Serie: „Bremer Frauen-Geschichten”

Fischverkäuferin Lucie Flechtmann: Alleinerziehend und schlagfertig

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Lucie Flechtmann („Fisch-Lucie“) auf dem Bremer Fischmarkt, 1912.

Bremen - Von Nina Seegers. Sie war schlagfertig, resolut und überaus geschäftstüchtig: Die Fischverkäuferin Lucie Flechtmann (1850-1921) verkaufte vor gut 100 Jahren auf dem Bremer Marktplatz ihre Fische. Sie war ein Bremer Original und ist bis heute unvergessen. Ihr ist daher eine Folge unserer Serie „Bremer Frauen-Geschichten” gewidmet.

Vor der Neuen Börse (heute befindet sich dort das Haus der Bürgerschaft) hatte „Fisch-Lucie”, wie sie von den Bremern auch gern genannt wurde, ihren Verkaufsstand. Ein Einkauf bei ihr konnte durchaus großen Unterhaltungswert haben. Denn wer es wagte, die Qualität ihrer Fische infrage zu stellen, lebte gefährlich: Nicht selten kam es vor, dass Lucie ihre mosernden Kunden dann in breitem Bremer Plattdeutsch schimpfend davonjagte oder ihre Fische gar als Schlagwaffe benutzte. Einmal musste sie sich deshalb sogar wegen Körperverletzung vor Gericht verantworten. Probleme, sich „durchzuschlagen”, hatte sie jedenfalls nicht.

Um sich einen Vorteil gegenüber den anderen Bremer Fischhändlern zu verschaffen, fuhr Flechtmann mit ihrem eigenen Boot schon nachts auf der Weser den Fischkuttern entgegen und kaufte den Fischern ihre beste Ware ab. Es konnte sogar vorkommen, dass sie sämtlichen Fisch aufkaufte. Dann bekamen die anderen Händler von den Fischern nur zu hören: „Lucie hett all upköfft!“

Neben ihrem Fulltime-Job als Fischverkäuferin war Lucie übrigens alleinerziehende Mutter von sage und schreibe 17 Kindern. In dem Buch „Die besten Bremischen Anekdoten” von Karl Lerbs heißt es an einer Stelle: Die „Unzahl ihrer Kinder “ sei abends von „hilfreichen Händen im ganzen Stadtviertel aufgelesen und rudelweise herbeigeschafft“ worden. „Eines Abends als Lucie gerade am Waschfass stand, brachte eine Nachbarin ein etwa dreijähriges, markerschütternd brüllendes Kind herbei, das bis zur völligen Unkenntlichkeit verschmutzt am Ufer der Weser gespielt hatte. ‚Gehört das auch bei deine?‘ fragte sie. Lucie, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, deutete mit einer Kopfbewegung auf eine entfernte Ecke, in der es von ebenso unkenntlichen Erscheinungen wimmelte. ‚Mal sehn‘, sagte sie. ‚Schmeiß es eers man bi ’n Bulten.‘“

Anekdoten gibt es über Fisch-Lucie viele. Rein faktisch ist über ihr Privatleben aber nur wenig bekannt. 1850 wurde sie als Johanna Lucie Henriette Hartig in eine alteingesessene Bremer Fischhändlerfamilie hineingeboren. In zweiter Ehe war sie mit dem Schlosser Albert Flechtmann verheiratet, von dem sie sich aber 1890 trennte. Sie wohnte mit ihren vielen Kindern in der Bremer Neustadt, zunächst in der Großen Annenstraße 96 und später beim Neustadtsbahnhof.

Als die bei den Bremern so beliebte „Fisch-Lucie“ 1921 beerdigt wurde, musste die Polizei den kleinen Friedhof im Buntentor absperren, weil dieser die große Trauergemeinde kaum fassen konnte.

Heute ist in Bremen der Lucie-Flechtmann-Platz in der Neustadt zwischen Weser- und Grünenstraße nach ihr benannt. Jener Platz wird just umgestaltet. Ein Park soll entstehen, das Areal grüner und strukturierter werden.

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