Seit mehr als drei Jahren in der Reparatur

Warum das Gorch-Fock-Desaster immer mehr zum Krimi wird

+
Eine Luftaufnahme zeigt das Marine-Segelschulschiff "Gorch Fock", welches im vorderen Baudock der Bredo-Werft repariert wird und mit Planen abgedeckt ist. Neben der Gorch Fock liegt das Marine-Wohnschiff "Y811" im südlichen Fischereihafen von Bremerhaven, in dem die Besatzung des Segelschulschiffes untergebracht ist. 

Die Gorch Fock: Stolz der Marine, Schulschiff des Offiziersnachwuchses oder Geldmaschine der Reparaturwerft? Die Sanierung des Segelschulschiffes ist zum Krimi geworden. Auch die Bundeswehr sieht dabei nicht gut aus. Jetzt öffnet sie trotzdem wieder den Geldhahn.

Bremerhaven - Behäbig blähen sich die grauweißen Schutzplanen im Wind. Möwen kreischen über dem Fischereihafen. Unter den langen Kunststoffbahnen verbirgt sich die „Gorch Fock" - oder was von ihr übrig ist. Eingerüstet, abgeschirmt, in Bauteile zerlegt liegt das Segelschulschiff im Trockendock der Bredo-Werft in Bremerhaven. Schon drei Jahre lang. Wie eine leicht erhobene Ritterlanze ragt nur der Bugspriet aus der mit Wellblech gedeckten Reparatur-Garage hervor.

Hinten dran, über einen schmalen Steg mit dem Dock verbunden, schwimmt der „Knurrhahn" im Wasser. So heißt das graue Marinewohnschiff „Y811". Darauf lebt und arbeitet die Stammbesatzung des Dreimasters um Kommandant Nils Brandt. Und kann quasi zusehen, wie der von Korrosion zerfressene Metallrumpf aufgearbeitet wird.

Reparatur erscheint als nicht enden wollende Odyssee

Ende 2015 war das Schiff zur Instandsetzung, die wenige Monate dauern sollte, in die Werft gekommen. Heute, Jahre später, erscheint die Reparatur als nicht enden wollende Odyssee - als Irrfahrt, bei der die Marine und Bundesministerin Ursula von der Leyen in schwere See geraten sind.

Zu erzählen ist die Geschichte von niedrigen Preisangeboten und explodierenden Kosten. Wobei das Ganze zunehmend zum Krimi mutierte, denn Ende 2018 kam ein Verdacht auf Korruption bei einem Prüfer der Marine hinzu. 2019 musste die Führung beim Generalunternehmer Elsflether Werft AG gehen. Es folgten ein Insolvenzantrag sowie schwere Vorwürfe gegen das frühere Werftmanagement wegen angeblicher finanzieller Machenschaften und möglicher Untreue.

Berlin: Teile für den Aufbau eines Modells des Segelschulschiffs Gorch Fock liegen auf einem Tisch.

Noch nicht geklärt ist, ob der Fall eher als Wirtschaftskrimi zu lesen ist, mit Managern als Drahtziehern in einem Firmengeflecht - mit Anteilen eines Familiendramas und Erbstreits. Oder vor allem als Beispiel von erheblichem Kontrollversagen der Marine bis in höchste Spitzen des Verteidigungsministeriums.

Sicher scheint schon jetzt, dass die Geschichte der „Gorch Fock" zu einem Lehrstück geworden ist, wie öffentliche Aufträge aus dem Ruder laufen können. Wie langjährige Kontakte, ein Dschungel der Regelungen und fehlendes Risikomanagement bei der Marine zu einem unguten Mix werden, bei dem es für einen auf alle Fälle dick gekommen ist: für den Steuerzahler.

Es geht um ein Statussymbol

Dabei geht es um ein Statussymbol. Die „Gorch Fock" zierte einst die Rückseite des blauen Zehn-Mark-Scheins. Die Marine hängt an der über 60 Jahre alten Bark mit den prächtigen Rahsegeln. Bis rund 45 Meter hoch sind die Masten. Für Kadetten hieß eine Fahrt wenig Schlaf, Kälte und Nässe, Sturm und Wellengang, Wind und Wetter.

Schleswig-Holstein, Kiel: Kommandant Nils Brandt steht an Deck der "Gorch Fock", dem Segelschulschiff der Marine. Foto: Carsten Rehder/dpa

„Es geht um Charakterformung. Nur durch die Erfahrung und Arbeit am Selbstbild gewinnt der zukünftige Offizier seine Kompetenz und Glaubwürdigkeit als Führer, Ausbilder und Erzieher.", urteilt Kapitän Nils Brandt. Wie gesagt: Die Marine hängt an dem Schiff. Das muss man verstehen, wenn man über das Debakel spricht.

Und ein Statussymbol will gepflegt werden, auch wenn das einiges kostet. Das Schiff musste in den vergangenen beiden Jahrzehnten im Zwei-Jahres-Takt zur Kontrolle und Instandsetzung. Mal waren es 3 Millionen Euro, mal 7,9 Millionen, mal knapp 10 Millionen Euro. Dass Kostenpläne gesprengt wurden, hatte der Bundesrechnungshof schon früher kritisiert. Die aktuelle sogenannte Depot-Instandsetzung läuft seit 25. November 2015. Damals wurden 9,6 Millionen Euro veranschlagt.

Über zwei Jahre später, im März 2018, vereinbarten die Marine und die Elsflether Werft eine Obergrenze von 128 Millionen Euro, hinzu kamen 7 Millionen unter anderem für "Fremdleistung und Managerreserve". Knapp 70 Millionen Euro davon sind bisher überwiesen worden, bevor Ende 2018 ein Zahlungsstopp griff. In der Folge ruhten die Arbeiten im Trockendock und in beteiligten Werkstätten für Monate.

Wie konnte es so weit kommen? Warum sorgte die länger erkennbare Preisexplosion nicht schon früher dafür, dass Verantwortliche genauer hinsahen?

DIE WERFT

Die 1958 auf der Hamburger Blohm&Voss-Werft gebaute „Gorch Fock" kam zur Instandsetzung meistens zur Elsflether Werft. Die liegt im gleichnamigen niedersächsischen Ort an den Flüssen Hunte und Weser. 130 Beschäftigte. 100 Jahre Tradition. Hauptauftraggeber: die Marine. Auf sie entfallen rund 80 Prozent des Umsatzes.

Bremen, Bremerhaven: Ein Blick auf ein Schild mit der Aufschrift "BREDO DRY DOCKS", das an einem Gebäude der Bredo-Werft zu sehen ist. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Weil die Werft kein Trockendock hat, mietete sie für die „Gorch Fock" eines bei der Bredo Dry Dock GmbH etwa 45 Kilometer weserabwärts auf der anderen Flussseite in Bremerhaven. Dort liegt die "GF", so die Kurzbezeichnung, seit 5. Januar 2016 auf dem Trockenen.

Instandsetzungen wurden stets ausgeschrieben

Die Instandsetzungen wurden stets ausgeschrieben. Die Werft setzte sich zuletzt gegen vier Konkurrenten durch. 9,6 Millionen Euro sind für eine Schiffsreparatur kein ungewöhnlich hoher Posten. Auch frühere Wettbewerbe hatten die Elsflether gewonnen. Die Werft gab, so die Bundesregierung, „das wirtschaftlichste Angebot ab". Mehrfach wurde es am Ende teurer. Hätte man also etwas ahnen können?

Bremen, Bremerhaven: Ein Blick auf das Marine-Segelschulschiff "Gorch Fock", welches im Trockendock in der Bredo-Werft repariert wird und mit Planen abgedeckt ist. Nur der Bugspriet ist zu sehen. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

„Wir sind damals mit einem vergleichsweise sehr kleinen Betrag angetreten und hätten uns auch darüber schon gefreut. Das war das, mit dem wir damals die Ausschreibung gewonnen haben", sagt Marcus Reinberg. Der Hamburger Anwalt war einer von zwei Werft-Vorständen. Bis zum 30. Januar 2019. An dem Tag wurden er und sein Vorstandskollege Klaus Wiechmann von den neu eingesetzten Notvorständen der Hamburger Sky-Stiftung abberufen. Die Stiftung ist die Eigentümerin der Werft. "Dass das jemals diese Dimensionen annimmt, konnte niemand ahnen, auch wir nicht", beteuert er.

„Seit zwei Monaten werden wir nur verprügelt. Wir sind zum Spielball verschiedener Interessen geworden", klagt Reinberg. Gegen beide Ex-Chefs ermittelt die Osnabrücker Staatsanwaltschaft wegen Untreue-Verdachts. Auf die direkte Frage, ob er sich persönlich bereichert habe, antwortet Reinberg ohne Zögern mit „Nein".

Neue Führungsmannschaft

Mit der Absetzung des Duos kam eine neue Führungsmannschaft. Die Hauptplayer: der neue Aufsichtsratschef Pieter Wasmuth, hauptamtlich Generalbevollmächtigter der Vattenfall GmbH für Hamburg und Norddeutschland, und Vorstandschef Axel Birk (53). Wasmuth kennt ihn als Manager aus der Windkraftbranche. Ein Projektteam „Gorch Fock" durchforstete Bücher und Akten. Das Team kam zu dem Schluss, die alten Chefs hätten Geld in ein Firmengeflecht geleitet. „Die Herren wussten offenbar nicht mehr genau, was ist meins und was ist deins", hieß es aus der Projektgruppe.

Neben der Werft hatte jeder Vorstand seine eigene Firma. Diese betrieben teils einzeln, teils zusammen weitere Firmen. Einige dienten als Zulieferer für die Werft. Andere investierten in schiffbauferne Branchen wie Film, Reisen und Goldförderung in der Mongolei. Geleitet worden seien die Unternehmen oft von „Angestellten und Lebenspartnern" der Vorstände - so steht es im Insolvenzantrag. Mehr als 20 Firmennamen umfasst die Übersicht, und mehr als 20 Millionen Euro sollen an sie geflossen sein.

Berlin: Ein Modell des Segelschulschiffs Gorch Fock steht auf einem Tisch.

Am 20. Februar setzte sich Birk schließlich ins Auto, fuhr 35 Kilometer von Elsfleth nach Nordenham und ging ins Amtsgericht. Dort stellte er den Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung. Die Elsflether Werft war zahlungsunfähig. Allein die Forderungen des größten Unterauftragnehmers Bredo belaufen sich auf 3,9 Millionen Euro, wie aus dem Insolvenzantrag hervorgeht.

Die Bredo-Werft berechnet für die Dock-Kosten 10.000 Euro - pro Tag. Macht rund 300.000 Euro im Monat. Zudem wurden zwischen Bredo und der Elsflether Werft etwa 50.000 Euro im Monat für Liegeplatz und Versorgung des Mannschaftsschiffes „Knurrhahn" vereinbart. Seit Mitte Januar rechnet die Marine selbst mit Bredo ab. So seien die Kosten reduziert worden, heißt es im Umfeld des Verteidigungsministeriums.

WAS ZULIEFERER BERICHTEN

Die Zulieferer leiden stark, sie kommen - auch ohne Baustopp - nur schleppend voran. Beispiel: die Janssen Elektromaschinen GmbH. Die Firma aus Emden soll die elektrische Installation liefern. Doch wie Kabel ziehen in einem Schiff, dessen Rumpf nicht fertig ist? „In den Rumpf kommen wir noch nicht hinein", sagt Geschäftsführer Dieter Janssen. Die Schulden der Elsflether Werft bei ihm seien zwar nicht existenzgefährdend, aber: "Das ist äußerst schmerzhaft, eventuell so viel Geld verlieren zu müssen."

50 bis 60 große und kleine Subunternehmer waren oder sind in den „Gorch Fock"-Auftrag involviert. Betroffen seien 500 Arbeitsplätze neben der Werft, schätzt die Gewerkschaft IG Metall.

Unter der Hand berichten Betriebe von ruppigem Geschäftsgebaren des alten Vorstands, von mühseligen Kämpfen um fällige Bezahlung. Im Insolvenzantrag steht, dass die Werftleitung von Zulieferern überhöhte Angebote eingeholt und bei der Marine abgerechnet haben soll. Die Zulieferer bekamen danach 15 Prozent weniger. Der alte Vorstand gibt keinen Kommentar. Womöglich geht es hier um Straftaten.

Hamburg: Eine Mütze mit dem Schriftzug "Gorch Fock" auf dem Band ist in einem Souvenierladen an den Landungsbrücken ausgestellt.

DER WENDEPUNKT

Lange blieben diese Dinge unter der Decke, sie fügten sich nicht zu einer Geschichte. Doch ein Erbzwist und Machtkämpfe bei der Werft sorgten dafür, dass die Vorgänge in Elsfleth breiter hinterfragt wurden. So fiel auch ein neues Licht auf das Reparaturprojekt "Gorch Fock" und auf womöglich mangelnde Kontrollen der Militärs.

Werftbesitzerin Brigitte Rohden hatte 2009 die Sky-Stiftung gegründet und ihr den Schiffbaubetrieb übertragen. Bis heute hält die Stiftung 6 Prozent der Anteile direkt, 94 Prozent über eine Vermögensverwaltungsgesellschaft.

Werftbesitzerin starb im Januar 2018

Am 27. Januar 2018 starb Rohden mit 77 Jahren, die Sky-Stiftung erbte ihr Vermögen. Alleiniger Vorstand der Stiftung und Rohdens Testamentsvollstrecker war ihr Vertrauter Reinberg. Nicht zur Freude von Rohdens beiden Töchtern: Sie beauftragten die Hamburger Kanzlei Roxin, kursierende Vorwürfe gegen Reinberg zusammenzufassen. Es entstand ein Dossier mit 27 Seiten, das im September 2018 an die Stiftungsaufsicht ging. Auch danach passierte erstmal - nichts.

Bis Mitte Dezember. Da offenbarte sich ein Mitarbeiter des Marinearsenals in Wilhelmshaven. Die Behörde ist für die Wartung von Schiffen und Hafenanlagen der Marine zuständig - und Vergabestelle bei Ausschreibungen. Jener Mitarbeiter verantwortete die technische Preisprüfung bei der Sanierung der „Gorch Fock". Er zeigte sich selbst bei seinem Vorgesetzten an, mit der Angabe, dass er vergünstigte Darlehen über mehrere Hunderttausend Euro von der Werft und einer anderen beteiligten Firma bekommen habe.

„Als im Dezember 2018 die Selbstanzeige des Marinearsenal-Mitarbeiters kam, war dies der Wendepunkt. Das war der Trigger. Von da an wurde alles neu, und zwar von null an, diskutiert", sagt Ex-Vorstand Reinberg. Und wundert sich, weil zu diesem Zeitpunkt kostenmäßig alles geklärt schien: „Es war keine einzige Zahl beim Auftragsvolumen geändert worden." Das Verteidigungsministerium zog nach der Anzeige die Notbremse und verhängte im Dezember 2018 den mehrmonatigen Zahlungsstopp.

12. Dezember: Tag des Zahlungsstopps

„Der 12. Dezember war als Tag des Zahlungsstopps gewissermaßen der D-Day", sagt auch der Hamburger Rechtsanwalt und vom Amtsgericht Nordenham bestellte Sachwalter für die Werft, Per Hendrik Heerma. "Als der Bund die Zahlungen einstellte, war logisch, dass die Werft zahlungsunfähig werden wird, falls die Lieferanten nicht ihre Forderungen stunden."

Es war mithin eine Frage der Zeit. Reinberg und Wiechmann müssen aus seiner Sicht trotzdem noch vieles erklären. „Der alte Werft-Vorstand hat viele Millionen Euro für Zwecke gezahlt, deren Hintergrund aufgeklärt werden muss. Das hat die Zahlungsfähigkeit der Werft massiv gefährdet."

DIE KOSTEN

Die Kostenexplosion ist zwar seit der Insolvenz der Werft ein großes Thema. In Gang gekommen ist sie aber schon sehr früh: Mehr und mehr Teile des Schiffes, die anfangs nicht vorgesehen waren, wurden erneuert.

Seit Beginn der Instandsetzung bis 10. Dezember 2018 ergaben sich 124 Änderungen zum ursprünglichen Auftrag. „Faktisch handelt es sich in Folge dessen nicht mehr um einen Instandsetzungsauftrag, sondern eher um einen Neubau des Schiffes", steht im Insolvenzantrag. So sieht es auch Werft-Betriebsratschef Ralf Templin. Der Stahlrumpf sei zu 85 bis 90 Prozent fertig. "Da kann man schon das Wort Neubau in den Mund nehmen."

Ex-Vorstand Wiechmann (50), der vor allem für die technische Seite zuständig war, skizziert die Auftragsabläufe so: „Die Werft geht nicht zur Marine und sagt, das müsst ihr tun und das nicht. Wir haben das ausgeführt, was uns die Marine als Auftraggeber sagte und letztlich in Auftrag gab." Etwa alle 14 Tage habe es eine Statusbesprechung mit allen Vertretern gegeben - und anschließend Protokolle.

„Die Marine hat immer klar gesagt: Man will eine „Gorch Fock". Man restauriert das Schiff. Das Geld war da nicht die Hauptfrage", beschreibt Wiechmann seine Sicht der Dinge. Für ihn ist es wichtig, dass die Grenze von „128 Millionen Euro plus" schon seit März 2018 bekannt war.

Bremen, Bremerhaven: Ein Blick auf den Bugspriet des Marine-Segelschulschiffes "Gorch Fock", welches in der Bredo-Werft repariert wird und mit Planen abgedeckt ist. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Chronologie: Sanierungsdebakel in Daten

2015/16

  • 14. Dezember 2015: Die „Gorch Fock" erreicht für die umfangreichste Instandsetzung ihrer Geschichte die Elsflether Werft, die sich in der Ausschreibung gegen vier weitere Bewerber durchgesetzt hat. Die Modernisierung soll wenige Monate dauern und knapp 10 Millionen Euro kosten. Genutzt wird seit Januar 2016 ein Dock in Bremerhaven.
  • 2. Februar 2016: In Teilen der „Gorch Fock" gibt es eine erste schiffbauliche Untersuchung. In der Folge verschiebt die Werft wegen des weiteren Reparaturbedarfs die Fertigstellung auf unbestimmte Zeit. Knapp sieben Wochen später wird die schiffbauliche Untersuchung auf den gesamten Dreimaster ausgedehnt.
  • ab März: Das Budget für die Instandsetzung wird erhöht - auf 12 Millionen Euro. Danach geht es Schlag auf Schlag: im April auf 16, im Juni auf 22 und im August auf mehr als 30 Millionen Euro, wie der Bundesrechnungshof ermittelte.
  • 19. September: Da eine weitere Kostensteigerung auf rund 65 Millionen Euro im Raum steht, werden die Baumaßnahmen vorläufig angehalten.
  • 12. Oktober: Die Sanierung wird zum ersten Mal gestoppt.

2017

  • 26. Januar 2017: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ist eingeschaltet und verkündet ihre Entscheidung: Die Bark wird für etwa 75 Millionen Euro instandgesetzt, um "über das Jahr 2030 hinaus" im Dienst zu bleiben. Die Arbeiten fahren wieder hoch.

2018

  • 16. Januar 2018: Es kommt zum zweiten Baustopp. Mittlerweile wird über Sanierungskosten von 100 Millionen Euro spekuliert.
  • 20. März: Die Ministerin hält an der „Gorch Fock" fest. Für 135 Millionen Euro soll das Schiff für einen Einsatz über das Jahr 2040 hinaus fit gemacht werden.
  • 12. Dezember: Es wird bekannt, dass ein Marinearsenal-Mitarbeiter unter Korruptionsverdacht steht. In der Folge durchsuchen die Behörden auch die Elsflether Werft.
  • 20. Dezember: Von der Leyen weist einen Zahlungsstopp an. Geflossen sind bisher rund 69,5 Millionen Euro.

2019

  • 3. Januar 2019: Der Bundesrechnungshof macht nach einer halbjährigen Prüfung auch Bundeswehr und Verteidigungsministerium für die Kostenexplosion verantwortlich. Über Jahrzehnte habe es Versäumnisse bei der „Gorch Fock"-Sanierung gegeben. Es soll sogar eine Gefahr für die Schiffsbesatzung bestanden haben.
  • 21. Januar: Von der Leyen macht sich auf der Werft ein Bild.
  • 30. Januar: Wegen Untreue-Vorwürfen wird der Vorstand der Elsflether Werft abberufen. Zudem heißt es, das Verteidigungsministerium befürworte, dass die „Gorch Fock"-Sanierung weitergeht, um das Schiff zumindest wieder schwimmfähig zu machen. Vermutliche Kosten: rund zehn Millionen Euro.
  • 20. Februar: Die neue Führung der Elsflether Werft beantragt ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung.
  • 28. Februar: Das Verteidigungsministerium bestätigt in seiner Reaktion auf den Rechnungshof-Bericht wesentliche Erkenntnisse. Einiges werde aber weiter geprüft. Die Sicherheit der Besatzung sei hingegen nicht beeinträchtigt gewesen, so das Ministerium.
  • 14. März: Ministerin von der Leyen verkündet nach Gesprächen mit der neuen Werftspitze eine Grundsatzeinigung über die Aufhebung des Zahlungsstopps. Ziel: Die Arbeiten sollten schnell wieder starten. Es gebe eine gute Chance, dass das Schiff wieder segeln werde, sagte sie.

DIE MINISTERIN

Verteidigungsministerin von der Leyen, die seit über fünf Jahren im Amt ist, setzt in ihren Aussagen andere Schwerpunkte. Sie geht eher Richtung Wirtschaftskrimi. Bei ihr kommt die abgelöste Werftspitze nicht gut weg: "Die alte Geschäftsführung hat, soweit wir das bisher aufklären konnten, Summen in Millionenhöhe, die die Bundeswehr ihr bereits gezahlt hat für die "Gorch Fock", nicht an die Unterauftragnehmer weitergeleitet", sagte die CDU-Politikerin am 20. Februar, dem Tag des Insolvenzantrages, in Berlin.

Bremen, Bremerhaven: Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) geht bei ihrem Besuch des Segelschulschiffes der Deutschen Marine "Gorch Fock" im Schiff die Stufen herunter. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

„Sie hat ein Firmengeflecht aufgebaut von vielen Tochter- und Unterfirmen. Sie hat Millionen aus der Elsflether Werft in dieses Firmengeflecht geleitet." Zur Insolvenz der Werft habe die Entnahme von Geldern geführt, nicht der angeordnete Zahlungsstopp des Verteidigungsministeriums. Von der Leyen war in diesem Jahr zwei Mal auf der Bredo-Werft, am 21. Januar und am 7. Februar. Ausdrücklich lobte sie die neue Geschäftsführung.

DAS VERTEIDIGUNGSMINISTERIUM

Die 60-jährige Ministerin führt eine Megabehörde, die schon für mehrere ihrer Vorgänger zur politischen Endstation wurde: zwei dunkle Schiebetore für Fahrzeuge, ein Tor für Fußgänger, eine Wache. "Den Anweisungen der Feldjäger ist Folge zu leisten", steht auf einem Schild am Eingang zum Verteidigungsministerium in Berlin.

Befehl und Gehorsam sind der äußere Rahmen, doch die Militärverwaltung neigt auch zum Eigenleben. Rüstungsverträge laufen über viele Jahre oder Jahrzehnte, kaum ein Minister steht bis zum Ende für die Folgen seiner Entscheidungen gerade. Dass eine Reihe von Offizieren in der Rüstungsindustrie eine zweite, lukrative Karriere hingelegt hat, macht manches nicht leichter. Dazu eine Atmosphäre der Geheimhaltung - begleitet von Durchstecherei, die sich auch gegen Minister richtet.

Kostensteigerungen hat von der Leyen selbst in den Jahren 2017 und 2018 abgezeichnet

Allerdings ist bei der „Gorch Fock" einiges anders. Die Kostensteigerungen hat von der Leyen selbst in den Jahren 2017 und 2018 abgezeichnet. Dabei sei sie allerdings Fehlinformationen aus ihrem Haus aufgesessen, stellte der Bundesrechnungshof am 3. Januar in einem Prüfbericht fest. Der Bericht kann als harte Abrechnung mit Vorgängen im Hause der CDU-Politikerin gelesen werden.

Die Arbeiten seien begonnen worden, ohne den Zustand des Schiffes und die Wirtschaftlichkeit des Projektes ausreichend zu prüfen, heißt es in dem vertraulichen Dokument. Die letzte vollständige dokumentierte Untersuchung der „Gorch Fock" gab es demnach vor etwa 40 Jahren. Die vielen regelmäßigen Reparaturen boten keine derartige Grundschau. "Beide Entscheidungen der Bundesministerin zur Fortsetzung der Instandsetzung basierten somit auf falschen oder nicht hinreichend aussagekräftigen Informationen", urteilen die Prüfer.

Kontrolleure formulieren Zweifel, ob eine Sanierung der „Gorch Fock" der richtige Weg sei

Die Kontrolleure formulieren Zweifel, ob eine Sanierung der „Gorch Fock" der richtige Weg sei. Sie stellen auch in Frage, dass ein Neubau heute etwa 170 Millionen Euro kosten könnte, wie bei den Entscheidungen angenommen.

Zuletzt sei der Betrieb der „Gorch Fock" womöglich sogar eine Gefahr für die Besatzung gewesen, warnen die Prüfer. Das Verteidigungsministerium wies dies zwar energisch zurück, erkannte allerdings wesentliche andere Punkte an. Die Kritik des Rechnungshofes sei "Auslöser einer umfangreichen internen Prüfung" gewesen, schrieb das Ministerium am 28. Februar. Es werde noch untersucht, wie die zwei fraglichen Leitungsvorlagen für die Ressortchefin 2017 und 2018 zustande gekommen seien.

Die Rechnungshof-Experten scheinen aber unzufrieden. Nach dpa-Informationen haben die Prüfer inzwischen zusätzliche Informationen angefordert, so dass die Sache so schnell nicht zu den Akten gelegt werden dürfte.

Im Trockendock liegt weiter der traurige Stahlrest des stolzen Schiffes

Kann sie ja auch nicht, denn im Trockendock Bremerhaven liegt ja weiter der traurige Stahlrest des stolzen Schiffes. Und die Kostenuhr tickt, ob gearbeitet wird oder nicht. Das Gerüst kostet, das Dock kostet auch.

Bremen, Bremerhaven: Ein Blick auf das Marine-Wohnschiff "Y811" im südlichen Fischereihafen von Bremerhaven, in dem die Besatzung des Segelschulschiffes "Gorch-Fock" untergebracht ist. Links daneben liegt die "Gorch Fock", die in der Bredo-Werft repariert wird und mit Planen abgedeckt ist. Mohssen Assanimoghaddam/dpa

WIRD DIE „GORCH FOCK" WIEDER SEGEL SETZEN?

Schwimmen wird die „Gorch Fock" auf jeden Fall wieder. Die neue Werftleitung arbeitet darauf hin, dass das Schiff bis Juni/Juli schwimmfähig sein soll. Allein dafür sind maximal elf Millionen Euro nötig. Ins Wasser muss die Bark, und sei es für die letzte Fahrt zum Abwracken. Doch ein solch ruhmloser Untergang gilt als unwahrscheinlich.

Erst recht nachdem Ministerin von der Leyen am 14. März das Ende des Zahlungsstopps ankündigte. „Es gibt jetzt eine gute Chance, dass die "Gorch Fock" wieder auf den Weltmeeren segeln wird", sagte sie nach intensiven Gesprächen mit der neuen Werftführung. Die Politikerin sprach von einem schmerzhaften Weg der Erkenntnisse, was schief gelaufen sei. „Die Gorch Fock ist noch nicht in Sicherheit, das will ich auch sagen. Aber wir sehen gemeinsam Licht am Horizont."

Die Besatzung hat indes das Segeltraining schon wieder aufgenommen. Eigentlich nutzt die Marine das rumänische Schwesterschiff "Mircea" als Ersatz für die "Gorch Fock". Doch aus Sicherheitsgründen dürfen die deutschen Kadetten auf dem Segelschulschiff nicht in die Takelage. Die Crew der "Gorch Fock"übt nun auf der "Alexander von Humboldt II", einem 65 Meter langen Dreimaster. Mit den typischen grünen Segeln ist die Bark wie ihr Vorgängerschiff aus der Bierwerbung bekannt. Der Neubau - Motto: "Unser Stolz mit 24 Segeln" - wurde vor einigen Jahren von einer Stiftung mit spitzer Feder gerechnet. Kostenpunkt: knapp 16 Millionen Euro.

Schleswig-Holstein, Kiel: Das Schulschiff der Marine, die "Gorch Fock", läuft unter Segeln über die Kieler Förde. Carsten Rehder/dpa

Chronologie: Die „Gorch Fock" vor der Groß-Sanierung

  • Die „Gorch Fock" ist das älteste Schiff der deutschen Marine. Benannt ist das Segelschulschiff nach dem niederdeutschen Schriftsteller Gorch Fock. Gebaut wurde der Dreimaster auf der Hamburger Werft Blohm&Voss, sein Heimathafen ist Kiel. Ein Rückblick auf die Zeit zur See:
  • 23. August 1958: Die 89 Meter lange und 12 Meter breite „Gorch Fock" läuft vom Stapel. Die vorderen beiden Masten erheben sich jeweils bis rund 45 Meter über den Wasserspiegel, der hintere rund 40 Meter.
  • 17. Dezember 1958: Die Bark kommt in den Dienst der Marine. Die erste Ausbildungsfahrt geht 1959 zur Kanaren-Insel Teneriffa. 1966 wird das Schiff der Marineoffiziersschule Mürwik in Flensburg unterstellt.
  • 23. Juli 1987: Die „Gorch Fock" bricht in Kiel zu ihrer ersten Weltumseglung auf.
  • 14. September 1989: Auf der Auslandsausbildungsreise ins Mittelmeer sind erstmals fünf Frauen mit an Bord - als Offiziersanwärterinnen für den waffenlosen Sanitätsdienst.
  • 17. September 2001: Nachdem die Bundeswehr alle ihre Bereiche für sie geöffnet hat, lassen sich auch Frauen auf der „Gorch Fock" zu Marineoffizierinnen ausbilden.
  • 3./4. September 2008: Aus bis heute ungeklärten Gründen geht in der Nacht eine junge Kadettin nahe der Nordseeinsel Norderney über Bord und ertrinkt. Sie ist der bis dahin fünfte Todesfall auf dem Schiff.
  • 7. November 2010: Eine Offiziersanwärterin stirbt in Brasilien nach einem Sturz aus der Takelage. Anschließend machen Berichte über Drangsalierung, sexuelle Belästigung, chaotische Zustände und angebliche Meuterei die Runde. Konzept und Sicherheitsmaßnahmen werden in einem zwei Jahre dauernden Ausbildungsstopp überarbeitet.
  • 24. August 2015: Die Bark startet zu ihrer bisher letzten Ausbildungsreise. Ende des Jahres geht es auf die Werft zur Groß-Sanierung. Seit 2017 bildet die Marine übergangsweise auf dem rumänischen Schiff „Mircea" aus.

dpa - Von Carsten Hoffmann, Helmut Reuter, Friedemann Kohler (alle Text), Mohssen Assanimoghaddam, Michael Kappeler (beide Foto)

Mehr zum Thema:

Segelschulschiff "Gorch Fock"

Elsflether Werft AG

Sanierungsmaßnahmen "Gorch Fock" in Elsfleth

Alexander von Humboldt II

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

VfB droht Absturz in die Zweite Liga - Union im Vorteil

VfB droht Absturz in die Zweite Liga - Union im Vorteil

EU-Wahl-Auftakt - Hollands Sozialisten nach Prognose vorn

EU-Wahl-Auftakt - Hollands Sozialisten nach Prognose vorn

Kampf des DEB-Teams nicht belohnt: WM-Aus gegen Tschechien

Kampf des DEB-Teams nicht belohnt: WM-Aus gegen Tschechien

Präventionspuppenbühne in Scheeßel

Präventionspuppenbühne in Scheeßel

Meistgelesene Artikel

CDU im Umfragehoch - Parteichefin auf dem Bremer Marktplatz

CDU im Umfragehoch - Parteichefin auf dem Bremer Marktplatz

Drogensünder im Visier: Polizei zieht 116 Fahrer aus dem Verkehr

Drogensünder im Visier: Polizei zieht 116 Fahrer aus dem Verkehr

Spielwiese für 11.000 Tüftler und Technikfans

Spielwiese für 11.000 Tüftler und Technikfans

Zoff unter Clans: Bedrohung und Prügelei

Zoff unter Clans: Bedrohung und Prügelei

Kommentare