Die Fotosammlung des Focke-Museums erlaubt Einblicke in bremische Geschichte / Alltagsleben und Architekturdetails

Vom Glasplattennegativ zum Digitalbild

Aus der Ansichtskartenwerkstatt Beckmann: Blick vom Börsenhof in Richtung Dom. Das Hauptgebäude der Börse wurde im Krieg zerstört. Heute steht hier das Haus der Bürgerschaft.

Bremen - Von Thomas Kuzaj· Als erstes sticht die Schärfe ins Auge. Diese Tiefenschärfe! In Zeiten digitaler Massenfotografie kann man da geradezu neidisch werden auf das, was Fotografen früherer Jahrhunderte zur Verfügung hatten. Jene, die noch mit Glasplattennegativen arbeiteten. Ihre Bilder wurden buchstäblich gestochen scharf.

Eine Altstadtszene von Louis Koch (1843 bis 1901), aufgenommen zur Nordwestdeutschen Gewerbe- und Industrieausstellung 1890.

Beispiele dafür hat Hannelore Bade täglich zur Hand. Sie lagern in säurefreien Kartons, die wiederum in Räumen ohne Tageslicht stehen. Hannelore Bade ist Bibliothekarin im Focke-Museum und dort auch zuständig für die Fotosammlung des Hauses. Das Bildarchiv bietet wertvolle Aufschlüsse über bremisches Leben vergangener Zeiten, über Alltag und Sozialgeschichte, über Architektur und Repräsentation.

„Es ist ein ausgesprochen umfangreicher Fotobestand“, sagt Dr. Heinz-Gerd Hofschen, der im Focke-Museum die Abteilung Stadtgeschichte leitet. Man sammle allerdings nicht wie ein Fotomuseum nach Künstlern, sondern als Landesmuseum eben vieles, was sich „auf Bremen bezieht“, was dokumentarischen Charakter hat. Etliche künstlerische Arbeiten von Rang gehören gleichwohl dazu.

Mensch und Technik: Bordleben beim Norddeutschen Lloyd (NDL), gesehen von Adolf Eugen Jacques.

Und natürlich Fotografiehistorisches. Der Uhrmacher Peter Heinrich August Wolff (1792 bis 1865) etwa war der erste, der sich in Bremen als gewerbsmäßiger Fotograf niederließ. Anno 1843 war das, zur Zeit der Daguerrotypien. Wolffs Atelier lag in der Obernstraße. Wohlhabende Familien ließen sich von ihm fotografieren. Aber Wolff hat auch die Obernstraße aufgenommen, und so ist heute noch zu sehen, wie sie 1843 ausgesehen hat.

Klaus Rohmeyers Blick auf das neue Bremen nach dem Zweiten Weltkrieg.

In den ersten Jahrzehnten der Fotografie wurde es üblich, Häuser und ganze Straßenzüge fotografieren zu lassen – oft mit sorgsam arrangierten Personengruppen davor. Fotografie war ja lange noch kein Massenmedium. Hofschen: „Die Leute konnten noch nicht selber fotografieren. Es war beliebt, ein Foto von der Straße, in der man wohnte, als Postkarte zu verschicken.“ Heute sind diese Aufnahmen aus allen Stadtteilen – und eben nicht nur vom historischen Kern Bremens – wertvolle Dokumente für Historiker. Die Massenfotografie kam erst in den 30er Jahren auf, der praktische (und preiswerte) Rollfilm musste erfunden werden. Richtig durchgesetzt hat sich die Massenfotografie nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 50er Jahren.

Torfkähne von Hans Saebens.

Zu den Schätzen der Focke-Fotosammlung zählen die Arbeiten von Louis Koch (1843 bis 1901). Hofschen: „Fast 1 000 Glasplatten gehören seit 1920 zum Bestand des Museums, dazu gehören 700 zum Teil zeitgenössische Abzüge.“ Bade: „Koch hat die Kaiserbesuche in Bremen dokumentiert. Und er war der Fotograf der Nordwestdeutschen Gewerbe- und Industrieausstellung 1890.“ Jene große Präsentation im Bürgerpark war ein spektakulär inszeniertes Schaulaufen der regionalen Wirtschaft, angetrieben vom Fortschrittsglauben. Hier wurde die erste elektrische Bremer Straßenbahn vorgestellt. Die Exponate der Handels- und Kolonialabteilung bildeten später einen Grundstock des Übersee-Museums.

Louis Koch fotografierte zudem die Stadt Bremen „in einem unglaublichen Ausmaß“, wie Hofschen formuliert. „Er hat viele Umbaumaßnahmen begleitet“, so Bade. Die gestochen scharfen Glasplattennegative sind deshalb heute eine wertvolle Quelle für die Denkmalpflege, die zu den Hauptnutzern der Fotosammlung des Focke-Museums zählt.

Mit der „Derfflinger“ fuhr der Fotograf Adolf Eugen Jacques nach Ostasien.

Aber Glasnegative sind auch hochempfindlich. Zwei Studentinnen der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin haben die Koch-Platten gerade gereinigt – eine aufwendige Restaurierungsarbeit. Es gibt spezifische Probleme. Hofschen: „Die Gelatineschicht auf den Glasplatten zersetzt sich. Man kann diesen Prozess nicht rückgängig machen, nur aufhalten.“ Die Platten also in einen Zustand bringen, der „stabil ist“. Bade: „Zudem wird der Bestand auch digitalisiert. Wir werden in Zukunft nicht mehr an die Platten heranmüssen. Denkmalpflege und Staatsarchiv sind sehr glücklich darüber, dass wir digitalisieren.“

Nun ist auch das nicht ohne Probleme. Niemand weiß, wie lange CDs halten, sprich: lesbar bleiben. Die Museumsleute haben mehrere Sicherheitsebenen eingezogen. So lagern die digitalisierten Bilder unter anderem auf einem Server.

Bremer Alltag, fotografiert von Hans Saebens (1895 bis 1969).

Als einen weiteren Schwerpunkt ihrer Sammlung nennen Bade und Hofschen die Ansichtskarten von Heinrich Beckmann und dessen Nachfahren, deren Geschäft im Fedelhören es bis in die 80er Jahre hinein gab. Aufgenommen haben sie nicht allein touristische Motive, sondern auch etliche Bremer Straßenzüge, Gaststätten und Geschäfte. Einsichten in die großen Zeiten bremischer Passagierschifffahrt bieten die Arbeiten des 1891 geborenen Adolf Eugen Jacques, der Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre für den Norddeutschen Lloyd (NDL) arbeitete – als Bordfotograf, der einen Blick für die Arbeit der Menschen an Bord hatte. Weithin bekannt ist der Name von Hans Saebens (1895 bis 1969), der einen unverkennbaren eigenen fotografischen Stil entwickelte. Aus seinem Nachlass übernahm das Focke-Museum bremische Motive und Umland-Ansichten – Tausende von Negativen und Abzügen, die nun mit ehrenamtlicher Unterstützung inventarisiert werden.

In diesem Jahr hinzugekommen sind Stadtansichten des Fischerhuder Fotografen Klaus Rohmeyer, Jahrgang 1929. Seine expressiven Arbeiten führen praktisch das Saebens-Werk fort. Er zeigt nicht ein Bremen des Wiederaufbaus, sondern ein Bremen des Neuaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg – und führt in seinen klaren Kompositionen stadtplanerische Prinzipien vor Augen.

Ganz anderen Prinzipien folgt eine Fotografie, die ebenfalls zur Sammlung des Museums gehört – das erste Bremer Farbfoto, aufgenommen im Jahr 1914. Es zeigt den Garten der Meierei.

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