Übersee-Museum erforscht sein koloniales Erbe

Die Herkunft der Exponate

Ein Besucher des Übersee-Museums steht vor einer Figur aus dem früheren Königreich Bamum (im Hochland Westkameruns). Das Exponat stammt aus dem Bestand des einstigen Bremer „Lüderitz-Museums“. - Foto: Haase/Übersee-Museum

Bremen - Von Thomas Kuzaj. „Bremens koloniales Erbe steht auf der Tagesordnung. In der Stadt, in der Kunsthalle, bei uns. Die Zeit ist reif, dass darüber geredet wird“, sagt Professorin Wiebke Ahrndt, Direktorin des Übersee-Museums. Wie berichtet, zeigt die Kunsthalle ab Sonnabend, 5. August, die Ausstellung „Der blinde Fleck. Bremen und die Kunst in der Kolonialzeit“. Das Übersee-Museum widmet dem Thema zwei Forschungsprojekte und eine Veranstaltungsreihe.

Die Ergebnisse der Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe sollen zudem in eine neue Dauerausstellung zur Geschichte des Übersee-Museums einfließen, die im Herbst 2019 eröffnet wird. Was aber ist das „koloniale Erbe“? Ansatzpunkte für Antworten gibt es viele in einer Stadt, die durch Handel und Schifffahrt schon zu Zeiten des Kolonialismus global präsent gewesen ist. In der Kolonialzeit erwirtschaftetes Geld floss unter anderem in den Aufbau bremischer Museen, die ja nicht zuletzt auch Objekte bürgerlicher Repräsentation gewesen sind.

Viele Fragen – einfache Antworten aber wird es nicht geben, sagt Ahrndt. Eher vielschichtige, differenzierte. Seit dem Frühjahr bereits erforschen drei Doktoranden von Professor Jürgen Zimmerer (Historisches Seminar der Uni Hamburg) im Übersee-Museum die Herkunftsgeschichte der Sammlungen aus Kamerun, dem ehemaligen Deutsch-Ostafrika und ehemaligen Deutsch-Südwestafrika. Ein auf vier Jahre angelegtes Projekt, das die VW-Stiftung mit 450 000 Euro unterstützt (wir berichteten).

Parallel dazu hat am Dienstag ein weiteres Forschungsprojekt begonnen, das die Provenienzforschung zur Zeit des Nationalsozialismus mit dem Thema Kolonialismus verknüpft. Zwei Jahre lang wird sich Bettina von Briskorn nun der Sammlung des Bremer „Lüderitz-Museums“ widmen, die 1955 ins Übersee-Museum gekommen war.

Lüderitz? Der Bremer Tabakkaufmann Adolf Lüderitz (1834 bis 1886) gilt als Gründer der Kolonie Deutsch-Südwestafrika (heute: Namibia). Der Unternehmer, Kaffee-Hag-Erfinder und Böttcherstraßen-Mäzen Ludwig Roselius (1874 bis 1943) richtete 1940 an der Ecke Böttcherstraße/Martinistraße ein „Lüderitz-Museum“ ein. Es wurde im Krieg zerstört, die Sammlung aber blieb erhalten. Die Böttcherstraßen-GmbH schenkte die natur- und völkerkundlichen Teile der Sammlung schließlich dem Übersee-Museum.

Wo hatte Roselius sie gekauft? In den 30er Jahren gelangten viele Exponate durch Ethnografica-Händler in europäische Museen. Woher hatten sie die Stücke? Fragen, mit denen von Briskorn sich jetzt beschäftigt.

Mit dem Ersten Weltkrieg war Deutschlands Rolle als Kolonialmacht beendet. Manche – auch vermögende – Kreise mochten sich damit nicht abfinden. Ein Ausdruck dieser Haltung ist der 1931/32 als „Kolonialdenkmal“ errichtete steinerne Elefant in der Nähe der Bürgerweide. „Er war ein Symbol für die Forderung, dass Deutschland seine Kolonien zurückbekommt“, sagt Ralph Saxe (Grüne). Der Bürgerschaftsabgeordnete ist Vorsitzender des Vereins, der sich um den Elefanten kümmert.

In den 30er Jahren griffen die Nationalsozialisten das Thema auf. Bremen wurde in der Propaganda zur „Stadt der Kolonien“ erklärt. Das Übersee-Museum hieß von 1935 bis 1945 – nach einem Senatsbeschluss – „Deutsches Kolonial- und Übersee-Museum“.

Die Erforschung der Kolonialvergangenheit des Museums soll Fragen beantworten und Transparenz schaffen. Es geht nicht vordringlich um etwaige freiwillige Rückgaben von Exponaten, die zudem auch – so Ahrndt – „gönnerhaft“ wirken können.

J Erster Termin der neuen Reihe „Koloniale Spuren“ ist ein „Museumsgespräch“ am Donnerstag, 10. August, um 15 Uhr. Die Provenienzforscherin Sara Capdeville (Universität Hamburg) spricht dann über die Spurensuche zur deutschen Kolonialzeit in Tansania (Ostafrika). Eintritt: 9,50 Euro – inklusive Kuchen und Kaffee.

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