„Die Kunst der Bremer Snitker“

Geschnitzte Geschichten

Das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn als bremische Eichenholz-Schnitzerei aus dem Jahr 1608 – zu sehen jetzt in einer neuen Ausstellung des Focke-Museums. - Foto: Kuzaj

Bremen - Von Thomas Kuzaj. „Im Anfang war das Wort.“ Dann aber kamen die Bilder, die das menschliche Hirn viel besser erfassen kann. Und wer die Macht über die Bilder hat, der hat Einfluss. Die Macht des Wortes, die Macht der Bilder – darum kreist eine neue Ausstellung, die das Focke-Museum am Sonntag, 29. Oktober, um 11.30 Uhr eröffnet und bis zum 2. April 2018 zeigt: „Bildergeschichten der Reformation – Die Kunst der Bremer Snitker“.

Ein Beitrag zu den allgegenwärtigen Reformationsfeierlichkeiten – aber was für einer! Die Ausstellung ist mit Verve inszeniert. Sie lässt ihr Thema in seiner Zeit, ist aber doch ganz von heute. Mit dicken Goldrahmen versehene Texttafeln wecken Assoziationen. Im Inneren wurde sogar einen Kirchenraum nachgebaut – aus Gardinen und Textwänden. An einer fiktiven Kirchenbank (in Wirklichkeit: aus dem Mobiliar des früheren Polizeihauses) eine Hörstation. Der Schauspieler Tim Osten liest Geschichten aus der Bibel, lässt das Wort wirken, wie es nur ein Schauspieler kann.

Und die Bilder? Sie sind hier aus Holz. Detailreiche, aufwendige Eichenschnitzereien. Sie gehören, so eine Sprecherin, „zu den künstlerisch eindrucksvollsten Beständen des Focke-Museums“. Die in der Zeit zwischen 1560 und 1630 in Bremen gefertigten Möbel und Truhen (und Möbelfragmente) zeigen figürliche Bildschnitzereien, die biblische Geschichten nacherzählen.

Und dazu wiederum lassen sich viele Geschichten erzählen. Zuständig dafür ist Dr. Uta Bernsmeier, die Kuratorin der Ausstellung. Es gehe um „eine Art Verweltlichung“, sagt sie. Es geht um strenge Protestanten und noch strengere Calvinisten. Die reformierte Kirche lehnte Kunstwerke im Kirchenraum ab. „Die Kirche wollte die Kunst nicht mehr. Und so ging die Kunst in die Bürgerhäuser“, so Bernsmeier.

Bildersturm – ein beschädigtes Sandsteinrelief aus der Zeit um 1430. Es zeigt Christus mit seinen Jüngern und war Teil einer Nische der St.-Ansgarii-Kirche, in der Heinrich von Zütphen (um 1488 bis 1524) am 9. November 1522 die erste reformatorische Predigt Bremens hielt. 1581/82 schlugen calvinistische Bilderstürmer zu. Gesichter der Heiligen wurden abgeschlagen. - Foto: Kuzaj

Wohlhabende Bürger gaben fromme Darstellungen für ihre Privathäuser in Auftrag. Für die Bremer Bildschnitzer – die im Ausstellungstitel erwähnten „Snitker“ – begann eine jahrzehntelang andauernde Blütezeit. Aus der Kirche in die Bürgerstuben – wer solch einen Schrank, solch eine Truhe in Auftrag gab, der wollte zeigen, dass er sich das leisten konnte. Zweites Element dieser Repräsentation war das sichtbar gewordene Bekenntnis zum Glauben. Und natürlich gleichermaßen zu Barmherzigkeit und Milde, wie auf den Darstellungen zu erkennen war. Das Focke-Museum besitzt die größte Sammlung dieser Schnitzarbeiten, sagt Bernsmeier. Die Ausstellung vereint etwa 50 davon.

Die Holzschnitzer orientierten sich für ihre Arbeiten „an druckgrafischen Vorlagen, die aus Holland kamen“, so Bernsmeier. Das damals hochmoderne Medium des Kupferstichs machte eine Verbreitung möglich. Bernsmeier: „Luther wusste, man muss die Emotion anpacken. Was mit Bildern verknüpft ist, prägt sich ein.“ In der Ausstellung (Gestaltung: Nanna Funke und Steffen Sendelbach) ermöglichen vergrößerte Darstellungen der druckgrafischen Vorbilder einen Vergleich mit den Schnitzarbeiten.

Die in Holz geschnitzten Bilderzählungen sind zuweilen so reich bevölkert, dass sie an die Wimmelbilder aus unserer Zeit erinnern. Da steckt viel im Detail – und ganz deutlich lässt sich erkennen, wie die Macht der Bilder sich entfaltet. „Im Anfang war das Wort.“ Aber zu seiner Verbreitung, da brauchte das Wort das Bild.

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