Regisseur und Hauptdarsteller Rafi Pitts‘ „Zeit des Zorns“ thematisiert Unterdrückung und Isolation

Es gibt kein Entkommen

Ali Alavi (Rafi Pitts) lebt mit seiner Familie in Teheran. Sie gibt ihm Kraft, bis das Unfassbare geschieht.

Bremen - Von Viviane StrahmannBREMEN · Ali Alavi ist verloren – in einer Stadt aus Beton und Autobahnen, gesellschaftlich isoliert und unterdrückt vom politischen Regime. Der Protagonist von Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller in einer Person, Rafi Pitts, lebt in einer „Zeit des Zorns“.

Über 30 Jahre ist die islamische Revolution im Iran her, als die pro-westliche Monarchie unter Schah Mohammad Reza Pahlavi von Revolutionsführer Ayatollah Khomeini gestürzt und die „Islamische Republik Iran“ ausgerufen wurde. Auch heute noch ist die Situation im Iran angespannt. Sie bildet eine der Grundlagen für Rafi Pitts‘ „Zeit des Zorn“.

Ali wird aus der Haft entlassen. Warum, lässt Pitts offen. Der Zuschauer soll sich lieber selbst ein Bild machen. Ali nimmt eine Arbeit als Wachmann an – eine Nachtschicht, denn eine andere Wahl hat er nicht. Sein größtes Problem: Er bekommt seine Frau Sara (die bekannte iranische Darstellerin Mitra Hajjar) und die beinahe siebenjährige Tochter Saba kaum mehr zu Gesicht. Rastlos und getrieben fährt er über endlos scheinende Autobahnen in einen trost- und leblos wirkenden Wald, in dem Alis grüner Wagen das einzig Lebendige zu sein scheint. Hier ist er immer auf der Suche nach irgendetwas – und jagt.

Aber dieser Wald bietet keinen Rückzugsraum für Ali. Gefangen in einer lauten Stadt, politischer Unterdrückung und gesellschaftlicher Isolation, was eine Flucht unmöglich macht, geschieht Ali das Unfassbare: Seine Frau und sein Kind kommen während einer Demonstration im Gefecht von Polizei und Oppositionellen ums Leben. Der Schicksalsschlag treibt Ali, bereits vorher eine tickende Zeitbombe, endgültig zur Explosion: Mit seinem Gewehr bezieht er einen Posten über der Autobahn, sucht ein Ziel – und findet es in einem Polizeiwagen. Er schießt, trifft und ist ab diesem Zeitpunkt selbst ein Gejagter.

Verhaftet wird er von zwei Polizisten: Der eine leistet seinen Wehrdienst ab und will eigentlich gar kein Polizist sein, der andere – voller Hass auf Ali – will diesen lieber jetzt als gleich erschießen. Ali gerät zwischen die Fronten, in eine abermals ausweglose Situation, aus der es kein Entkommen gibt.

In seinem melancholischen Film zeichnet Rafi Pitts, Sohn eines Engländers und einer Iranerin, das Bild der iranischen Gegenwart und stellt Fragen – nach politischer und gesellschaftlicher Ordnung und nach einem Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit. Der Filmtitel klingt laut, der Film ist, zumindest was die Dialoge der Protagonisten angeht, genau das Gegenteil. Die meisten Anteile am Gesprochenen hat noch der geistige Führer des Irans, wenn seine Wahlkampfparolen aus dem Radio schallen. Eintönig und hoffnungslos kommen sie jedoch herüber.

Ihre Gefühle drücken die Protagonisten ohne viele Worte aus: Ali und Sara, deren Darstellerin Mitra Hajjar die einzige professionelle Schauspielerin im Film ist, verständigen sich durch liebevolle Blicke. Alis verzweifelte Suche nach irgendetwas, seiner Frau und seinem Kind spiegeln sich gut lesbar in seinem Gesicht wider.

„Zeit des Zorns“ ist ein sehenswerter Film, in dem Rafi Pitts statt Wortgewalt lieber auf ästhetische, aussagekräftige und eindringlich inszenierte Bilder setzt. Sie beschreiben das Leben im heutigen Teheran und bieten als Symbole großen Spielraum für vielfältige, vielleicht sogar zu viele Interpretationen.

Am heutigen Donnerstag kommt Rafi Pitts zur Premiere nach Bremen und stellt seinen Film um 21 Uhr in der Schauburg, Vor dem Steintor 114, vor. FSK 12.

Schauburg: 21, Mo nur 21.30 Uhr

WWW.

zeit-des-zorns.de

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