Polizeiliche Kriminalstatistik

Gewalt gegen Polizisten: Auch in Bremen steigt die Zahl der Angriffe an

Meldungen, bei denen von Gewalt gegen Polizisten berichtet wird, nehmen gefühlt zu. Auch auf Demos. Doch entspricht dies auch der Realität? Der große Faktencheck.

Bremen - In der Nacht zu Sonntag, 22. August 2021, gab es in Bremen einen Polizeieinsatz, bei dem Beamte einen Streit zwischen drei Personen schlichten wollten. Im weiteren Verlauf wurden die Einsatzkräfte nach Angaben der Polizei von mehr als 100 Personen umringt, es seien Flaschen geflogen und polizeifeindliche Parolen gerufen worden. Die Situation konnte erst mit Unterstützungskräften sowie dem Einsatz von Pfefferspray und Schlagstöcken aufgelöst werden.

Behörde:Bundeskriminalamt (BKA)
Staatliche Ebene:Bund
Aufsichtsbehörde:Bundesinnenministerium
Hauptsitz:Wiesbaden, Hessen
Behördenleitung:Präsident Holger Münch

Der Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, Lüder Fasche, sieht den Vorfall vor dem Hintergrund nachlassenden Respekt vor der Polizei*. Bei einem Einsatz am Werdersee am Freitag davor seien nach Polizeiangaben Beamte ebenfalls mit Flaschen beworfen worden. Bremens Polizeipräsident Dirk Fasse zeigte sich einer Mitteilung zufolge bestürzt nach den Vorfällen: „Es kann nicht sein, dass Polizistinnen und Polizisten in dieser Stadt grundlos angegriffen werden, nur weil sie ihren Job machen.“

In der Folge der Ereignisse hatte die Polizei Bremen mitgeteilt, eine Nulltoleranz-Strategie zu verfolgen und die Präsenz zu verstärken. In Vegesack zeigte das dann am vergangenen Freitag Wirkung.

Gefühlt nehmen Meldungen über Angriffe auf Polizeikräfte zu. Aber lässt sich dieses Gefühl mit Zahlen belegen?

Gewalt gegen die Polizei: Neuer Schlüssel bei der Erhebung im Jahr 2018 eingeführt

Das Bundeskriminalamt (BKA) gibt jedes Jahr ein „Bundeslagebild Gewalt gegen Po­li­zei­voll­zugs­be­am­tin­nen und Po­li­zei­voll­zugs­be­am­te“ heraus, dem die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik zugrunde liegen. Mit dem Berichtsjahr 2018 wurde zudem ein neuer Schlüssel eingeführt, der Fälle des „tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte und gleichstehende Personen” beziffert.

Innerhalb dieser Kategorie werden unter anderem Polizeivollzugsbeamte gesondert aufgeführt. Im Jahrbuch 2018 des BKA wird dazu erklärt, dass sich durch die Einführung des Schlüssels 621120 die Fallzahlen von „gefährliche und schwere Körperverletzung“ und vor allem von „vorsätzliche einfache Körperverletzung“ zu dem neuen Schlüssel verschieben.

Wie Fälle von tätlichen Angriffen gegenüber Polizisten erfasst werden

Im BKA-Bericht wird unterschieden zwischen Fällen tätlicher Angriffe, bei den Polizeivollzugsbeamte als Opfer erfasst wurden und Fällen in denen die Beamtin oder der Beamte das Opfer war. Dazu heißt es: „Wurden beispielsweise zu einem Fall ‚Mord‘ (Versuch: ‚Nein‘, d.h. vollendeter Mord) drei Opfer erfasst, so ist mindestens ein Opfer durch diese Tat zu Tode gekommen, bei den anderen zwei Opfern muss die Tat nicht zwingend vollendet sein. Mindestens ein Opfer führt die Spezifika „Polizeivollzugsbeamte“, es muss jedoch nicht das Opfer des vollendeten Mordes sein.”

Tätlicher Angriff auf Polizeivollzugsbeamte bundesweit201820192020
männliche Beamte:17.66721.11523.238
weibliche Beamte:3.9845.0616.009
insgesamt:21.65126.17629.247
Quelle:Bundeskriminalamt

Gefühlt werden Angriffe auf Polizisten mehr, aber auch die Zahlen in der Statistik steigen. Ein Blick auf die bundesweiten Zahlen der vergangenen drei Jahre, also seit Einführung des neuen Schlüssels „tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte und gleichstehende Personen“, zeigt dies.

Bei den Zahlen handelt es sich um jene Fälle, bei denen Polizeivollzugsbeamte als Opfer erfasst sind. Die auffallend geringere Zahl betroffener Beamtinnen ist durch die geringere Zahl weiblicher Polizeikräfte zu erklären. Wie das Bremer Innenressort mitteilt, gibt es etwa in der Stadt Bremen 1.735 männliche und 737 weibliche Polizeivollzugskräfte. Die Ortspolizeibehörde Bremerhaven verfügt über 315 männliche und 118 weibliche Personen im Polizeivollzug.

Bundesweit ist eine Zunahme der Gewalt gegen Polizisten zu erkennen

Für die Interpretation der Zahlen ist wichtig zu wissen, dass sie keine einzelnen Personen beziffern, sondern Vorfälle. Im Bericht heißt es dazu: „Bei den Angaben zu den Opferzahlen ist zu berücksichtigen, dass im Gegensatz zu Tatverdächtigen, bei denen eine echte Tatverdächtigenzählung im Berichtsjahr erfolgt (jeder Tatverdächtige wird bei „Straftaten insgesamt“ nur einmal gezählt, unabhängig von der Anzahl der ihm zugeordneten Straftaten), bei Opfern die Häufigkeit des ‚Opferwerdens‘ gezählt wird: wird eine Person mehrfach Opfer, so wird sie auch mehrfach gezählt.“

Die Gewalt gegen Polizeibeamte ist bundesweit im Vergleich zum Vorjahr 2019 gestiegen. Im Jahr 2020 wurden 3.548 Fälle registriert, bei denen eine Polizeibeamtin oder ein -beamter Opfer einer Straftat mit dienstlichem Bezug geworden ist, teilte das Ministerium im März mit. Dies seien 288 Fälle, in etwa 9 Prozent, mehr als in 2019. Zuwächse habe es insbesondere in den Deliktsbereichen des Widerstands und des tätlichen Angriffs gegeben. Bei diesen 3.548 Fällen wurden 7.622 Menschen zu Opfern.

Polizeivollzugsbeamte als Opfer201820192020
Bremen177268307
gesamt21.65126.17629.247
Quelle:Bundeslagebild des BKA, Polizei Bremen / Innenressort Bremen

Auch Bremen stellte seine Polizeiliche Kriminalstatistik im März dieses Jahres für 2020* vor. Dort ist ebenfalls ein Anstieg der Gewalt gegen Polizeibeamtinnen und -beamte festzustellen. Diese habe im Vergleich zum Jahr 2019 um 6,4 Prozent zugenommen. „Mit 432 Delikten liegen die Fallzahlen im Betrachtungszeitraum von 2014 bis 2020 damit auf dem Höchststand. In den Deliktzahlen finden sich sowohl Widerstandshandlungen als auch tätliche Angriffe wieder. Beleidigungen werden darunter nicht erfasst“, teilt das Ressort im März mit.

Zahl der betroffenen Polizeivollzugskräfte auch in Bremen angestiegen

Das Innenressort aus Bremen erkennt ebenfalls einen Anstieg der Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamte und -beamtinnen. Bei den Angaben beziehe man sich auf die Darstellungen aus dem Bundeslagebild „Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamten“ der Jahre 2018 und 2019.

Das Bremer Innenressort erkennt ebenfalls einen Anstieg der Gewalt gegen Polizeivollzugsbeamte und -beamtinnen. (Symbolbild)

„Es handelt sich dabei um Opferzahlen der geschädigten Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamten bei tätlichen Angriffen in den Jahren 2018 mit 177 Personen sowie 2019 mit 268 Personen. Die Zahl der geschädigten Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamten liegt im Jahr 2020 bei 307 Personen. Damit ist die Zahl der geschädigten Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamten bei tätlichen Angriffen im Vergleich zu den Vorjahren gestiegen“, heißt es vom Innenressort.

Polizeigewalt in Bremen: „Es gibt eine neue Qualität und Intensität der Gewalt“

Auch die reinen Fallzahlen, also die Anzahl der Taten im Bereich des „tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte und gleichstehende Personen“ – davon Polizeivollzugsbeamtinnen und Polizeivollzugsbeamten als geschädigte Personen – seien von 2018 bis 2020 gestiegen. „Im Jahr 2018 liegen 79 Fälle vor, im Jahr 2019 127 Fälle sowie im Jahr 2020 143 Fälle“, informiert das Ressort.

Auf die Frage, wie sich der Anstieg der Angriffe auf Polizisten in den vergangenen Jahren erklären lässt, teilt das Ressort mit, dass sich der Trend zu immer häufigeren und schwerwiegenderen Übergriffen auf die Polizei sich seit Jahren fortsetze. „Die Polizistinnen und Polizisten auf der Straße erleben immer häufiger aggressives und respektloses Verhalten. Es gibt eine neue Qualität und Intensität der Gewalt“, heißt es vom Bremer Innenressort. (mit Material der dpa) * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © dpa

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Bin ich gegen Corona immun? Jetzt mit dem Corona-Antikörper-Selbsttest herausfinden

Bin ich gegen Corona immun? Jetzt mit dem Corona-Antikörper-Selbsttest herausfinden

Die lustigsten Grimassen der Kanzlerin und Kanzlerkandidaten

Die lustigsten Grimassen der Kanzlerin und Kanzlerkandidaten

Leckeres Essen zu einem Rabatt: Sparen Sie 50 Prozent auf Ihre Bestellung bei Bofrost

Leckeres Essen zu einem Rabatt: Sparen Sie 50 Prozent auf Ihre Bestellung bei Bofrost

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

waipu.tv feiert Geburtstag: Sichern Sie sich jetzt das Sonderangebot mit Netflix inklusive!

Meistgelesene Artikel

Corona-Chaos um neue Verordnung: Was gilt in Bremen wann und wo?

Corona-Chaos um neue Verordnung: Was gilt in Bremen wann und wo?

Corona-Chaos um neue Verordnung: Was gilt in Bremen wann und wo?
Bremer Union-Brauerei bekommt zweiten Standort

Bremer Union-Brauerei bekommt zweiten Standort

Bremer Union-Brauerei bekommt zweiten Standort
Erst niedergeschlagen, dann reuig: Polizei Bremen schnappt Schlägerduo

Erst niedergeschlagen, dann reuig: Polizei Bremen schnappt Schlägerduo

Erst niedergeschlagen, dann reuig: Polizei Bremen schnappt Schlägerduo
Bremen macht Aufnahmen in Krankenhäuser zum Corona-Leitindikator

Bremen macht Aufnahmen in Krankenhäuser zum Corona-Leitindikator

Bremen macht Aufnahmen in Krankenhäuser zum Corona-Leitindikator

Kommentare