brachgrundstück. Die 17-Jährige wurde vergewaltigt, erwürgt und erstochen. Wer ist der Täter? Eine für damalige Verhältnisse hohe Belohnung von 10 000 Mark wird ausgesetzt. Gleichwohl verlaufen die Ermittlungen ergebnislos. 1 020 Spurenakten – aber keine Klarheit.

Eher zufällig gerät 1973 der Bauarbeiter Otto Becker in den Fokus. Den Vernehmungen offenbar nicht gewachsen, redet er sich in sein Unglück. Er habe nur die Polizei zufriedenstellen wollen, sagt er, als es zu spät ist. Becker wird angeklagt. 1975 verurteilt ihn das Schwurgericht wegen „Vergewaltigung in Tateinheit mit Mord“ zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren und drei Monaten – ihn, der homosexuell ist und gegen dessen Täterschaft mehr als nur ein paar Indizien sprechen. Das Urteil geht später als spektakuläres Fehlurteil in die Justizgeschichte ein.

Der Strafverteidiger Heinrich Hannover ist von der Unschuld seines Mandanten überzeugt. Mit Akribie und der nötigen Portion Besessenheit arbeitet er an dem Fall – und stößt auf einen absoluten Revisionsgrund. Das Gericht war falsch besetzt, einer der damals noch sechs Schöffen war nicht der richtige. Der Bundesgerichtshof hebt das Urteil gegen Becker auf. Ende 1976 spricht eine andere Bremer Kammer Becker, seit April 1975 von der Haft verschont, frei. Inzwischen war über einen Referendar die Spurenakte 59 ins Spiel gekommen, in der es um einen Kellner geht, der als verdächtig gelten konnte. Hannover führt 21 Indizien gegen ihn an. Dem Kellner wird die Tat nie nachgewiesen. Er ist mittlerweile gestorben – wie auch Becker.

So erleben beide nicht mehr, dass die Spurenakte 135 zur Aufklärung führt. Staatsanwalt Picard, für Kapitalverbrechen zuständig, hatte den Fall Carmen Kampa als „Cold Case“ übernommen – Mord verjährt nicht. Picard, Kripo-Chef Helmut Mojen und die Kriminalbeamten Sven Bergmann und Kai Höchel machen sich mit „Hannover‘scher“ Akribie und Besessenheit an die Arbeit. In einer Frühlingsnacht 2011 rekonstruieren sie das Geschehen am Oslebshauser Bahnhof . Erkenntnis: „Man kommt an Spurenakte 135 nicht vorbei“, so Picard. Die Akte handelt von einem Wachmann mit Koteletten, der zur Tatzeit 34 Jahre alt war. Auch er war in den 70ern in Verdacht geraten. „Aber der entscheidende Sachbeweis hat gefehlt“, sagt Picard. Die Ermittler prüfen alles: Zeugenaussagen von damals, die Wege des Wachmanns. Den entscheidenden Sachbeweis finden sie im Archiv des Bundeskriminalamts – ein Haar, 1971 am Kleid der toten Carmen Kampa sichergestellt. Der DNA-Abgleich mit einer Speichelprobe einer weiblichen Angehörigen des Wachmanns ergibt die Gewissheit.

Der Wachmann starb 2003. So wird es keine Antwort mehr geben auf die Frage, warum Carmen Kampa starb. Aber der Mörder hat ein Gesicht. Die Ermittler haben Carmen Kampas Mutter , die noch lebt, davon berichtet. „Sie hat sich über unsere Nachricht gefreut“, sagt Picard.

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