Serie „Verschwunden“: Wachtstr. 17

Ein Bremer Giebel auf Wanderschaft

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Ein Renaissancegiebel aus der Wachtstraße schmückt die Hakenstraßen-Fassade des „Deutschen Hauses“.

Bremen - Von Thomas Kuzaj. Das Haus ist weg, der Giebel ist noch da – aber er ist umgezogen. Klingt kompliziert? Nun, dann wollen wir das mal aufdröseln. Thema unserer Serie „Verschwunden“ ist heute das Haus Wachtstraße 17.

Es wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts abgerissen, um Platz zu machen für einen mächtigen Neubau – die prunkvoll verzierte Baumwollbörse des Bremer Architekten Johann Georg Poppe (1837 bis 1915).

In jenen Jahren hatte man nicht immer große Skrupel, wenn es darum ging, historische Bausubstanz zu entfernen. Das Neue sollte ja noch prächtiger werden – sich aber zugleich auch „einfügen“ in ein „bremisches“ Stadtbild.

Das Haus Wachtstraße 17 war ein Bürgerhaus aus dem 16. Jahrhundert – aus der Renaissance also. In der Renaissance – das war die Rückbesinnung auf Errungenschaften der Antike – begann das Bürgertum, begannen die Kaufleute, Gesellschaft und Städte zu prägen. Bauwerke waren ein Ausdruck dieses neuen Selbstverständnisses.

Das Haus wurde abgerissen, der Giebel blieb

Ende des 19. Jahrhunderts hatte man durchaus noch einen Blick für solche Dinge – was zwar den Abriss des Hauses nicht verhinderte, aber offenbar doch dazu führte, den Giebel des Gebäudes zu erhalten. Horizontal klar gegliedert, die Fensterbekrönungen mit Muschelelementen geschmückt – der Renaissancegiebel eines charakteristischen Bürgerhauses.

Die Rückbesinnung auf die Errungenschaften der Renaissance – sie war durchaus ein Thema in der Architektur des beginnenden 20. Jahrhunderts. Zum Beispiel dann, wenn neue Bauten sich in das bremische Stadtbild einfügen sollten. 

Ein Effekt, der oft durch den Einsatz von Fragmenten älterer, nicht mehr vorhandener Bauwerke erreicht werden sollte. Kunsthistoriker nennen sie „Spolien“. Wie berichtet, hat sich Marianne Ricci im jüngsten Band der Buchreihe „Denkmalpflege in Bremen“ (Edition Temmen, 5,90 Euro) in der Innenstadt auf die Suche nach Spolien aus der Renaissance gemacht.

Zahlreiche Alt-Fragmente am „Rathscafé“

Eine reiche Fundstätte in dieser Hinsicht ist das „Deutsche Haus“ am Markt, das in den Jahren 1908 bis 1911 nach Entwürfen des Architekten Rudolf Jacobs (1879 bis 1946), Sohn eines Tischlermeisters, als „Rathscafé“ gebaut wurde. 

Seine Fassaden stecken voller Spolien – mehr als 20 sind es, die aus unterschiedlichen Epochen stammen. Die Bremer hatten dem jungen Architekten nahegelegt, damit zu arbeiten. Nicht allein in Bremen, sondern deutschlandweit war das eine gängige „Praxis dieser Zeit“, so Ricci.

Und siehe da – auch der so schön geschmückte Renaissancegiebel aus der Wachtstraße 17 findet sich am „Deutschen Haus“ wieder. Und zwar an der (vom Marktplatz aus gesehen) Rückseite des Bauwerks – an der Fassade, die zur Hakenstraße hin liegt. Hier hat der Giebel seinen – bis heute jedenfalls – endgültigen Platz gefunden.

Der „Bremer Renaissancestil“ galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts nämlich in der Hansestadt als die „vorrangige spezifisch lokale Bautradition“, so Ricci. Am „Deutschen Haus“ wurden die Spolien so eingefügt, dass sie kaum als solche zu erkennen sind. Dabei steckt hinter der Fassade ein Betonbau. Elemente wie der Giebel täuschen darüber hinweg.

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