In der Bremischen Evangelischen Kirche gibt es keine Hierarchien und einen „verbrannten Titel“

Glaubensfreiheit ohne Bischof

Bremens oberster evangelischer Kirchenmann, Pastor Renke Brahms, im Dom.Archivfoto: dpa

Bremen - Von Jörg EsserBREMEN · In Bremen ist alles anders. Der Regierungschef heißt einfach Bürgermeister. Und in der Kirchenwelt gibt‘s keinen Bischof. Die Katholiken sind zu wenige, da reicht es in Bremen nur für einen Propst. Und bei den Evangelen „ist der Titel verbrannt“. So formuliert es jedenfalls Pastor Renke Brahms, der als Schriftführer oberster theologischer Repräsentant der Landeskirche ist.

Schriftführer klingt nach Protokollant, nach Vereinsmeierei, nach Skatclub. Weit gefehlt: „Das Amt beschreibt einen Theologen, der die Menschen zur biblischen Schrift führt.“ So umschrieb jüngst Wolfgang Huber, 16 Jahre lang Bischof in Berlin und Brandenburg und von 2003 bis 2009 der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), den Begriff.

Nun denn. Die Bremische Evangelische Kirche (BEK), die mit rund 231 000 Gläubigen zu den kleinsten der 22  evangelischen Landeskirchen in Deutschland zählt, pflegt ihre Tradition ohne Bischof. „In Bremen können sich alle evangelischen Christen der Gemeinde anschließen, die ihnen am meisten zusagt“, betonen Brahms und Brigitte Boehme, als „Präsidentin“ so etwas wie die weltliche Botschafterin der BEK. Und weiter: „Es gibt keine kirchlichen Hierarchien.“

Die 61 Gemeinden sind weitgehend selbstständig, sie genießen Glaubens-, Gewissens- und Lehrfreiheit. So hat sich laut Brahms auf engem Raum zwischen der Großen Kirche in Bremerhaven im Norden, St. Jacobi Seehausen im Süden, St. Nikolai (Mahndorf) im Osten und der Moorlosen Kirche (Mittelsbüren) im Westen eine bunte Gemeindelandschaft entwickelt. Freigeister treffen auf Dogmatiker. Die St.-Martini-Gemeinde in der Innenstadt beispielsweise lässt keine Frauen auf die Kanzel. In der Friedensgemeinde an der Humboldtstraße inszenierte der Alt-Linke Johann Kresnik die „Zehn Gebote“ mit nackten Statistinnen und Günther Kaufmann als „Fremder“. Das Stück, das zunächst im St.-Petri-Dom geplant war, feierte im Januar 2004 Premiere. Und sorgte für einen bundesweit beachteten „Theaterskandal“ und Proteste der Kirchen-Traditionalisten, unter anderem aus Alt-Hastedt. Jene Gemeinde lebte jahrelang mit den Nachbarn von der Auferstehungsgemeinde im Zwist, weil mit den Pastoren auch Welten aufeinandertrafen. Derzeit herrscht wieder Harmonie.

Zurück in die Geschichte: Auch an der Weser residierten einst Erzbischöfe und Bischöfe. Zu den bekanntesten zählen Willehad (787-789) und Ansgar (848-865). Letzter lutherischer Erzbischof war König Friedrich III. von Dänemark. Doch der Regent verlor seinen kirchlichen Titel mit dem Westfälischen Frieden von 1648. „Damit verschwand der Bischofstitel für fast 300 Jahre aus der Bremer Kirchengeschichte“, notieren Historiker. Dann gab’s im Dritten Reich ein unrühmliches Comeback. Die Nationalsozialisten setzten die bremische Kirchenverfassung 1934 außer Kraft und ernannten Domprediger Heinz Weidemann zum Landesbischof. Der forderte unter anderem ein „judenfreies Christentum“. Noch von den Nazis wurde Weidemann ein Jahr vor Kriegsende wegen persönlicher Verfehlungen zu Zuchthaus verurteilt. „Der Bischofstitel war endgültig verbrannt“, so Brahms.

Heute ist der Schriftführer der leitende Geistliche der BEK. Ein Repräsentant ohne Weisungsbefugnis, aber mit zahlreichen Aufgaben, zu denen die Aufsicht über die theologische Ausbildung sowie die Einführung von Pastoren in ihr Amt zählen.

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