Erfolgsgeschichte auf erstem Blick

Kritik vor „Windforce“-Start: „Heimatmarkt bricht zusammen“

+
Der Windpark „Arkona“ in der Ostsee, 35 Kilometer nordöstlich vor Rügen ist im April in Betrieb genommen worden. Der Park ist ein Gemeinschaftsunternehmen des Essener Energiekonzerns Eon und des norwegischen Anteilseigners Equinor. 

Bremen - Es ist auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte: Die Offshore-Branche hat sich rasant entwickelt. 2009 ging mit „Alpha ventus“ der erste Windpark ans Netz – zwölf Windräder, 60 Megawatt Leistung. Ende 2018 drehten sich 1 305 Windräder mit einer Gesamtleistung von 6 382 Megawatt in Deutschland offshore, 5 306 Megawatt in der Nordsee und 1 076 Megawatt in der Ostsee. Noch wird weiter zugebaut. Der gesetzlich mögliche Zubau bis 2020 von 7,7 Gigawatt wird erreicht, sagt Andreas Wellbrock, Geschäftsführer des Branchenverbands WAB.

Doch dann läuft erstmal gar nichts mehr in der deutschen Nord- und Ostsee. Der Bund hat einen Ausbaustopp verordnet. Die Ausbauziele bis 2030 seien von 25 auf 15  G igawatt gekürzt worden. Das führe zum Fadenriss in der Offshore-Branche. „Der Heimatmarkt ist zusammengebrochen“, sagt Wellbrock in einem Pressegespräch im Vorfeld des Branchentreffs „Windforce“ (21. und 22. Mai in Bremerhaven). Der Branche gingen Lieferanten und Know-how verloren, weil Perspektiven fehlten. „Das ist ein großes Problem. Wir brauchen mehr Erzeugungskapazitäten.“ Umweltsenator Joachim Lohse (Grüne) sagt, die Bundesregierung sei dabei, das Thema Offshore „klimapolitisch, energiepolitisch und industriepolitisch zu verstolpern“.

Deutschland werde in der Offshore-Industrie vom Vorreiter und Leuchtturm zum Bedenkenträger und Verhinderer. Der Bund lasse die Branche, die seit 2013 einen Betrag von rund 15  Milliarden Euro in den Ausbau gepumpt habe, regelrecht verhungern, sagt Wellbrock. Lohse ergänzt: „Das ist alles nicht nachvollziehbar.“ Und es kostet Arbeitsplätze. Bis 2016 ist die Zahl der Offshore-Arbeitsplätze in Bremerhaven auf 5 000 gestiegen. Seither ist „viel den Bach runtergegangen“. Diverse Unternehmen mussten Insolvenz anmelden, haben Produktionsstätten geschlossen. Derzeit zählt die Branche in der Seestadt nur noch 1 000 Arbeitsplätze.

Weltweit hingegen werden neue Märkte erschlossen. Briten und Dänen sind weit vorne. Und die Niederländer haben ihr Ausbauziel bis 2030 jüngst auf 17,5 Hektar heraufgesetzt. Laut Wellbrock produziert das Nachbarland bislang etwa halb so viel Offshore-Strom wie Deutschland. Auch andere Länder setzen sich ehrgeizige Ziele. Mittlerweile sind auch die ersten US-Bundesstaaten aufs Offshore-Schiff aufgesprungen. New Jersey plant bis 2035 mit neun Megawatt Offshore-Leistung auf hoher See. Taiwan kommt ins Spiel. Und Indonesien.

Zurück nach Deutschland: Die Offshore-Branche fordert eine schnelle Erhöhung der Ausbauziele – auf mindestens 20 Gigawatt bis 2030 und 35 Megawatt bis 2035. Und sie pocht auf den im Koalitionsvertrag vorgesehenen Sonderbeitrag für die Offshore-Windindustrie, „der irgendwo im Wirtschaftsministerium festhängt“. Wellbrock verweist auf mindestens 1,5 Gigawatt freier Konverterkapazitäten. Die Kapazitäten, den Strom an Land zu bringen, sind da. „Wir nutzen sie nicht, wir könnten aber dafür Windräder bauen.“ Die Produktion der Windräder, der Fundamente bis hin zu den Errichterschiffen läuft mittlerweile wie „Brezel backen“. Doch wenn für neue Projekte keine „Spielräume freigegeben werden“, dann vertreibe man die Produktion aus dem Land. „Der ganze Tross wandert ab“, sagt Wellbrock.

Übrigens: Die Windräder auf hoher See haben 2018 insgesamt 18,8 Terrawattstunden Strom erzeugt, acht Prozent mehr als im Jahr zuvor. Das entspricht laut Statistik einem Anteil von 3,5 Prozent an der öffentlichen Stromversorgung.

Branchentreff „Windforce“ in Bremerhaven 

Die nationale und internationale Offshore-Brance trifft sich am 21. und 22. Mai zur „Windforce Conference“ in Bremerhaven. Sie will über zukunftsweisende Energiethemen diskutieren. Mit den Niederlanden wird es bei der 15. Auflage des Branchentreffs erstmals ein Partnerland geben. Die Sitzungen, Workshops und Diskussionsrunden setzen auf zukunftsweisende Themen wie die windenergiebasierende Produktion von Wasserstoff. So wird in einem Themenkomplex über die weltweit erste Einführung eines Wasserstoff-Brennstoffzellenzugs berichtet, der täglich von Cuxhaven via Bremerhaven nach Buxtehude pendelt. Die „Windforce“ ist eine der führenden Veranstaltungen der Offshore-Windenergie und zieht jedes Jahr Start-ups, Unternehmen und Industriekonzerne an.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

„Fridays for Future“ - Demo mit Klimavortrag in Weyhe

„Fridays for Future“ - Demo mit Klimavortrag in Weyhe

Hollands Sozialisten bei EU-Wahl-Auftakt überraschen

Hollands Sozialisten bei EU-Wahl-Auftakt überraschen

Galerie der Schande: Polizei stellt Unfallgaffer bloß

Galerie der Schande: Polizei stellt Unfallgaffer bloß

Der Mond als Ziel für USA-Touristen

Der Mond als Ziel für USA-Touristen

Meistgelesene Artikel

CDU im Umfragehoch - Parteichefin auf dem Bremer Marktplatz

CDU im Umfragehoch - Parteichefin auf dem Bremer Marktplatz

Trotz Umbaus: Unfallzahlen am Kreisverkehr „Stern“ sind gestiegen

Trotz Umbaus: Unfallzahlen am Kreisverkehr „Stern“ sind gestiegen

FDP-Endspurt mit Parteichef Lindner: Liberale Löwen

FDP-Endspurt mit Parteichef Lindner: Liberale Löwen

Drogensünder im Visier: Polizei zieht 116 Fahrer aus dem Verkehr

Drogensünder im Visier: Polizei zieht 116 Fahrer aus dem Verkehr

Kommentare