Gangexpertin legt zweite Analyse zu Videomaterial vor

Gutachterin im Harms-Prozess: Angeklagter ist der Maskierte

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Geht es nach dem Ergebnis der Gangexpertin, ist der maskierte Täter auf einem Überwachungsvideo der Mitangeklagte Thomas M. (rechts). Sein Verteidiger Wilfried Behrendt (links) hat daran große Zweifel.

Bremen - Von Steffen Koller. Im Prozess um den Großbrand bei Harms am Wall vor dem Landgericht Bremen hat eine Gangexpertin am Dienstag den Angeklagten Thomas M. (53) schwer belastet. Sie hatte zum zweiten Mal Videomaterial untersucht und kommt nun zu dem Schluss, dass es sich bei dem maskierten Mann, der kurz vor dem Feuer von einer Überwachungskamera aufgenommen wurde, zu „95 bis 100 Prozent“ um den 53-Jährigen handelt.

Thomas M. soll laut Anklage zusammen mit dem ehemaligen Geschäftsführer des Modehauses, Hans Eulenbruch (64), im Mai vergangenen Jahres zunächst einen Raubüberfall vorgetäuscht und kurz darauf das historische Gebäude in Brand gesteckt haben. Laut Staatsanwaltschaft hatte es Eulenbruch, der lediglich Mieter der Immobilie war, vorrangig auf die Versicherungssumme für vernichtetes Inventar abgesehen. 

Beiden Männern drohen bei einer Verurteilung wegen besonders schwerer Brandstiftung, Versicherungsbetrugs und Vortäuschens einer Straftat mindestens fünf Jahre Haft. Doch bislang konnte Staatsanwalt Jan Möhle nur Indizien präsentieren – der einzige Sachbeweis ist ein Video, das Eulenbruch und M. bei der – so die Anklage – „Tatortbegehung“ zeigen soll.

Genau dieses Video stand bereits Mitte August im Fokus der Beweisaufnahme. Damals untersuchte die Sportwissenschaftlerin der Universität Bremen, ob das Gangmuster des maskierten Täters mit dem des zweiten Angeklagten übereinstimmen könnte. Doch da das Vergleichsmaterial zum damaligen Zeitpunkt nicht aussagekräftig genug war, musste ein zweites Gutachten her.

Und jetzt ist sich die 58-Jährige sicher: Der auf dem Überwachungsvideo des Seiteneingangs aufgenommene maskierte Mann soll Thomas M. sein. Mit einer Wahrscheinlichkeit von „95 bis 100 Prozent“ würde es dieselbe Person handeln, so das Ergebnis ihres Gutachtens.

Konkret habe sie drei Gangeigenschaften feststellen können: „Die unterschiedliche Außenrotation der Füße, eine leichte X-Beinstellung und das unvollständige Abrollen eines Fußes“, berichtet sie vor Gericht. Alle drei Muster würden sich auch auf dem Vergleichsmaterial wiederfinden, dass M. und Eulenbruch drei Wochen vor dem Brand im Verkaufsbereich des Modehauses zeigt. Die Sportwissenschaftlerin, die vorrangig Gangbilder nach Verletzungen oder Operationen untersucht und solch einen Vergleich zur Identifizierung einer Person zum ersten Mal durchgeführt habe, lässt an ihrer Arbeit wenig Zweifel: „Es gibt kein Muster, das mit anderen identisch ist.“

Doch wie aussagekräftig sind die Ergebnisse, die in einem bislang nur auf Indizien beruhenden Prozess ausschlaggebend sein können? Diese Frage brennt nicht nur Eulenbruchs Verteidiger Erich Joester unter den Nägeln. Er führt aus, dass eine Bewegungsanalyse laut Fachliteratur nur „relativ genau“ sei, eine DNA-Analyse hingegen „sehr genaue“ Ergebnisse zur Identifizierung liefern könne. Ergebnisse, die messbar seien und nicht auf subjektiven Einschätzungen beruhen würden, zumal das etwa vier Sekunden lange Video aus der Überwachungskamera nur einen Gangzyklus zeige, so Joester.

Auch gebe es bislang keine Statistik, die aufzeige, wie viele Menschen mit welchen Gangmerkmalen versehen seien. Trotz aller Kritik bleibt die 58-Jährige bei ihrem Gutachten: „Ein Merkmal wäre nicht verwunderlich. Aber in der Kombination ist das Gangbild einmalig.“

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